BMI bei Herzschwäche: Grazer Studie zeigt zentrale Adipositas bei 96 Prozent
Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 09:02 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Beurteilung von Gesundheitsrisiken über den Body-Mass-Index gerät in der Kardiologie zunehmend in die Kritik. Eine Untersuchung der Medizinischen Universität Graz an 4.796 Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz und erhaltener Auswurffraktion verdeutlicht die methodischen Schwächen des etablierten Messwerts.
Wie die im Fachblatt European Heart Journal veröffentlichte Arbeit aufzeigt, erfasst der klassische Quotient aus Körpergewicht und Körpergröße die tatsächliche Gefährdung durch fetteinlagerungen bei Herzschwäche nur unzureichend. Für die Forschungsarbeit wurde der Kardiologe Alexander Peikert mit dem Desmond Julian Award ausgezeichnet.
Diskrepanz zwischen Körpergewicht und Fettverteilung
Im Rahmen der Grazer Untersuchung wurden die Daten von Betroffenen analysiert, die unter einer diastolischen Herzschwäche litten. Während nach den Kriterien des Body-Mass-Index (BMI) 49 Prozent der Studienpopulation als adipös eingestuft wurden, wiesen bei der Messung des Verhältnisses von Taillenumfang zur Körpergröße (Waist-to-Height Ratio, WHtR) 96 Prozent eine zentrale Adipositas auf. Zudem zeigte sich bei 37 Prozent der nach BMI-Maßstäben als nicht adipös eingestuften Patientinnen und Patienten ein deutliches Bauchfett.
Die Forschenden kamen zu dem Ergebnis, dass der BMI ein ungenauer Maßstab für das kardiovaskuläre Risiko sei, und sprachen sich für alternative Parameter zur Risikobeurteilung aus. Die Waist-to-Height Ratio erwies sich in der Erhebung als deutlich enger verknüpft mit erneuten Krankenhausaufnahmen aufgrund von Herzinsuffizienz als der traditionelle BMI.
Ein sogenanntes Adipositas-Paradoxon, bei dem ein höheres Körpergewicht in statistischen Auswertungen mitunter fälschlicherweise als schützend interpretiert wurde, trat unter Verwendung des Taillen-Größen-Verhältnisses nicht auf.
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Grenzen des Standardindex und ergänzende Parameter
Fachpublikationen weisen seit Längerem darauf hin, dass der BMI weder die individuelle Körperzusammensetzung noch die Verteilung des Fettgewebes berücksichtigt. Aus medizinischer Sicht wird daher empfohlen, den Wert lediglich als grobes Screening-Instrument zu nutzen und diesen durch den Taillenumfang oder die WHtR sowie durch Blutdruck-, Glukose- und Lipidwerte zu ergänzen.
Prognostisch ist vor allem das viszerale Fett im Bauchraum relevant. Männer lagern Fettgewebe häufiger viszeral ein, während Frauen insgesamt häufiger schwere Formen der Adipositas entwickeln. In Österreich sind rund 17 Prozent der über 15-Jährigen adipös, und etwa 8 Prozent der Todesfälle werden einer Adipositas zugeschrieben.
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Für eine differenzierte Risikoabschätzung kommen in der Praxis zunehmend ergänzende Modelle zum Einsatz. So wurde etwa der Risikoscore OBSCORE auf Basis von Daten von rund 197.000 Personen mit einem BMI von mindestens 27 kg/m² entwickelt, um das Zehn-Jahres-Risiko für 18 adipositasassoziierte Erkrankungen vorherzusagen. Dieser Ansatz verbesserte die Risikostratifizierung im Vergleich zur isolierten Betrachtung des BMI.
Relevanz für Therapie und Medikation
Trotz der bekannten Limitationen bleibt der BMI in den regulatorischen Leitlinien weiterhin der zentrale Bezugswert. So knüpft die Zulassung moderner medikamentöser Therapien wie Semaglutid und Tirzepatid bei Erwachsenen in Österreich formal an diesen Index an: Die Präparate sind zugelassen ab einem BMI von mindestens 30 kg/m² oder ab einem BMI von 27 bis unter 30 kg/m², sofern mindestens eine gewichtsassoziierte Komorbidität vorliegt.
Die aktuellen Studiendaten aus Graz unterstreichen jedoch, dass eine ausschließliche Ausrichtung an starren Gewichtsklassen die individuelle kardiovaskuläre Gefährdung bei chronischen Erkrankungen wie der Herzinsuffizienz oft unvollständig abbildet.
