Buckelwale, Tierverhalten

Buckelwal-Kuh bleibt stundenlang bei totem Kalb vor Australien

Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 10:41 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Eine Buckelwal-Kuh hat vor der australischen Gold Coast stundenlang Kontakt zu ihrem toten Kalb gehalten. Der dokumentierte Fall wirft erneut die Frage auf, wie Tiere mit dem Verlust eines Artgenossen umgehen.

  • Wale zeigen beim Verlust eines Kalbes oft ein Verhalten, das an Trauer erinnert. (Archivbild) - Bild: Bai Xuefei/XinHua/dpa
    Wale zeigen beim Verlust eines Kalbes oft ein Verhalten, das an Trauer erinnert. (Archivbild) - Bild: Bai Xuefei/XinHua/dpa
  • Elefantenherden versammeln sich oft nach dem Tod eines Artgenossen. (Archivbild) - Bild: Carola Frentzen/dpa
    Elefantenherden versammeln sich oft nach dem Tod eines Artgenossen. (Archivbild) - Bild: Carola Frentzen/dpa
  • Auch Schimpansen verĂ€ndern ihr Verhalten, wenn sie Verlust erleben. (Archivbild) - Bild: picture alliance / dpa
    Auch Schimpansen verÀndern ihr Verhalten, wenn sie Verlust erleben. (Archivbild) - Bild: picture alliance / dpa
  • Orcas tragen ihre toten Babys oft ĂŒber lĂ€ngere Zeit mit sich. (Archivbild) - Bild: ---/Kyodo/dpa
    Orcas tragen ihre toten Babys oft ĂŒber lĂ€ngere Zeit mit sich. (Archivbild) - Bild: ---/Kyodo/dpa
Wale zeigen beim Verlust eines Kalbes oft ein Verhalten, das an Trauer erinnert. (Archivbild) - Bild: Bai Xuefei/XinHua/dpa Elefantenherden versammeln sich oft nach dem Tod eines Artgenossen. (Archivbild) - Bild: Carola Frentzen/dpa Auch Schimpansen verĂ€ndern ihr Verhalten, wenn sie Verlust erleben. (Archivbild) - Bild: picture alliance / dpa Orcas tragen ihre toten Babys oft ĂŒber lĂ€ngere Zeit mit sich. (Archivbild) - Bild: ---/Kyodo/dpa

Vor der australischen Gold Coast hat eine junge Buckelwal-Kuh stundenlang die NĂ€he zu ihrem toten Kalb gesucht und dessen Körper wiederholt berĂŒhrt.

Beobachtung vor Palm Beach Reef

Das Geschehen spielte sich an einem ruhigen Wintermorgen vor dem Palm Beach Reef ab. Zwei Buckelwale bewegten sich durch flaches Wasser, wÀhrend sich einer der Tiere wiederholt an einer Stelle am Meeresboden aufhielt.

Eine dort hinabgelassene Kamera zeigte das tote Kalb. Die Mutter tauchte immer wieder hinab, berĂŒhrte es mit Kopf und Brustflosse und legte sich Auge an Auge neben den Körper. Ein zweiter erwachsener Wal blieb in ihrer NĂ€he; zudem waren LautĂ€ußerungen zu hören.

Stundenlanger Kontakt

Die junge Wal-Kuh blieb nach Angaben des Meeresbiologen Olaf Meynecke von der Griffith University fast zwei Stunden bei dem Kalb. Die Suche nach Körperkontakt, der Versuch eines Augenkontakts und die Dauer des Verhaltens hĂ€tten ihn ĂŒberrascht, sagte Meynecke der Deutschen Presse-Agentur.

Meynecke wertete die Beobachtung gemeinsam mit dem Walretter Andrew Mulville aus und verfasste dazu eine Studie. Nach Angaben der Forscher handelt es sich um den ersten detailliert dokumentierten Fall eines solchen Verhaltens bei einem Buckelwal.

Was Tiere beim Tod eines Artgenossen tun

Ob Tiere trauern können, lĂ€sst sich nicht unmittelbar beantworten. Beobachten können Forscher nur Verhaltensweisen und daraus vorsichtig auf mögliche innere ZustĂ€nde schließen.

Die Buckelwal-Kuh versuchte nicht, das tote Kalb an die WasseroberflÀche zu bringen. Normalerweise helfen Muttertiere ihren neugeborenen KÀlbern beim ersten Atemzug. Meynecke nannte zwei mögliche ErklÀrungen: Die Mutter könnte dazu nicht in der Lage gewesen sein oder erkannt haben, dass das Kalb nicht mehr lebt.

Beispiele von Orcas und Delfinen

Besonders bekannt ist das Orca-Weibchen Tahlequah, das 2018 sein totes Kalb 17 Tage lang vor der nordamerikanischen KĂŒste mit sich trug und dabei mehr als 1.500 Kilometer zurĂŒcklegte. Es hob den Körper wiederholt aus dem Wasser, wenn dieser abzusinken drohte.

Auch bei Grindwalen und Delfinen wurde beobachtet, dass Tiere tote Jungtiere lĂ€ngere Zeit mit sich tragen. Bei Buckelwalen ist die Datenlage dagegen deutlich dĂŒnner.

Schimpansen, Hunde und Katzen

Bei SchimpansenmĂŒttern ist dokumentiert, dass sie tote Jungtiere noch Tage, Wochen oder sogar Monate tragen. Der Primatenforscherin Jane Goodall zufolge isolierte sich der Schimpanse Flint nach dem Tod seiner Mutter Flo zunehmend, stellte die Nahrungsaufnahme ein und starb wenige Wochen spĂ€ter.

Auch bei Haustieren berichten Halter von VerÀnderungen nach dem Tod eines GefÀhrten. In einer Studie mit 159 Hunden und 152 Katzen wurden unter anderem verÀndertes Fressverhalten, hÀufigeres Miauen und die Suche nach den LieblingsplÀtzen des verstorbenen Tieres beschrieben.

Elefanten kehren zu Verstorbenen zurĂŒck

Elefanten versammeln sich an Kadavern, berĂŒhren und beschnuppern sie und kehren wiederholt zu ihnen zurĂŒck. Beobachtet wurde außerdem, dass sie sterbende Tiere stĂŒtzten oder tote KĂ€lber fortzutragen versuchten. Teilweise bedecken sie tote Artgenossen mit Erde oder Pflanzen.

Als 2013 die 55 Jahre alte Elefantenkuh Victoria in Kenia starb, blieb ihre Familie bei ihr. Ihre Tochter Noor verharrte lange an ihrer Seite, wĂ€hrend der Sohn Malasso die Mutter mit den StoßzĂ€hnen anstieß. SpĂ€ter suchten auch Elefanten aus anderen Familien die Überreste auf.

Ob dieses Verhalten einem menschlichen Abschied oder einer Bestattung entspricht, bleibt offen. Sicher ist, dass viele Tiere auf den Tod eines Artgenossen mit anhaltendem und sozial auffÀlligem Verhalten reagieren.

Beobachtbares Verhalten statt menschlicher GefĂŒhle

Die Szene vor der australischen Gold Coast gehört zu einer Reihe dokumentierter FĂ€lle, in denen soziale SĂ€ugetiere nach dem Tod eines Artgenossen ihr Verhalten verĂ€ndern. Bei Walen und Delfinen reicht das Spektrum vom Tragen toter Jungtiere bis zum wiederholten Kontakt mit einem Kadaver. Solche Beobachtungen sind besonders aussagekrĂ€ftig, weil sie ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume und unter natĂŒrlichen Bedingungen erfolgen.

Wissenschaftlich bleibt die Deutung dennoch vorsichtig. Forscher können Körperkontakt, LautĂ€ußerungen, Nahrungsverweigerung oder soziale Isolation messen, aber nicht unmittelbar feststellen, ob ein Tier Trauer im menschlichen Sinn empfindet. Die Begriffe „Trauer“ oder „Depression“ beschreiben deshalb beobachtete Verhaltensmuster und sind keine direkte Diagnose innerer ZustĂ€nde.

Warum der Fall wichtig ist

Bei Buckelwalen ist das Verhalten gegenĂŒber toten KĂ€lbern bislang weniger umfassend dokumentiert als bei Orcas. Der ausfĂŒhrlich beobachtete Kontakt ĂŒber Stunden erweitert damit die Kenntnisse ĂŒber eine Art, deren soziale Beziehungen und Kommunikation noch nicht vollstĂ€ndig verstanden sind. Zugleich zeigt der Fall, wie wichtig Unterwasserkameras und langfristige Beobachtungen fĂŒr die Meeresforschung sind.

FĂŒr den Schutz der Tiere hat die Einordnung praktische Bedeutung: Ein totes Kalb kann auf Krankheiten, Verletzungen, Umweltbelastungen oder andere Gefahren hinweisen. Die Beobachtung selbst erklĂ€rt die Todesursache nicht, liefert aber Hinweise darauf, welche sozialen und biologischen Folgen ein Verlust fĂŒr die Mutter und die Gruppe haben kann.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70214429 |