Burnout-Prävention: 83% arbeiten trotz mentaler Erschöpfung weiter
Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 15:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Prävention von Burnout-Erkrankungen und die damit verbundene Verantwortung von Unternehmen rücken zunehmend in den Fokus wirtschaftlicher und gesundheitspolitischer Debatten.
Da psychische Belastungen am Arbeitsplatz nicht nur individuelle Folgen haben, sondern auch erhebliche volkswirtschaftliche Kosten verursachen, diskutieren Fachleute verstärkt über neue Arbeitszeitmodelle und Präventionsprogramme.
Der Begriff Burn-out wurde bereits in den 1970er Jahren durch Herbert Freudenberger geprägt und beschreibt einen Zustand tiefer Erschöpfung, der heute weite Teile der Arbeitswelt betrifft.
Symptomatik und Risikofaktoren im beruflichen Kontext
Nach Einschätzung des Facharztes Andreas Hagemann gilt tiefe Erschöpfung als das Leitsymptom des Burn-out-Syndroms. Betroffene leiden häufig unter Müdigkeit, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Auch körperliche Beschwerden wie Kopf- und Rückenschmerzen werden mit dem Syndrom in Verbindung gebracht.
Laut Hagemann steige das Risiko insbesondere bei dauerhaft hohen Anforderungen und ausgeprägtem Perfektionismus. Die Folgen sind gravierend: Erkrankte fallen oft über mehrere Monate hinweg im Arbeitsprozess aus.
Ein wesentlicher Faktor für psychische Erkrankungen ist die tägliche Arbeitszeitgestaltung. Der TÜV-Experte Poppelreuter weist darauf hin, dass eine regelmäßige tägliche Mehrarbeit von drei bis vier Stunden mit einem deutlich erhöhten Risiko für depressionen verbunden sein kann.
In Deutschland arbeitet zudem laut einer BIBB-Studie aus dem Jahr 2023 etwa ein Zehntel der Erwerbstätigen suchthaft. Für Betroffene existieren spezifische Hilfsangebote unter der Internetadresse arbeitssucht.de.
Belastungssituation und Präsentismus in der DACH-Region
Aktuelle Untersuchungen verdeutlichen das Ausmaß der Belastung. Die Mavie Stress-Studie zeigt, dass fast 70 Prozent der österreichischen Arbeitnehmer häufig oder sehr häufig unter Stress leiden, wobei Frauen mit 73 Prozent stärker betroffen sind als Männer mit 61 Prozent. Bei 40 Prozent der Befragten ist das Stressniveau in den letzten ein bis zwei Jahren gestiegen.
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Besonders problematisch erweist sich der sogenannte Präsentismus: 83 Prozent der Befragten geben an, trotz mentaler Erschöpfung zur Arbeit zu gehen. Als Hauptgründe werden finanzieller Druck (39 Prozent), das Vermeiden von Schwäche (33 Prozent) und ein schlechtes Gewissen (32 Prozent) genannt.
Dieser Präsentismus verursacht laut einer internationalen Untersuchung durchschnittlich 57,5 Fehltage pro Jahr. Die wirtschaftlichen Folgen sind massiv; so kosten psychische Erkrankungen Österreich jährlich rund 15 Milliarden Euro. Dabei wird die Arbeit von 37 Prozent der Betroffenen als größter Stressfaktor identifiziert.
Ein weiteres Problem stellt die Kommunikation dar: 75 Prozent sprechen im Job nicht über psychische Gesundheit, meist aus Angst vor negativen Konsequenzen oder um sich nicht angreifbar zu machen.
Strategien zur Arbeitszeitgestaltung und Prävention
Die Ärztekammer der Balearen (Comib) reagiert auf die hohe Belastung in der Medizin – laut Studien zeigen 40 bis 45 Prozent der Ärzte in Spanien Burnout-Symptome – mit dem Programm „Escuela Cura Vita“. Die erste Ausgabe ist für den Zeitraum von Oktober 2026 bis Februar 2027 geplant und umfasst 80 Ausbildungsstunden sowie mehrere Präsenz-Retreats und Online-Sitzungen.
In Österreich fordern Institutionen wie die Arbeiterkammer (AK) und der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) eine Verkürzung der gesetzlichen Normalarbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich.
Hintergrund sind Daten der Statistik Austria für das Jahr 2025, wonach rund 170 Millionen Mehr- und Überstunden geleistet wurden. Davon blieben 45,9 Millionen Stunden unbezahlt oder ohne Zeitausgleich, was einem entgangenen Bruttowert von rund 2,5 Milliarden Euro entspricht.
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Einige Unternehmen haben bereits eigenständig Arbeitszeitverkürzungen umgesetzt:
- Ein Betrieb in Oberösterreich reduzierte die Arbeitszeit von 40 auf 30 Stunden, woraufhin die Krankenstände sanken.
- Das Unternehmen Octapharma in Wien senkte die Wochenarbeitszeit von 38 auf 33,6 Stunden bei einer gleichzeitigen Gehaltserhöhung von 125 Euro.
- Die Online-Marketing-Agentur eMagnetix führte eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich ein, was zu einer langfristig höheren Mitarbeiterzufriedenheit führte.
Ergonomische Aspekte und physische Prävention
Neben der zeitlichen Belastung spielt die Gestaltung des Arbeitsplatzes eine Rolle für die langfristige Gesundheit. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) betont, dass bei über 85 Prozent der Betroffenen keine eindeutige Ursache für Rückenschmerzen im Büro vorliegt. Zur Vorbeugung werden zwei bis vier Haltungswechsel pro Stunde empfohlen, wobei Stehphasen maximal 20 bis 30 Minuten dauern sollten.
Ein geeigneter höhenverstellbarer Tisch sollte laut BAuA eine Mindestfläche von 1.600 mal 800 Millimetern und einen Verstellbereich zwischen 680 und 1.180 Millimetern aufweisen. Durch gezieltes Training lasse sich die Rückfallquote bei Kreuzschmerzen statistisch von 50 auf 30 von 100 Betroffenen pro Jahr senken.
