CED-FrĂŒherkennung: Antikörpermuster bis zu 10 Jahre vor Diagnose sichtbar
Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 22:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deWeltweit leben mindestens 3,8 Millionen Menschen mit chronisch-entzĂŒndlichen Darmerkrankungen (CED). Oft vergehen Monate oder Jahre, bis Betroffene nach den ersten Beschwerden Gewissheit ĂŒber ihr Leiden haben.
Eine Untersuchung eines Forschungsteams der Icahn School of Medicine at Mount Sinai und des UniversitÀtsklinikums Groningen unter der Leitung von Dr. Arno Bourgonje und Dr. Saurabh Mehandru zeigt nun, dass sich charakteristische Antikörpermuster im Blut bereits bis zu 10 Jahre vor einer klinischen Diagnose nachweisen lassen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Gut veröffentlicht und auf der UEG Week 2026 in Barcelona vorgestellt.
Analyse von Antikörpern aus der PREDICTS-Kohorte
FĂŒr die Untersuchung analysierten die Forschenden 2.000 Serumproben von insgesamt 500 Personen aus der US-MilitĂ€rkohorte PREDICTS. Die Kohorte umfasste 200 Personen, bei denen spĂ€ter Morbus Crohn diagnostiziert wurde, 200 spĂ€tere FĂ€lle von Colitis ulcerosa sowie 100 nach Alter und Geschlecht gematchte gesunde Kontrollpersonen. Die Blutproben stammten aus dem Zeitpunkt der Diagnosestellung sowie aus Zeitfenstern von etwa 2, 4 und 10 Jahren vor dem Ausbruch der Krankheit.
Mithilfe eines Phagen-Display-Verfahrens (PhIP-Seq) prĂŒften die Wissenschaftler die ReaktivitĂ€t gegen rund 357.000 Protein-Fragmente aus Bakterien, Viren, Nahrungsmitteln und körpereigenem Gewebe. Insgesamt identifizierten sie 123.980 einzigartige Antikörper. Dabei fiel auf, dass die Vielfalt der Antikörper bei spĂ€ter Erkrankten signifikant geringer ausfiel als in der gesunden Kontrollgruppe.
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Spezifische Profile bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa
Die beiden Hauptformen der chronisch-entzĂŒndlichen Darmerkrankungen wiesen dabei unterschiedliche immunologische VerlĂ€ufe auf. Bei spĂ€terem Morbus Crohn zeigten sich bereits Jahre im Voraus verstĂ€rkte Reaktionen gegen Herpesviren, darunter das Epstein-Barr-Virus, sowie Antikörper gegen Flagellin.
Diese AuffĂ€lligkeiten traten besonders bei Betroffenen zutage, die spĂ€ter eine komplizierte oder ileale Verlaufsform mit Stenosen und Fisteln entwickelten. Zum Zeitpunkt der Diagnose ging zudem die ReaktivitĂ€t auf bekapselte Bakterien zurĂŒck.
Bei Colitis ulcerosa zeigte sich ein abweichendes Bild mit steigenden Reaktionen gegen Herpesviren und körpereigene Antigene wie das Protein MADD, wÀhrend die ReaktivitÀt gegen bekapselte Pathogene wie Streptococcus pneumoniae, Haemophilus und Neisseria abnahm. Etwa 4 Jahre vor der Diagnose wurden bei dieser Gruppe besonders ausgeprÀgte Schwankungen der Antikörperwerte gemessen.
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Treffsichere Vorhersagemodelle und offene HĂŒrden
Auf Basis dieser Daten trainierte Machine-Learning-Modelle konnten Personen mit spÀterem Morbus Crohn mit einer TrennschÀrfe (AUC) von 0,90 und spÀtere Colitis-FÀlle mit einem Wert von 0,84 von den gesunden Kontrollen unterscheiden.
Zwischen komplizierten und unkomplizierten Crohn-VerlÀufen differenzierte das Modell mit einer AUC von 0,85. Erstautor Dr. Arno Bourgonje erklÀrte hierzu, dass ein komplizierter Morbus Crohn bereits Jahre vor Beginn der Symptome mit einem distinkten Antikörperprofil verbunden sei und schwere VerlÀufe somit nicht allein eine Folge des Fortschreitens nach der Diagnose darstellten.
Trotz der prĂ€zisen statistischen ZusammenhĂ€nge liefert die Arbeit keinen KausalitĂ€tsnachweis; ein ursĂ€chlicher Zusammenhang, etwa dass das Epstein-Barr-Virus CED direkt auslöst, ist damit nicht belegt. FĂŒr die klinische Praxis bedeutet dies vorerst keine unmittelbare Ănderung: Ein einsatzbereiter Screening-Test zur individuellen Vorhersage existiert noch nicht.
HierfĂŒr sind weitere Validierungen in unabhĂ€ngigen und diverseren Populationen sowie genaue Bewertungen der Testgenauigkeit erforderlich. Auch Fachmediziner von Barts Health ordneten die Methodik als wertvolles Forschungsinstrument ein, das sich gegenwĂ€rtig jedoch noch nicht fĂŒr den klinischen Routineeinsatz eigne.
