Chronischer, Schmerz

Chronischer Schmerz: SemFYC fordert Bewegung statt Medikamente als erste Wahl

Veröffentlicht am: 06.11.2026 um 20:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
SemFYC-Fachvertreter empfehlen bei chronischem Schmerz einen biopsychosozialen Ansatz und warnen vor Risiken einer breiten Opioidnutzung.
Ein heller, minimalistischer Physiotherapieraum mit Holzboden und Blick auf einen grünen Wald, der eine ruhige und therapeutische Umgebung vermittelt. Illustration mit AI erstellt.

In der Behandlung chronischer Beschwerden gewinnt die Abkehr von rein medikamentösen Interventionen zunehmend an Bedeutung. Auf dem XLVI. Kongress der spanischen Gesellschaft für Familien- und Gemeinschaftsmedizin (SemFYC) in Las Palmas de Gran Canaria forderten Fachvertreter, dass Pharmakotherapie bei chronischem Schmerz ohne aktive tumor-, infektions- oder entzündungsbedingte Läsionen nicht die primäre Option sein dürfe.

Stattdessen rückt ein biopsychosozialer, multidisziplinärer Ansatz in den Fokus, der auf gezielter Bewegung, Schmerzedukation und psychologischer Begleitung aufbaut.

Risiken der Pharmakotherapie und geordneter Ausstieg

Innerhalb der Fachgesellschaft betonte María Muñoa aus der Arbeitsgruppe Chronischer Schmerz, dass eine medikamentöse Behandlung keinesfalls den Ausgangspunkt der Betreuung bilden sollte. Für den Bereich Arzneimittel verwies María Eloísa Rogero darauf, dass Opioide für eine breite Anwendung keine ausreichende Wirksamkeit gezeigt hätten.

Zugleich gingen sie mit schwerwiegenden Risiken wie Abhängigkeit, Toleranzentwicklung und erhöhter Mortalität einher. Liege bereits eine Opioidverordnung vor, sei eine eingehende Prüfung der Indikation sowie gegebenenfalls ein schrittweises, geplantes und ärztlich überwachtes Absetzen der Präparate erforderlich.

Lourdes Luzón, Koordinatorin für Patientensicherheit bei der SemFYC, plädiert in diesem Kontext für einen umfassenden Paradigmenwechsel. Die Therapie müsse sich weg von einer isolierten Symptomlinderung hin zu einer Stärkung von Funktionalität und individueller Autonomie entwickeln, um zugleich schädliche iatrogene Belastungen für die Betroffenen zu minimieren.

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Soziale Aspekte und die Wechselwirkung mit der Psyche

Die Expertengruppe wies zudem auf bestehende Ungleichbehandlungen im Gesundheitswesen hin. Diagnostische und therapeutische Defizite träfen überproportional häufig Frauen, Personen mit Migrationshintergrund sowie Angehörige niedrigerer sozioökonomischer Schichten. Nach Angaben des spanischen Schmerzbarometers aus dem Jahr 2022 liegt die Schmerzprävalenz bei Frauen bei 30,5 Prozent, während sie bei Männern 21,2 Prozent beträgt.

Ergänzende Analysen verdeutlichen die enge Verflechtung von körperlichem Leiden und seelischer Gesundheit. Daten, die das Hospital Universitario Marqués de Valdecilla anlässlich der Tagung „Conexiones de Precisión“ präsentierte, zeigen, dass international zwischen einem Drittel und knapp zwei Dritteln der Betroffenen mit chronischem Schmerz affektive Störungen entwickeln.

Studien zufolge weisen Menschen mit einer Depression ein um 71 Prozent erhöhtes Risiko für persistierende Schmerzen auf, während umgekehrt bei chronischen Schmerzen die Wahrscheinlichkeit für depressive Symptome um 37 bis 52 Prozent steigt. In Spanien machten die Schmerzzustände im zurückliegenden Jahr bei 28,6 Prozent der Betroffenen eine Arbeitsunfähigkeit erforderlich.

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Notwendigkeit lückenloser Versorgungsketten

Um multimodale Strategien wirksam in die Praxis zu überführen, fordern medizinische Einrichtungen eine engere Vernetzung aller Sektoren. Im Rahmen einer Fachtagung am Universitätsklinikum Puerta de Hierro Majadahonda sprachen sich über 100 Ärzte und Pflegekräfte für eine durchgängige Betreuung aus.

Dr. Manuel Herrero, Anästhesist und Leiter der dortigen Schmerzkommission, erklärte, dass eine engere Kooperation zwischen Primärversorgung und Fachklinik eine sicherere und patientenzentrierte Versorgung gewährleiste, wodurch Versorgungsbrüche oder unbegleitete Medikationswechsel vermieden würden.

Auch interventionelle Methoden wie die Neuromodulation erfordern eine umfassende Einbettung. Dr. Vincent Bonhomme vom CHU de Liège betonte, dass moderne Stimulationsverfahren eine multimodale Schmerzbehandlung keinesfalls ersetzen können. Auch bei postoperativen Schmerzen empfiehlt er vor dem Hintergrund von Missbrauchs- und Gewöhnungsrisiken eine strikt zurückhaltende Verordnung potenter Opioide.

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