Cisplatin-Chemotherapie: Bis zu 80 Prozent erleiden dauerhaften Hörverlust
Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 14:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deDas Auftreten von OhrgerĂ€uschen steht vermehrt im Fokus medizinischer Berichte, insbesondere im Zusammenhang mit unerwĂŒnschten Nebenwirkungen gĂ€ngiger Arzneimittel. FĂŒr viele Betroffene stellt ein anhaltender Tinnitus eine erhebliche Belastung im Alltag dar.
Angaben des Bundesministeriums fĂŒr Gesundheit zufolge erleben etwa 5 bis 15 Prozent aller Erwachsenen im Laufe ihres Lebens lĂ€nger andauernde OhrgerĂ€usche. WĂ€hrend akuter Tinnitus hĂ€ufig nach wenigen Tagen oder Wochen abklingt, wird er ab einer Dauer von mehr als drei Monaten als chronisch eingestuft.
Ototoxische Wirkstoffe im Ăberblick
Zahlreiche pharmazeutische Substanzen können das Innenohr schĂ€digen oder GerĂ€uschempfindungen auslösen. Das Bundesministerium fĂŒr Gesundheit verweist darauf, dass nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac sowie AcetylsalicylsĂ€ure (ASS) in sehr hoher Dosierung zeitweise OhrgerĂ€usche hervorrufen können.
Hochdosierte Salicylate wirken dabei stark dosisabhÀngig und in der Regel reversibel. Gemeinsam mit bestimmten Diuretika und NSAR beeinflussen sie den Zellstoffwechsel der Cochlea.
Als ototoxisch gelten zudem mehrere Klassen von Antibiotika. Dazu zÀhlen Aminoglykosid-Antibiotika wie Amikacin, Neomycin und Gentamicin, Tetracycline wie Doxycyclin und Eravacyclin sowie Makrolide, darunter Azithromycin, Clarithromycin und Erythromycin. Bei TrÀgern der genetischen Variante m.1555A>G können Aminoglykoside bereits nach einer einzigen Dosis einen irreversiblen Hörverlust auslösen.
Auch bestimmte EntwÀsserungsmittel bergen Risiken: Die Schleifendiuretika Furosemid und Torasemid können vor allem bei bestehender NierenschwÀche sehr selten bleibende InnenohrschÀden verursachen.
Bei Furosemid trat Hochton-Taubheit bei 6,4 Prozent der behandelten Patienten auf, meist 10 bis 20 Minuten nach einer schnellen intravenösen Injektion. Diese bildete sich meist binnen 1 bis 24 Stunden wieder zurĂŒck.
Eine gleichzeitige Gabe von Schleifendiuretika und Antibiotika kann SchÀden am Innenohr zudem beschleunigen. In der Onkologie zeigen Statistiken, dass 40 bis 80 Prozent der Erwachsenen unter einer Chemotherapie mit Cisplatin einen dauerhaften Hörverlust erleiden.
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Forschung zu Botenstoffen und psychischen Faktoren
Tinnitus gilt medizinisch nicht als eigenstÀndige Krankheit, sondern als Warnsignal. Weltweit sind schÀtzungsweise 15 Prozent der Menschen betroffen, vor allem im Alter zwischen 40 und 80 Jahren.
Neurowissenschaftliche Untersuchungen der Proceedings of the National Academy of Sciences unter Leitung von Forschern um Laurence Trussell zeigen komplexe ZusammenhĂ€nge auf: Ein erhöhter Serotoninspiegel im Gehirn kann zwar Ăngste und Depressionen dĂ€mpfen, zugleich jedoch Tinnitus verstĂ€rken.
In Tiermodellen erzeugte eine optogenetische Stimulation serotoninproduzierender Neuronen ĂŒber einen Schaltkreis zum Hörsystem Tinnitus-Ă€hnliche Effekte. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) können OhrgerĂ€usche unter UmstĂ€nden verschlimmern.
Psychische Belastungen stehen oft in enger Wechselwirkung mit dem Gehör: Eine taiwanische Langzeitauswertung von 7.525 Personen mit Angststörung im Vergleich zu 15.050 Personen ohne eine solche Diagnose zeigte ein rund 3,5-fach erhöhtes Risiko, im weiteren Verlauf Tinnitus diagnostiziert zu bekommen.
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Laut S3-Leitlinie wirken Antidepressiva nicht direkt gegen das OhrgerĂ€usch; die kognitive Verhaltenstherapie gilt als am besten untersuchte Methode zur Reduktion von Belastung und Ăngsten.
Warnzeichen und Àrztliche AbklÀrung
Mediziner mahnen Betroffene eindringlich davor, verordnete Medikamente bei Auftreten von OhrgerĂ€uschen eigenmĂ€chtig abzusetzen. Anpassungen oder PrĂ€paratwechsel mĂŒssen stets in Absprache mit dem behandelnden Facharzt erfolgen. Bei mehreren verschreibenden Ărzten ist zudem eine gemeinsame ĂberprĂŒfung des gesamten Medikationsplans ratsam.
Treten die OhrgerĂ€usche abrupt auf, verstĂ€rken sie sich plötzlich oder gehen sie mit Schwindel und Hörminderung einher, handelt es sich um einen Notfall. Bei Verdacht auf einen Hörsturz sollte eine HNO-Ă€rztliche Untersuchung möglichst binnen 24 Stunden bis drei Tagen erfolgen, um rasch therapeutische MaĂnahmen wie die Gabe von Steroiden einleiten zu können.
