Cyber Resilience Act: EU-Regeln ab September setzen Hersteller unter Druck
Veröffentlicht am: 24.07.2026 um 10:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Von veralteten Softwarelücken bis zu versteckten Hintertüren – die Sicherheitslücken in vernetzten Geräten sind alarmierend. Kurz vor Inkrafttreten des EU-Cyber-Resilience-Acts zeigen neue Analysen erschreckende Mängel in Kameras, Routern und sogar Smart-TVs.
Jahrealte SicherheitslĂĽcken in aktuellen Kameras
Die Wansview WVC Q5, eine moderne Sicherheitskamera, wird mit einem Webserver-Fehler ausgeliefert, der bereits 2002 bekannt war. Die Schwachstelle CVE-2002-1819 ermöglicht unbefugten Zugriff auf sensible Konfigurationsdateien – inklusive Cloud-Tokens und Administrator-Zugangsdaten. Angreifer müssen sich lediglich im selben Netzwerk befinden.
Der Sicherheitsdienstleister Finite State deckte das Problem im Januar 2026 auf. Wansview reagierte und veröffentlichte im April ein Update per Over-the-Air-Patch. Doch Experten bleiben skeptisch: Andere Kameras, die auf der AjCloud-Plattform basieren, könnten ähnliche Schwachstellen aufweisen.
Versteckte HintertĂĽren in Routern
Noch gravierender ist der Fall mehrerer Tenda-Router-Modelle, darunter der FH1201 und AC10. Die Geräte enthalten eine undokumentierte Authentifizierungs-Hintertür in ihren Weboberflächen. Ein zweites, verstecktes Passwort in der Konfiguration gewährt Administratorzugriff – ohne Prüfung des Benutzernamens.
Das CERT Coordination Center meldete die Schwachstelle im Mai 2026 dem Hersteller. Bislang blieb eine Reaktion aus, ein Patch existiert nicht. Sicherheitsexperten warnen vor den Folgen: Angreifer könnten den Datenverkehr über DNS-Änderungen umleiten oder die Geräte in Botnetze einbinden.
Smart-TVs als heimliche Proxy-Knoten
Eine Untersuchung der Smart-TV-Ökosysteme von LG und Samsung förderte beunruhigende Erkenntnisse zutage. Proxy-Software-Development-Kits fanden sich in 42,5 Prozent der untersuchten LG-Apps und 26,9 Prozent der Samsung-Apps. Selbst scheinbar harmlose Anwendungen wie Uhren oder Bildschirmschoner leiten fremden Internetverkehr durch die heimische Leitung.
LG kündigte Konsequenzen an: „Wir werden webOS-Anwendungen, die weiterhin als Proxy-Knoten fungieren, sperren“, erklärte Senior Vice President John Taylor. Das Unternehmen prüft derzeit die Zulassungsregeln für seinen App-Store. Kritiker bemängeln, dass die Einwilligung der Nutzer oft nur durch einen einzigen Klick erfolgt – zu wenig, um über die tatsächlichen Risiken aufzuklären.
Protokoll-Lücke gefährdet Gebäudesteuerung
Das in Europa weit verbreitete KNX-Protokoll für Gebäudeautomation weist eine grundlegende Schwachstelle auf: CVE-2023-4346 erlaubt Angreifern, Zugriffsschlüssel und Sicherheitseinstellungen zu manipulieren. Das Problem liegt im Protokoll selbst – ein einfacher Patch existiert nicht.
Schätzungen zufolge sind über 16.000 Systeme betroffen, der Schwerpunkt liegt in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Autosicherheit: Zwei Millionen Fahrzeuge betroffen
Im Automobilsektor wurde Anfang Juli eine schwerwiegende Sicherheitslücke im KARR-Sicherheitssystem geschlossen. Die Bluetooth-basierte Schwachstelle betraf rund 2,2 Millionen Fahrzeuge in den USA. Angreifer in unmittelbarer Nähe konnten Türen entriegeln und Zündungen deaktivieren – der gemeinsam Authentifizierungsschlüssel lag im Klartext vor.
Der Patch wurde am 20. Juli 2026 veröffentlicht. Fahrzeughalter müssen die zugehörige mobile App aktualisieren, um ihre Fahrzeuge zu schützen.
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EU-Regulierung setzt Hersteller unter Druck
Die Sicherheitslücken kommen zu einem brisanten Zeitpunkt. Der EU Cyber Resilience Act (Verordnung 2024/2847) führt ab dem 11. September 2026 eine Meldepflicht für schwerwiegende Vorfälle und Schwachstellen ein.
Bis zum 11. Dezember 2027 müssen alle Produkte mit digitalen Elementen, die in der EU verkauft werden, vollständig konform sein und das CE-Zeichen tragen. Bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu 15 Millionen Euro oder 2,5 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Einige Hersteller reagieren bereits: Panasonic hat seine sicheren Produktentwicklungsprozesse nach dem internationalen Standard IEC 62443-4-1 zertifizieren lassen. Die Frage bleibt, ob andere Hersteller rechtzeitig nachziehen – oder ob die neuen Regeln für ein böses Erwachen sorgen.
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