Cyber-Versicherungen: 80-95% der Vermögenswerte bleiben ungeschützt
Veröffentlicht am: 07.09.2026 um 18:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die globale Marktlandschaft für Cyber-Versicherungen steht vor einer komplexen Neuausrichtung. Aktuelle Analysen des Rückversicherers Swiss Re zeigen, dass der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) bestehende Cyber-Bedrohungen massiv verstärkt, ohne jedoch gänzlich neue Risikokategorien zu schaffen.
Während die technologische Schlagkraft von Angreifern zunimmt, beobachten Marktteilnehmer gleichzeitig eine Entspannung bei den Preisen: Die globalen Cyber-Raten sind bereits das vierte Jahr in Folge gesunken.
Marktvolumen und regionale Verteilung der Prämien
Trotz der sinkenden Raten wird für den globalen Cyber-Versicherungsmarkt ein kontinuierliches Wachstum prognostiziert. Laut Berechnungen von Swiss Re sollen die weltweiten Prämien im Jahr 2026 ein Volumen von 16,4 Milliarden US-Dollar erreichen, für das Jahr 2027 wird ein Anstieg auf 17,1 Milliarden US-Dollar erwartet.
Die Verteilung der Marktanteile bleibt dabei stark konzentriert. Nordamerika dominiert das Geschäft mit einem Anteil von 65 % der globalen Prämien, was für das Jahr 2026 einem Volumen von 10,7 Milliarden US-Dollar entspricht. Europa folgt mit 21 % beziehungsweise 3,42 Milliarden US-Dollar.
Auf den asiatisch-pazifischen Raum entfallen 10 % (1,7 Milliarden US-Dollar), während Lateinamerika sowie der Nahe Osten und Afrika jeweils lediglich 2 % des Weltmarktes repräsentieren (280 Millionen beziehungsweise 310 Millionen US-Dollar).
Die Schutzlücke zwischen Großunternehmen und KMU
Ein zentrales Thema der Branche bleibt die erhebliche Differenz beim Versicherungsschutz. Während die Durchdringungsrate bei Großunternehmen laut Branchenanalysen zwischen 60 % und 70 % liegt, verfügen lediglich 10 % bis 20 % der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) über eine entsprechende Absicherung.
Für Großkonzerne ist das Risiko dabei konkret fassbar: Im Durchschnitt verzeichnen diese Unternehmen zehn Verluste pro Jahr, welche die Deckungsgrenzen von 120 Millionen US-Dollar überschreiten.
Gleichzeitig klafft eine massive allgemeine Schutzlücke. Schätzungen des Rückversicherers SCOR zufolge sind zwischen 80 % und 95 % der Werte in der nicht-physischen Welt derzeit unversichert. Dies korreliert mit Umfragedaten von Munich Re, wonach sich 89 % der Unternehmen weltweit unzureichend gegen Cyber-Risiken geschützt fühlen.
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Beschleunigte Bedrohungslage und infrastrukturelle Risiken
Die Dynamik der Angriffe hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschärft. Experten von Marsh Re weisen darauf hin, dass die mittlere Zeit bis zur Ausnutzung einer Sicherheitslücke von 745 Tagen im Jahr 2020 auf nur noch wenige Stunden im Jahr 2026 gefallen ist. Diese Beschleunigung erhöht den Druck auf die Verteidigungsmechanismen der Unternehmen.
Zusätzlich rücken systemische Risiken in den Fokus. Lockton Re betont die Abhängigkeit von globaler Infrastruktur: Die drei Anbieter AWS, Azure und Google halten zusammen 58 % der weltweiten Kapazitäten für Hyperscale-Rechenzentren. Diese Konzentration führt zu Unsicherheiten bei der Modellierung von Großschäden.
In diesem Zusammenhang warnen Analysten vor inkonsistenten Vertragsklauseln bezüglich kritischer Infrastrukturen. Eine präzisere Definition und technologisch neutrale Formulierungen in den Policen könnten die Schadenquoten der Branche bei extremen Ereignissen deutlich stabilisieren.
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Wirtschaftliche Aussichten der Rückversicherer
Für die Versicherungsunternehmen selbst stellt sich die finanzielle Situation zweigeteilt dar. Während das Jahr 2026 als wirtschaftlich erfolgreich eingestuft wird, prognostiziert MS Re für das Jahr 2027 eine Verschlechterung.
Der CEO des Unternehmens, Robert Wiest, erwartet, dass einige Marktteilnehmer im kommenden Jahr lediglich die Gewinnschwelle erreichen oder sogar in die Verlustzone rutschen könnten. Für den Zeitraum von 2027 bis 2029 bereitet sich das Unternehmen auf schwächere Geschäftsjahre vor.
Vor diesem Hintergrund mahnen Führungskräfte zur Zeichnungsdisziplin. Emily Davis von Everest betonte, dass man trotz sinkender Raten und einer anhaltenden Ransomware-Bedrohung die Rentabilität über die bloße Jagd nach Marktanteilen stellen müsse. In der gesamten Branche werde KI aufgrund ihrer Unberechenbarkeit weiterhin als die große Unbekannte in der Risikokalkulation gewertet.
