Darmmikrobiom: Urbanisierung kostet 90% eines Schutz-Gens
Veröffentlicht am: 06.08.2026 um 00:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Zusammensetzung des menschlichen Mikrobioms steht in einer engen Wechselbeziehung zur Umwelt und dem individuellen Lebensstil. Wissenschaftliche Analysen geben Aufschluss darüber, wie sich die Darmbakterien über lange Zeiträume und unter dem Einfluss der Urbanisierung verändert haben. Diese Erkenntnisse verdeutlichen die evolutionäre Anpassung des Menschen und zeigen potenzielle Risiken für die moderne Gesundheit auf.
Vergleich zwischen Mensch und Primat
Im Zentrum der wissenschaftlichen Betrachtung stehen Untersuchungen des Helmholtz-Instituts für One Health (HIOH). Eine bereits im Januar 2024 in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlichte Studie verglich das Mikrobiom von Menschenaffen mit dem von Menschen aus unterschiedlichen Lebensräumen. Dabei wurden Proben von Bewohnern ländlicher Regionen sowie von Personen aus urbanen Gebieten herangezogen.
Ein wesentliches Ergebnis dieser Arbeit ist die Bestätigung der sogenannten Phylosymbiose sowie der Wirtsspezifität. Diese Fachbegriffe beschreiben die Beobachtung, dass die Zusammensetzung der Darmbakterien nicht zufällig erfolgt, sondern eng mit der evolutionären Abstammung des jeweiligen Wirts verknüpft ist. Die Untersuchung basiert auf der Analyse von 200 Stuhlproben. Nach Angaben der beteiligten Forscher handelt es sich dabei um das bislang umfangreichste Datenset dieser Art, das einen so detaillierten Vergleich über Artgrenzen und Lebensstile hinweg ermöglicht.
Verlust an Diversität durch Urbanisierung
Ein markanter Befund der Analysen betrifft die Gattung Prevotella. Diese Bakterien sind im Darm von Menschen, die in hochgradig urbanisierten Umgebungen leben, deutlich seltener anzutreffen als bei Bewohnern ländlicher Regionen oder bei Menschenaffen. Die Forscher identifizierten zudem spezifische genetische Anpassungen innerhalb dieser Bakteriengruppe.
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Ein bestimmtes Gen konnte bei 90 % der mit dem Menschen assoziierten Prevotella-Bakterien nachgewiesen werden. Interessanterweise fehlte dieses Gen bei den Bakterienstämmen der untersuchten Menschenaffen vollständig. Dies deutet darauf hin, dass sich bestimmte Mikroorganismen im Laufe der menschlichen Evolution spezifisch an ihren Wirt und dessen veränderte Ernährungsgewohnheiten oder Umweltbedingungen angepasst haben. Der Rückgang der bakteriellen Vielfalt in Städten wird in der Wissenschaft oft als Folge von Faktoren wie verarbeiteter Nahrung, erhöhtem Hygienestandard und geringerem Kontakt zu natürlichen Ökosystemen gewertet.
Zusammenhang mit chronischen Erkrankungen
Die Veränderungen in der mikrobiellen Zusammensetzung werden von Fachleuten als relevanter Faktor für die menschliche Physiologie eingeordnet. Es besteht die begründete Vermutung, dass der Rückgang bestimmter Bakteriengruppen und die gleichzeitige genetische Selektion anderer Stämme in einem direkten Zusammenhang mit der Zunahme moderner Zivilisationskrankheiten stehen.
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Insbesondere chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) rücken in diesem Kontext in den Fokus der Forschung. Die Befunde des Helmholtz-Instituts legen nahe, dass die Abweichung von einem ursprünglich ländlich oder naturnah geprägten Mikrobiom die Anfälligkeit für solche Entzündungsprozesse erhöhen könnte. Die Anpassung des Mikrobioms an einen urbanen Lebensstil scheint demnach mit einem Verlust an protektiven Mikroorganismen einherzugehen, was die Darm-Hirn-Achse und das Immunsystem gleichermaßen beeinflussen kann. Die Forscher sehen in der weiteren Entschlüsselung dieser mikrobiellen Anpassungsprozesse einen wichtigen Schlüssel, um die Entstehung von CED und verwandten Krankheitsbildern besser zu verstehen und künftig präventiv agieren zu können.
