Das hilferufende Auto naht
17.10.2023 - 14:19:36Autos, die selbststĂ€ndig die nĂ€chste ParklĂŒcke ansteuern oder automatisch die Werkstatt alarmieren: Das geplante EU-Datengesetz könnte nach EinschĂ€tzung der Allianz-Versicherung das Autofahren in Europa verĂ€ndern. Wenn BrĂŒssel die Hoheit ĂŒber die von heutigen Fahrzeugen produzierte DatenfĂŒlle den Autobesitzern ĂŒbertrĂ€gt, könnten Versicherer und andere Unternehmen mit diesen Daten neue beziehungsweise bessere Dienstleistungen anbieten. Und der Verkehr könnte sicherer werden, argumentierte Allianz-Vorstand Klaus-Peter Röhler am Dienstag beim alljĂ€hrlichen Autotag des Konzerns in Ismaning bei MĂŒnchen.
Beispiel Unfall: «Die Daten werden im Moment des Unfalls schon ĂŒbermittelt. WĂ€hrend ich quasi aus dem Auto krabbele, sind der Abschleppwagen und gegebenenfalls die RettungskrĂ€fte schon unterwegs, der Termin in der Werkstatt ist schon vereinbart», sagte Frank Sommerfeld, Chef der Allianz Sachversicherung.
Seit 2018 ist fĂŒr neue Autos in Europa das Ecall-Notrufsystem fĂŒr UnfĂ€lle Pflicht. Doch dessen Daten dienen der Alarmierung der Rettungsdienste bei schweren UnfĂ€llen und sind nicht fĂŒr externe Dienstleister gedacht.
Auf Basis der von modernen Fahrzeugen produzierten DatenfĂŒlle sind nach EinschĂ€tzung der Fachleute jedoch noch weit mehr Dienstleistungen denkbar. Nach Röhlers Worten könnten Autos ihre Fahrerinnen und Fahrer kĂŒnftig zu freien ParkplĂ€tzen dirigieren, ohne dass diese lang herumkurven mĂŒssen: «Durch die Verwendung von Millionen von Live-Kamera- und Positionsdaten aus Fahrzeugen lieĂe sich das Problem der Parkplatzsuche in InnenstĂ€dten lösen.»
Der «EU Data Act» ist nicht unumstritten
Ein weiteres Beispiel wĂ€re die Untersuchung eines Fahrzeugs ohne Werkstattbesuch. Das sagte Norbert Dohmen, Chef des Autodatendienstleisters Caruso. Das bedeutet unter anderem, dass ein Auto im Idealfall ein technisches Problem selbsttĂ€tig melden könnte, bevor ein defektes Fahrzeug auf der StraĂe liegen bleibt oder einen Unfall verursacht. «Wir stehen aber erst ganz am Anfang», sagte Dohmen zur Vielzahl der technischen Möglichkeiten.
Der «EU Data Act» soll die Nutzungsrechte an der Datenflut regeln, die vernetzte Maschinen erzeugen, Autos inbegriffen. Das Gesetz ist nicht unumstritten. Nicht nur bei Autoherstellern gibt es BefĂŒrchtungen, dass sie um die FrĂŒchte ihrer technischen Entwicklung gebracht werden, wenn sie die Daten unbegrenzt mit Dritten teilen sollen.
Der Autoindustrieverband VDA hatte 2021 vorgeschlagen, das «Berechtigungsmanagement» fĂŒr die Autodaten bei den Herstellern zu belassen. Eine verbreitete Sorge der Industrie ist, dass technische Entwicklungen und GeschĂ€ftsgeheimnisse in die Hand von Konkurrenten gelangen könnten. Die Versicherer wiederum fordern einen neutralen DatentreuhĂ€nder - sie fĂŒrchten, dass die Autohersteller das potenziell lukrative DatengeschĂ€ft fĂŒr sich selbst sichern wollen.
Die EU-Kommission will mit dem Datengesetz dagegen die Rechtsposition der Nutzer stĂ€rken - ĂŒbertragen auf Autos sind das deren Besitzer. Sie sollen das Recht haben, die Nutzung der Fahrzeugdaten fĂŒr Wartung, Reparaturen und sonstige Dienstleistungen auf ein Unternehmen ihrer Wahl zu ĂŒbertragen.


