Rebhuhn-Rettung: Wie der Vogel des Jahres Aufwind bekommt
09.03.2026 - 05:00:08 | dpa.deHier ist besetzt! Das macht der Hahn mit seinem KrĂ€chzen Konkurrenten deutlich. Der Ton kommt allerdings aus einem Lautsprecher, den Marcel Holy in den Abendhimmel hĂ€lt. Es handelt sich um eine akustische Provokation. Der Leiter der Natur- und Umweltschutzvereinigung DĂŒmmer gaukelt RebhĂŒhnern vor, dass da ein anderer Hahn in der Dunkelheit steht.Â
Wenn aus den Feldern ebenfalls der Revierruf «kirrĂ€ck» erklingt, kann er ein Kreuz auf seiner Landkarte machen: Auf diese Weise werden die mĂ€nnlichen RebhĂŒhner gezĂ€hlt. Hier in Brockum nordöstlich von OsnabrĂŒck in Niedersachsen und im angrenzenden Nordrhein-Westfalen sowie in den anderen FlĂ€chenlĂ€ndern. Allerdings ist in vielen Landstrichen Deutschlands keine Antwort eines Hahns zu erwarten.Â
Wie stark ist der Bestand gesunken?
Die Initiative «Rebhuhn retten - Vielfalt fördern!» geht davon aus, dass noch etwa 35.000 bis 61.000 Brutpaare in Deutschland leben. Das bedeute einen RĂŒckgang zwischen 1980 und 2025 um mehr als 80 Prozent. Einer Erhebung des Deutschen Jagdverbandes zufolge ist der Bestand zuletzt leicht gestiegen: Im Vergleich zum Tiefstand 2019 wurden demnach 2023 ein Drittel mehr Paare gemeldet.Â
Warum gibt es deutlich weniger RebhĂŒhner?
Die Umweltorganisation Nabu sieht unter anderem den RĂŒckgang von Insekten als Faktor fĂŒr das Schrumpfen des Bestands. In den ersten Lebenswochen seien junge RebhĂŒhner auf Insekten und Spinnen als Nahrung angewiesen. Zudem seien viele Brachen und krautreiche Feldraine in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen, die zum Nisten und BrĂŒten benötigt werden.
Wie kann das Rebhuhn gerettet werden?Â
Um das Rebhuhn zu retten, setzt die Initiative in einer Reihe von Projektgebieten in acht BundeslĂ€ndern SchutzmaĂnahmen um. Dazu gehören mehrjĂ€hrige BlĂŒhflĂ€chen und Brachen, Getreidefelder mit doppeltem Reihenabstand und niedrig wachsender Untersaat, Feld- und Wegraine sowie Hecken. Auch das Bejagen von Fressfeinden der RebhĂŒhner ist ein Thema.Â
Wie ist die Resonanz bei Landwirten?Â
Im Fokus steht die Landwirtschaft, Lebensraum fĂŒr RebhĂŒhner zu schaffen und zu verbessern. «Wir rennen da offene TĂŒren ein. Die Bereitschaft ist absolut da», sagt Projektmanagerin Elisabeth Böhnlein vom Deutschen Verband fĂŒr Landschaftspflege. Die Fördermöglichkeiten fĂŒr die Landwirte seien allerdings bundesweit nicht gleich, sondern je nach Bundesland sehr unterschiedlich.Â
Kommt das auch anderen Tierarten zugute?
Hunderte Landwirte in Deutschland beteiligten sich an den SchutzmaĂnahmen, heiĂt es. Besonders wichtig sei die Beratung von Landwirten, welche MaĂnahmen und Förderungen möglich seien. FĂŒr die Landwirte mĂŒsse das wirtschaftlich sein. «Die MaĂnahmen helfen nicht nur dem Rebhuhn, sondern auch vielen anderen Arten», betont Böhnlein. Etwa Nachtfalter und andere Vögel profitierten davon.
Wie sieht das konkret aus?
Landwirt Christian Wiese lebt und arbeitet unweit von Brockum in Stemwede in Nordrhein-Westfalen. Die Landesgrenze zu Niedersachsen verlĂ€uft unsichtbar irgendwo zwischen den WindrĂ€dern hinter ihm. Bereits seit fĂŒnf Jahren ist er fĂŒr das Rebhuhn dabei, schafft «Unterschlupf, Nahrung, Sicherheit». Direkt neben BlĂŒhpflanzen stehen weitere Pflanzen und Getreide, die nicht geerntet wurden.Â
In der NĂ€he gibt es weitere BlĂŒhflĂ€chen, die Insekten anziehen, BĂ€ume und einen Teich und damit eine Kombination, eine Vernetzung, wie Wiese betont. Bei der Anfahrt flĂŒchtet gerade ein Fasan ĂŒber das Feld. Um das Raubwild zu reduzieren, nutzt Wiese eine Betonrohrfalle. Zum Raubwild gehören in dieser Gegend neben Fuchs, Marder und Dachs auch WaschbĂ€ren und Marderhund.Â
Wie erfolgreich ist das Projekt?
Die DĂŒmmerregion um Brockum und Stemwede in Niedersachsen und NRW ist eines von vielen Projektgebiete zur Rettung des Rebhuhns. An 94 Routen wurden dort 2025 laut Monitoring 121 HĂ€hne nachgewiesen. Aber an fast jeder zweiten Route wurde kein Hahn festgestellt. «An manchen Strecken gab es mehr Nachweise als in den Vorjahren», sagt Holy zur laufenden ZĂ€hlung 2026.
Ein genereller AufwĂ€rtstrend sei aber nicht zu sehen. «Wir konzentrieren den Einsatz der Fördermittel in Schwerpunktbereichen.» Mit neuen BlĂŒhstreifen gebe es Erfolge. Auf der Route in Brockum zĂ€hlten Holy und seine sechs freiwilligen Helfer von 18.40 bis 19.10 Uhr fĂŒnf HĂ€hne anhand der Revierrufe. Und einen Hahn, der mit seiner Henne kurz nach Beginn der ZĂ€hltour aus dem Feld davonflog.Â
Warum wird im Halbdunkel gezÀhlt?
Die ZĂ€hlaktionen finden in der Balzzeit rund um Sonnenuntergang statt. In der DĂ€mmerung fĂŒhlen sich die HĂ€hne einigermaĂen sicher, um «Alarm zu machen». Ist es zu hell, droht Gefahr durch Habicht und MĂ€usebussard. Ist es dunkel, können Fuchs und Marder leichte Beute machen.
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Laut Monitoring 2025 wurden vergleichsweise hohe Rebhuhn-Dichten erneut in Hessen im Projektgebiet GieĂener Land und Wetterau festgestellt. Eine besonders positive Entwicklung wurde im Hessischen Ried und im GĂ€uboden (Landkreis Straubing-Bogen) beobachtet. In vielen Regionen wie Oberfranken, Göttingen und nördliches Eichsfeld blieb der Rebhuhnbestand stabil.Â
Die sechs Helfer bei der ZĂ€hltour in Brockum nehmen an diesem Abend ein besonderes Natur- und auch Klangerlebnis mit. FĂŒr manche sind es erste Erfahrungen mit dem Revierruf des Hahns, der jetzt sicher zugeordnet werden kann.
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