Kein Ende im Streit um BĂ€ren im Trentino
29.02.2024 - 16:53:43Kaum jemand kennt die WĂ€lder im Trentino so gut wie Matteo Zeni. Wenn der Förster seine Runden durch die bergige Gegend westlich der Provinzhauptstadt Trient im Norden Italiens geht, dann weiĂ er genau, an welcher Ecke, in welcher Schlucht oder in welcher Höhle sich BĂ€ren aufhalten können. Das Trentino gilt als die BĂ€ren-Region Italiens. Zeni erzĂ€hlt von seiner Liebe und Faszination fĂŒr die braunen Giganten, aber auch von unschönen Begegnungen mit ihnen, die jedoch immer glimpflich ausgegangen sind.
Da war etwa das Aufeinandertreffen mit zwei BĂ€ren wĂ€hrend der Paarungszeit im FrĂŒhsommer. Das BĂ€renpaar hatte sich hinter einen kleinen HĂŒgel zurĂŒckgezogen und wurde durch Zeni ĂŒberrascht. Aus Schreck machte sich das MĂ€nnchen auf und rannte auf ihn zu. «In solchen Momenten muss man Ruhe bewahren und still stehen bleiben», so Zeni. Nach einigen Momenten beruhigte sich der BĂ€r und wendete sich ab. SpĂ€ter - mit sicherem Abstand - rief Zeni in den Wald: «scusate!» - entschuldigt, dass ich euch gestört habe.
BraunbÀren haben eine lange Geschichte in der Provinz
BraunbÀren haben im Trentino eine lange Geschichte. Eigentlich war ihr Schicksal in der bei Wanderern und Urlaubern beliebten Provinz in Norditalien schon vor einiger Zeit besiegelt. Der BraunbÀr war fast ausgestorben, aber Ende der 1990er Jahre siedelte man im Zuge des Projektes «Life Ursus» zehn BÀren aus Slowenien dort an.
Inzwischen gibt es etwa 100 ausgewachsene BĂ€ren dort, wie der Direktor des Wildtierdienstes, Alessandro Brugnoli, im GesprĂ€ch mit der Deutschen Presse-Agentur sagt. Eine genaue Zahl ist schwer zu ermitteln, da die Tiere wanderfreudig sind. Doch es seien viel zu viele. Und die Anzahl der BĂ€ren wĂ€chst von Jahr zu Jahr weiter, sagt Brugnoli. Die meisten halten sich westlich des Etschtals auf. Selten trauen sich mutige - meist mĂ€nnliche - Tiere ĂŒber die Etsch und die Bahngleise sowie unter der Autobahn durch gen Osten.
Die meisten Begegnungen verlaufen friedlich
Immer wieder kommt es zu ungewollten Begegnungen zwischen Menschen und BĂ€ren in den WĂ€ldern des Trentino. Nur selten passiert etwas, doch es kam schon zu ZwischenfĂ€llen. Nach Angaben des Wildtierdienstes sind seit 2014 acht BĂ€renangriffe im Trentino verzeichnet worden. Diese sorgten in der Bevölkerung fĂŒr Aufregung. Die Forderungen nach hĂ€rteren MaĂnahmen zur Kontrolle der BĂ€renpopulation wurden lauter.
Vor knapp einem Jahr kippte die Stimmung vollends. Im April vergangenen Jahres hatte die BĂ€rin JJ4, genannt Gaia, einen 26-jĂ€hrigen Jogger bei Caldes im Val di Sole attackiert und getötet. Er war im Wald auf sie und ihre BĂ€renjungen gestoĂen. Die BĂ€rin konnte aufgespĂŒrt und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vom Forstkorps gefangen werden. Der junge Jogger aus dem Trentino war der erste sogenannte BĂ€rentote in Italien. Der Fall stelle eine ZĂ€sur im Trentino dar, sagt Brugnoli. «Es gibt ein Davor und Danach.»
Emotionale Debatte um die BĂ€ren
Seitdem hat sich die ohnehin schon emotionale Debatte um die BĂ€ren im Trentino weiter zugespitzt. ProvinzprĂ€sident Maurizio Fugatti ordnete die Tötung von JJ4 an. Bis heute streiten sich TierschĂŒtzer und die Provinz vor Gericht um die «ProblembĂ€rin», die sich in einem Tierpflegezentrum befindet. Der Ton ist harscher geworden: Fugatti und andere Provinzvertreter werden inzwischen bedroht - zum Teil mit dem Tod. Mitarbeiter des Forstkorps und des Wildtierdienstes erhalten Drohanrufe auf ihren privaten Telefonen und werden Opfer von sogenannten Mail Bombings.
ProvinzprĂ€sident Fugatti war es seit jeher mit bĂŒrokratischen HĂŒrden möglich, einzelne Tötungen von «ProblembĂ€ren» anzuordnen. Nun soll ein umstrittenes Gesetz kommen, das die Tötung von bis zu acht BĂ€ren im Trentino pro Jahr ermöglicht. Man bremse so den Anstieg der BĂ€renpopulation und gewĂ€hrleiste die Sicherheit der Menschen, hieĂ es von der rechten Provinzregierung. Am Montag (4. MĂ€rz) entscheidet der Trentiner Landtag endgĂŒltig darĂŒber. Fugatti verfĂŒgt ĂŒber eine Mehrheit im Consiglio, sodass die Verabschiedung als sicher gilt.
ProvinzprĂ€sident entscheidet ĂŒber Schicksal von ProblembĂ€ren
Es obliegt dann allein dem ProvinzprĂ€sidenten, problematische Tiere fĂŒr den Abschuss freizugeben. Von den maximal acht pro Jahr darf es sich nur um zwei erwachsene Weibchen, zwei erwachsene MĂ€nnchen sowie vier Jungtiere handeln. Mit dieser Höchstquote sollen Fakten geschaffen werden. Sie soll jeweils fĂŒr die Jahre 2024 und 2025 gelten - fĂŒr 2026 soll eine neue festgelegt werden.Â
TierschĂŒtzer kĂŒndigten bereits Widerstand gegen das neue Gesetz an. TatsĂ€chlich gibt es auch andere Methoden zum Schutz vor BĂ€ren, wie ein «Anti-BĂ€ren-Spray», also hochdosiertes Pfefferspray. Und damit BĂ€ren nicht von MĂŒll angezogen werden, werden vermehrt bĂ€rensichere MĂŒlltonnen aufgestellt. Sie sind fest im Boden verankert und lassen sich nur per Knopfdruck öffnen. Denn die BĂ€ren haben gelernt, Tonnen umzuwerfen und zu plĂŒndern.
Informationskampagne fĂŒr alle
Die nachhaltigste Lösung wĂ€re laut Brugnoli jedoch eine Informationskampagne. Nicht nur fĂŒr Trentiner, sondern auch fĂŒr Wanderer und Urlauber, die jedes Jahr in Scharen ins Trentino kommen. Es sei fĂŒr alle von Vorteil zu wissen, wie BĂ€ren im Notfall einzuschĂ€tzen sind.
Matteo Zeni und seine Kollegen vom Forstkorps stehen in dem BĂ€ren-Streit immer zwischen den StĂŒhlen. Den einen machen sie zu viel fĂŒr die BĂ€ren, den anderen zu wenig gegen sie. Dabei geht es bei der Arbeit der Behörden darum, das Zusammenleben von Mensch und BĂ€r so friedlich wie möglich zu gestalten und eine Situation zu schaffen, in der keiner von beiden zu Schaden kommt. Es bleibt abzuwarten, ob das neue Gesetz die Koexistenz voranbringt - oder den Graben in der emotionalen Debatte noch tiefer werden lĂ€sst.


