Demenz-Screening, Stimme

Demenz-Screening per Stimme: Modell wertet über 700 Sprachmerkmale aus

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 00:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine KI-Auswertung von Sprachaufnahmen verknüpft höheres biologisches Sprachalter mit kognitiven Einschränkungen, erlaubt aber noch keine Verlaufsprognose.
Ein hochwertiges, analoges Audiogerät mit feinen Texturen steht auf einer Steinplatte und symbolisiert die akustische Analyse. Illustration mit AI erstellt.

Die Bestimmung des biologischen Alters liefert in der Medizin wichtige Hinweise auf Alterungsprozesse und das Risiko neurodegenerativer Erkrankungen. Bislang waren dafür vor allem aufwendige Magnetresonanztomografien oder molekularbiologische DNA-Analysen erforderlich.

Eine vom Global Brain Health Institute geleitete und von den National Institutes of Health finanzierte Studie, die am 30. September 2026 im Fachjournal Science Advances veröffentlicht wurde, stellt nun ein alternatives Verfahren vor.

Demnach kann eine auf maschinellem Lernen basierende Stimmuhr das biologische Alter anhand von Sprachaufnahmen mit einer ähnlichen Genauigkeit schätzen wie etablierte bildgebende Verfahren oder epigenetische Uhren.

Breiter Datensatz und hunderte akustische Merkmale

Für die Untersuchung unter der Leitung der Forscher García und Ibanez analysierte das Team Daten von 2.928 spanischsprachigen Teilnehmenden aus Kolumbien, Peru, Mexiko, Chile und Argentinien. Das Durchschnittsalter der Probanden lag bei etwa 65 Jahren, wobei 67 Prozent der Kohorte Frauen waren.

Das Kollektiv umfasste 1.504 kognitiv gesunde Personen sowie 1.424 Teilnehmer mit neurodegenerativen Diagnosen. Unter den Erkrankten wiesen 24 eine leichte kognitive Beeinträchtigung auf, 1.068 litten an Alzheimer und 332 an frontotemporaler Demenz.

Das entwickelte Machine-Learning-Modell wertete über 700 akustische und linguistische Messgrößen aus, die in sieben Kategorien unterteilt waren. Die Schätzung des biologischen Alters wich im Durchschnitt um etwa 9 Jahre vom chronologischen Alter ab. Das System erklärte rund 44 Prozent der Altersvarianz und erreichte nach statistischer Korrektur eine Korrelation von 0,74.

Zusammenhänge mit Demenzformen und Biomarkern

Die Differenz zwischen dem geschätzten biologischen Sprachalter und dem chronologischen Alter fiel bei den untersuchten Gruppen unterschiedlich deutlich aus. Die größten Abweichungen zeigten sich bei Patienten mit frontotemporaler Demenz, gefolgt von Alzheimer-Patienten und Personen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen. Bei kognitiv gesunden Teilnehmenden war die Lücke am geringsten.

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Zudem korrelierten größere Abweichungen im Sprachalter mit schlechteren Ergebnissen in kognitiven Leistungstests. Bei Personen mit einer Alzheimer-Diagnose ging eine größere Diskrepanz zusätzlich mit erhöhten Konzentrationen des Biomarkers p-tau217 im Blut einher.

Über biologische Faktoren hinaus erfasste das Modell auch Umweltbedingungen: Belastungen und Widrigkeiten im sozialen Umfeld waren sowohl bei gesunden Probanden als auch bei Alzheimer-Patienten mit einem höheren sprachbasierten biologischen Alter verbunden.

Potenzial als Screening-Instrument und methodische Grenzen

Beteiligte Wissenschaftler, unter anderem vom Trinity College Dublin, sehen in dem Verfahren ein berührungsfreies, kostengünstiges und aus der Ferne einsetzbares Werkzeug. Die Methode soll bestehende Bildgebungsverfahren oder Bluttests nicht ersetzen, sondern als ergänzendes Instrument für die Vorsorge und Triage dienen – insbesondere in medizinisch unterversorgten Regionen, in denen der Zugang zu MRT-Geräten und Speziallaboren begrenzt ist.

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Wie Adolfo García, Direktor des Centro de Neurociencias Cognitivas an der Universidad de San Andrés, darlegte, beginnen hirnorganische Veränderungen bei Alzheimer oft bereits 15 bis 20 Jahre vor dem Auftreten deutlicher Symptome. Sprache, Sprechtempo und Wortwahl könnten frühzeitig beeinträchtigt werden.

In diesem Kontext kommt in Forschung und Praxen in Chile, Kolumbien und Nicaragua bereits die Anwendung TELL zum Einsatz. Diese benötigt laut García lediglich ein bis zwei Minuten Sprachmaterial bei einfachen Aufgaben wie dem Aufzählen von Tieren oder dem Nacherzählen eines Videos.

Einschränkend weisen die Autoren darauf hin, dass das derzeitige Querschnittsdesign der Studie noch keine verlässliche Prognose über den künftigen kognitiven Verfall erlaubt. Um die langfristige Aussagekraft der Stimmanalyse zur Demenzfrüherkennung abzusichern, seien weiterführende Verlaufsstudien über längere Zeiträume erforderlich.

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