Demenzdiagnose: Bis zu 75 Prozent der FĂ€lle bleiben weltweit unerkannt
Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 02:43 Uhr | Redaktion boerse-global.deWissenschaftler und Fachorganisationen plĂ€dieren verstĂ€rkt fĂŒr ein frĂŒheres Eingreifen bei Demenzerkrankungen. Wie Fachleute der Katholischen UniversitĂ€t Murcia (UCAM) und der Vereinigung AFADE auf der regionalen Fachtagung fĂŒr Gehirngesundheit im spanischen Murcia betonten, können moderne Biomarker-Analysen ĂŒber Bluttests frĂŒhzeitig aufzeigen, ob ein kognitiver Abbau auf eine beginnende Demenz zurĂŒckgeht. Flankierend dazu bieten Lebensstilfaktoren wie eine ausgewogene ErnĂ€hrung und gezielte Bewegung Potenziale, um den Krankheitsverlauf hinauszuzögern.
Diagnostische Fortschritte durch moderne Bluttests
Die biologischen Prozesse einer Alzheimer-Erkrankung setzen meist schleichend ein. Angaben des US-National Institute on Aging zufolge können krankhafte VerĂ€nderungen im Gehirn, die mit Beta-Amyloid und Tau-Proteinen zusammenhĂ€ngen, bereits ein Jahrzehnt oder lĂ€nger vor dem Auftreten erster GedĂ€chtnisprobleme beginnen; die Amyloid-Belastung nehme teils ĂŒber zehn bis 20 Jahre zu.
Laut dem Pharmaunternehmen Roche bleiben weltweit bis zu 75 Prozent der DemenzfÀlle undiagnostiziert, wÀhrend global mehr als 55 Millionen Menschen von Demenzerkrankungen betroffen sind.
Um neurodegenerative VerĂ€nderungen rechtzeitig zu identifizieren, rĂŒcken Bluttests in den Fokus der klinischen Praxis. Entsprechende Tests ermöglichen den Nachweis frĂŒher biologischer Marker wie pTau217 und pTau181 und können invasive Verfahren wie die Lumbalpunktion oder aufwendige PET-Scans teilweise ersetzen.
Wie Dr. Ashton Harper von Roche Diagnostics hervorhob, erlaubt ein solcher Ansatz schnelle Routineuntersuchungen in der PrimĂ€rversorgung, da HausĂ€rzte den Test direkt veranlassen und die bestehende Laborinfrastruktur nutzen können. Die US-Arzneimittelbehörde FDA lieĂ bereits 2025 erstmals einen kombinierten Bluttest auf pTau217 und Beta-Amyloid 1-42 fĂŒr symptomatische Erwachsene ab 55 Jahren zu.
Interventionen und kognitive Reserve
Eine frĂŒhzeitige AbklĂ€rung ist insbesondere im Stadium der leichten kognitiven BeeintrĂ€chtigung (MCI) von Bedeutung. Kim Min-jae von der Soonchunhyang-UniversitĂ€t in Seoul erklĂ€rte, dass nicht alle FĂ€lle einer leichten BeeintrĂ€chtigung zwangslĂ€ufig in eine Demenz ĂŒbergehen; Untersuchungen zeigten jedoch, dass jĂ€hrlich etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen diesen Ăbergang vollziehen.
Zur Diagnostik werden neben Bluttests auch neuropsychologische Verfahren, MRT-Untersuchungen und Amyloid-PET eingesetzt. Wird eine Alzheimer-Krankheit nachgewiesen, können Antiamyloid-Antikörpertherapien den kognitiven Abbau und das Fortschreiten verlangsamen.
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Parallel zu medikamentösen AnsĂ€tzen erforschen wissenschaftliche Einrichtungen prĂ€ventive MaĂnahmen. Die CĂĄtedra de Gerociencia der UCAM erzielte in einem klinischen Versuch mit 240 Teilnehmenden positive Ergebnisse beim Einsatz einer natĂŒrlichen Substanz zur Verzögerung des Ăbergangs in eine Demenz, wobei die Untersuchungen weitergefĂŒhrt werden.
JosĂ© Viña von der UCAM betonte in diesem Zusammenhang den spĂŒrbaren Fortschritt der vergangenen Jahre, wĂ€hrend MarĂa Clavel von AFADE unterstrich, dass ein Aufschub des Krankheitsbeginns um fĂŒnf Jahre fĂŒr betroffene Familien eine erhebliche Entlastung bedeute. Allein im Servicio Murciano de Salud befinden sich mehr als 3.400 Personen wegen kognitiver BeeintrĂ€chtigungen in Behandlung.
Lebensstilfaktoren und strukturelle Herausforderungen
Neben medizinischen Therapien spielen modifizierbare Verhaltensweisen eine Rolle. MarĂa Carrillo von der Alzheimer's Association wies darauf hin, dass gezielte LebensstilĂ€nderungen bei Ă€lteren Erwachsenen mit hohem Demenzrisiko zu einer verbesserten Kognition fĂŒhrten, die ĂŒber zwei Jahre erhalten werden konnte.
Im Rahmen des Programms LatAm-FINGERS, das in 14 lateinamerikanischen LĂ€ndern lĂ€uft, untersucht die Organisation MaĂnahmen wie ErnĂ€hrung, Bewegung, kardiovaskulĂ€re Kontrolle sowie kognitive und soziale Stimulation.
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Zwar sei die Verzögerung einer Demenz dadurch derzeit noch nicht abschlieĂend belegbar, die Organisation finanziere jedoch eine vierjĂ€hrige Nachbeobachtung zur Therapietreue. Zugleich kritisierte Carrillo bestehende wirtschaftliche Barrieren beim Zugang zu FrĂŒhdiagnosen und kostenintensiven Therapien.
Den Stellenwert von Risikofaktoren unterstreicht auch die Lancet-Kommission: Durch die Minimierung von 14 identifizierten Faktoren könnte rechnerisch jeder zweite Demenzfall verhindert werden. Vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung gewinnt dieser Ansatz an Relevanz.
Laut einer in JAMA Neurology publizierten Untersuchung der UniversitÀt New South Wales wird erwartet, dass die weltweiten jÀhrlichen Neuerkrankungen von 11,4 Millionen im Jahr 2023 auf rund 24,7 Millionen im Jahr 2050 ansteigen.
In Deutschland lebten nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft Ende 2025 rund 1,8 Millionen Betroffene; bis zum Jahr 2050 könnte die Zahl der Erkrankten im Alter ab 65 Jahren auf bis zu 2,6 Millionen anwachsen.
