Demenzprävention: 14 Risikofaktoren könnten jeden zweiten Fall verhindern
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 02:43 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Verschiedene Gesundheitsberichte betonen, dass tägliche Lebensstilentscheidungen und eine frühzeitige medizinische Diagnostik entscheidend dazu beitragen können, Demenzfälle zu vermeiden oder den Krankheitsverlauf hinauszuzögern. Wissenschaftliche Erhebungen verdeutlichen, dass das individuelle Erkrankungsrisiko maßgeblich durch veränderbare Faktoren beeinflusst wird.
Nach Einschätzung der Lancet-Expertenkommission könnte rechnerisch jeder zweite Demenzfall verhindert werden, wenn 14 bekannte Risikofaktoren konsequent minimiert würden. Allein hohe Werte des LDL-Cholesterins im mittleren Lebensalter sind dem Gremium zufolge für rund 7 Prozent des Alzheimer-Risikos verantwortlich.
Früherkennung und unerkannte Krankheitsfälle
Für den Erfolg präventiver und therapeutischer Maßnahmen spielt der Zeitpunkt der Erkennung eine zentrale Rolle. Nach Angaben des Demenzforschers Prof. Emrah Düzel ermöglichen moderne Bluttests mittlerweile den Nachweis von Alzheimer-Merkmalen bis zu 20 Jahre vor dem Ausbruch einer Demenz.
Zu den oft unterschätzten Einflussfaktoren auf das Demenzrisiko zählte der Wissenschaftler zudem soziale Isolation, Depressionen sowie eine unbehandelte Schwerhörigkeit.
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In der Praxis besteht bei der Diagnose jedoch weiterhin Nachholbedarf. Prof. Peter Kolominsky-Rabas, Projektleiter des bayerischen Demenz-Registers digiDEM Bayern, hob hervor, dass eine frühzeitige Diagnose die Voraussetzungen für eine wirksame Behandlung und den familiären Umgang verbessere. Einer deutschen Studie zufolge leben derzeit allerdings rund 60 Prozent der Demenzkranken ohne gesicherte Diagnose.
Therapeutische Effekte durch Medikamente und Ernährung
Neben allgemeinen Lebensgewohnheiten untersuchen epidemiologische Arbeiten den präventiven Nutzen etablierter Therapien. Eine im Fachjournal The Lancet Regional Health – Europe veröffentlichte dänische Registerstudie des Universitätsklinikums Kopenhagen unter Erstautor Tummas Ternhamar analysierte Daten von 132.585 Personen mit Typ-2-Diabetes.
Die Auswertung zeigte, dass eine frühzeitige Statinbehandlung im ersten Jahr nach der Diabetes-Diagnose mit einem um 15 Prozent reduzierten Demenzrisiko über einen Zeitraum von zehn Jahren verbunden war.
Begann die Einnahme erst innerhalb von fünf Jahren, lag die Risikosenkung noch bei 10 Prozent. Ternhamar betonte, dass Statine bei Typ-2-Diabetes mit einem niedrigeren Demenzrisiko einhergehen, die Präparate jedoch weiterhin zu selten verschrieben würden.
Ernährungswissenschaftliche Aspekte stehen ebenfalls im Fokus der Forschung. Eine im Journal Alzheimer's & Dementia publizierte Untersuchung des King's College London an 841 Personen aus sechs europäischen Ländern stellte fest, dass Frauen mit Alzheimer deutlich geringere Mengen an ungesättigten Fettsäuren wie Omega-3 im Blut aufwiesen als gesunde Frauen; bei Männern zeigte sich dieses Muster nicht.
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Die beteiligte Pharmazeutin Cristina Legido-Quigley sprach sich daher dafür aus, dass Frauen Omega-Fettsäuren gezielt über Nahrungsmittel wie fettreichen Fisch oder Nahrungsergänzungsmittel zuführen sollten.
Zudem untersuchte das King's College London in einer in Nature Communications erschienenen Studie mit 36 Zwillingspaaren ab 60 Jahren den Einfluss von Präbiotika wie Inulin oder Fructooligosacchariden. Die Forscherinnen Mary Ni Lochlainn und Claire Steves beobachteten nach drei Monaten bessere Testergebnisse bei kognitiven Aufgaben in der Verum-Gruppe sowie ein vermehrtes Auftreten von Darmbakterien der Gattung Bifidobacterium.
Molekulare Schutzmechanismen und neuronale Netzwerke
Auf genetischer Ebene lieferte eine im Fachblatt Nature Aging publizierte Studie der Columbia University neue Erkenntnisse zum Eiweiß Fibronektin. Eine seltene Variante im entsprechenden Gen war bei einer Auswertung von 7.185 Trägern zweier APOE4-Risikoallele mit einer um 71 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit für einen Krankheitsausbruch assoziiert (Odds Ratio 0,29). Kam es dennoch zur Erkrankung, verzögerte sich der Beginn im Schnitt um 3,4 Jahre.
Hoffnung auf funktionelle Verbesserungen machen auch Arbeiten der Medizinischen Fakultät am Universitätsklinikum Magdeburg um Prof. Dr. Emrah Düzel. Die Forscher legten dar, dass Gedächtnisverluste bei Alzheimer teilweise reversibel sein könnten.
Da frühe Symptome des episodischen Gedächtnisses vor allem auf Funktionsstörungen von Hirnnetzwerken und nicht ausschließlich auf dem endgültigen Absterben von Nervenzellen beruhten, könnten noch intakte Schaltkreisressourcen durch gezielte Neurostimulation, spezifisches Training oder medikamentöse Regulierung reaktiviert werden. Auch hier gilt die rechtzeitige Intervention als Grundvoraussetzung für therapeutische Effekte.
