Demenzprävention: 45% der Fälle wären durch Lebensstil verhinderbar
Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 08:22 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ernährungswissenschaftler Martin Smollich weist darauf hin, dass ältere Menschen bei der Demenzprävention besonders auf ein bestimmtes Vitamin achten sollten. Multinährstoff-Präparate erleben laut Smollich durch aktuelle Studien ein Comeback – ein Trend, der in ein breiteres Bild passt, das derzeit aus Umfragen, Kohortenstudien und Fachveranstaltungen zur Ernährung im Alter entsteht.
Sorge vor Demenz wächst
Beim ersten Alzheimer-Gipfel in Wien, veranstaltet von Eli Lilly, zeigte eine IMAS-Umfrage, dass fast 60 Prozent der Österreicher mit mehr Demenzfällen rechnen. 38 Prozent äußerten große Sorge vor einer eigenen Diagnose, während sich nur ein Drittel ausreichend informiert fühlte.
Auf dem Gipfel wurde zudem über neue Antikörpertherapien gegen Eiweißablagerungen im Gehirn diskutiert – diese kommen jedoch nur für 5 bis 20 Prozent der Patienten infrage und bieten keine Heilung.
Die Lancet Commission kam bereits 2024 zu dem Schluss, dass rund 45 Prozent der Demenzfälle weltweit theoretisch verzögerbar oder verhinderbar wären, würden alle 14 modifizierbaren Risikofaktoren angegangen – darunter auch körperliche Inaktivität. Die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft (AFI) startet zum Welt-Alzheimertag am 21. September eine dreiteilige Presseserie zu diesem Themenfeld.
Bewegungsmangel und Risikofaktoren im Alter
Eine Studie des Robert Koch-Instituts, erhoben zwischen Frühjahr 2021 und Frühjahr 2023, zeichnet ein deutliches Bild: 78 Prozent der Menschen ab 65 Jahren in Deutschland bewegen sich zu wenig, 72 Prozent essen zu wenig Obst und Gemüse.
Mehr als die Hälfte trank in der Woche vor der Befragung Alkohol, jeder Fünfte hat starkes Übergewicht, jeder Zehnte raucht. 83 Prozent der Befragten leben demnach mit mindestens zwei Risikofaktoren, im Schnitt sind es 2,4 – nur 2 Prozent kommen ganz ohne Risikofaktor aus. Die häufigste Kombination aus Alkoholkonsum, zu wenig Obst und Gemüse sowie Bewegungsmangel betrifft 22 Prozent.
Muskelabbau, Protein und Hormone
Ab dem 40. Lebensjahr verlieren Menschen laut Fachpublikationen pro Dekade 3 bis 8 Prozent ihrer Muskelmasse, ab 50 ohne Gegensteuern jährlich 1 bis 2 Prozent.
Der Grundumsatz sinkt pro Dekade um 5 bis 8 Prozent: Eine Frau, die mit 35 Jahren rund 2.000 Kilokalorien verbrannte, kommt mit 55 Jahren nur noch auf 1.750 bis 1.850 Kilokalorien. Hinzu kommen hormonelle Veränderungen – der Östrogenspiegel sinkt in den Wechseljahren um 60 bis 80 Prozent, der Testosteronspiegel bei Männern ab dem 30. Lebensjahr um jährlich 1 bis 2 Prozent.
Wer ab dem 50. Lebensjahr dem natürlichen Muskelabbau gezielt entgegenwirken möchte, findet in diesem Experten-Ratgeber effektive Unterstützung. Erfahren Sie, wie Sie mit nur sechs einfachen Übungen für zuhause Ihre Kraft erhalten und typische Altersbeschwerden lindern. Kostenlosen PDF-Ratgeber für Heimtraining sichern
Experten empfehlen Älteren daher eine höhere Proteinzufuhr von 1,2 bis 1,5 beziehungsweise 1,2 bis 1,6 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht täglich, verteilt auf drei bis vier Mahlzeiten, kombiniert mit Krafttraining zwei- bis dreimal pro Woche.
In Luxemburg, wo die Lebenserwartung bei 83 Jahren liegt, sinkt zwar der Energiebedarf im Alter, der Mikronährstoffbedarf bleibt jedoch gleich oder steigt sogar. Angebote wie Club Aktiv Plus oder das Kompetenzzentrum Gero sollen dort gegensteuern. Auch chronische Einsamkeit gilt als Risikofaktor: Sie erhöht das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko in ähnlichem Maß wie Rauchen.
Welche Kostform am meisten nützt
Unter den untersuchten Ernährungsformen gilt die mediterrane Ernährung Studien zufolge als besonders vorteilhaft: Sie wirkt sich positiv auf Körpergewicht, LDL-Cholesterin, Blutfette, Blutzucker und Denkvermögen aus und geht mit einem geringeren Depressionsrisiko einher.
Auch eine gut geplante vegane Ernährung kann gesundheitliche Vorteile bringen, etwa niedrigeres LDL und Blutzucker sowie ein geringeres Risiko für bestimmte Krebsarten – erfordert aber eine Supplementierung von Vitamin B12 und gegebenenfalls Jod.
Die ketogene Ernährung mit 60 bis 90 Prozent der Energie aus Fett senkt zwar Gewicht und Blutzucker, gilt aber langfristig als ungünstig, da der LDL-Wert steigen kann; die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät davon ab.
Der Zusammenhang zwischen Ernährung, Vitalstoffen und wichtigen Gesundheitswerten wie dem Cholesterinspiegel ist für die langfristige Fitness entscheidend. Dieser kostenlose Report hilft Ihnen dabei, Ihre Laborwerte selbst besser zu verstehen und Ihre Vitalstoff-Versorgung gezielt zu optimieren. Hier den kostenlosen Laborwerte-Check anfordern
Für Frauen zwischen 50 und 60 Jahren gilt eine Gewichtszunahme von 0,5 bis 1 Kilogramm pro Jahr als normal. Empfohlen werden pflanzenbasierte Kost, die Mittelmeerdiät, der Verzicht auf stark verarbeitete Lebensmittel, kleinere und häufigere Mahlzeiten sowie Ausdauer- und Krafttraining.
Da das Klimakterium im Schnitt ab dem 40. Lebensjahr beginnt und 10 bis 15 Jahre dauert, lebt mehr als die Hälfte aller Frauen zeitweise in den Wechseljahren. Als Schlüsselnährstoffe ab 40 gelten Eiweiß, Kalzium und Vitamin D – Letzteres von der EFSA für den Erhalt normaler Knochen bestätigt.
Phytoöstrogene aus Leinsamen, Soja und Kichererbsen werden ebenfalls diskutiert, wobei das Bundesinstitut für Risikobewertung bei hochdosierten isolierten Isoflavon-Präparaten zur Zurückhaltung rät.
Timing der Mahlzeiten und weitere Erkenntnisse
Eine Studie im European Journal of Clinical Nutrition mit 31.044 Erwachsenen ab 40 Jahren, die im Schnitt 8,6 Jahre beobachtet wurden und in deren Verlauf 7.129 Todesfälle registriert wurden, fand die günstigste erste Mahlzeit zwischen 7 und 8 Uhr.
Wer erst zwischen 8 und 10 Uhr frühstückte, hatte ein um 10 Prozent höheres Sterberisiko, bei 10 bis 12 Uhr waren es 19 Prozent, nach 12 Uhr 29 Prozent – wobei die Autoren betonen, dass kein Ursache-Wirkungs-Beweis vorliegt.
Eine Studie der Flinders University aus dem Fachjournal Nutrients (2025), die Daten von fast 10.000 Frauen ab 65 Jahren über zehn Jahre auswertete, fand bei Teetrinkerinnen eine durchschnittlich etwas höhere Hüft-Knochendichte. Zwei bis drei Tassen Kaffee täglich zeigten keine schlechteren Werte, mehr als fünf Tassen täglich gingen dagegen mit niedrigeren Werten einher – der Effekt war stärker bei höherem lebenslangem Alkoholkonsum ausgeprägt.
Verbraucherinteresse und Wissenslücken
Eine im Mai 2026 von Kantar im Auftrag von heristo durchgeführte Befragung unter 2.000 Deutschen zwischen 16 und 69 Jahren ("Gesundheit auf dem Teller") ergab, dass 74 Prozent der Ernährung einen großen Einfluss auf die Gesundheit zuschreiben und 75 Prozent inzwischen stärker darauf achten.
Dennoch finden nur 45 Prozent gesunde Ernährung im Alltag leicht umsetzbar. 49 Prozent halten eine proteinreiche Ernährung für wichtig, wobei 66 Prozent proteinreiche Alltagslebensmittel gegenüber Präparaten bevorzugen. 86 Prozent wollen möglichst lange gesund leben, 55 Prozent würden entsprechende Produkte dafür kaufen – bei den 16- bis 29-Jährigen sind es 60 Prozent.
Als vertrauenswürdigste Informationsquelle gelten Ärzte und Apotheker mit 53 Prozent, während Influencer und soziale Medien nur auf 14 Prozent kommen. 66 Prozent wünschen sich mehr unabhängige Informationen zu Nahrungsergänzungsmitteln, nur 39 Prozent fühlen sich über mögliche Nebenwirkungen ausreichend informiert; die zahlungsbereitschaft für entsprechende Produkte liegt meist bei bis zu 5 Prozent Aufpreis.
Ergänzend zeigen Übersichtsarbeiten, dass Bewegung offenbar mit epigenetischen Veränderungen zusammenhängt: Eine Analyse von zwölf randomisierten kontrollierten Studien mit 827 zuvor wenig aktiven Erwachsenen untersuchte den Zusammenhang zwischen Sport und DNA-Methylierung.
Eine weitere Übersichtsarbeit zu Umweltbelastungen, die 102 Studien mit über 180.000 Menschen auswertete, fand häufig einen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung, Zigarettenrauch und beschleunigter epigenetischer Alterung.
Angebote vor Ort und politischer Kontext
Wer sich vertiefend informieren möchte, kann etwa an einem kostenlosen Vortrag zu ausgewogener Ernährung im Alter und Nahrungsergänzungsmitteln teilnehmen, den AWO und Verbraucherzentrale Velbert am 17. September um 17 Uhr im AWO Treff in Lintorf anbieten; Referentin ist Sabine Klischat-Tilly, Anmeldungen sind telefonisch möglich.
In der Schweiz wird am 27. September über die Ernährungsinitiative abgestimmt, die vorsieht, dass mindestens 70 Prozent der konsumierten Lebensmittel innerhalb von zehn Jahren aus heimischer Produktion stammen sollen. National- und Ständerat haben die Initiative einstimmig abgelehnt; in der Schweiz sind rund eine halbe Million Menschen von Zuckerkrankheit betroffen.
Die Vielzahl der aktuellen Studien und Umfragen macht deutlich, dass Ernährung im Alter längst nicht mehr nur als individuelle Lebensstilfrage gilt, sondern zunehmend als gesundheitspolitisches Thema mit Public-Health-Relevanz behandelt wird.
