Folgen, Genderklischees

Welche Folgen haben Genderklischees bei Kinderspielzeug?

05.12.2024 - 04:00:39

Der Sohn bekommt Spielzeugautos zu Weihnachten, die Tochter Puppen. Muss das wirklich immer so sein? Expertinnen erklĂ€ren, welche Folgen das spĂ€ter einmal haben kann - auch fĂŒr den Arbeitsmarkt.

  • Firmen setzen auf Gendermarketing. So können mehr Produkte verkaufen. (Symbolbild) - Foto: Hendrik Schmidt/dpa

    Hendrik Schmidt/dpa

  • Ein Fußball und die Farbe Blau: klassisches Spielzeug fĂŒr Jungen - oder? (Symbolbild) - Foto: Christoph Soeder/dpa

    Christoph Soeder/dpa

Firmen setzen auf Gendermarketing. So können mehr Produkte verkaufen. (Symbolbild) - Foto: Hendrik Schmidt/dpaEin Fußball und die Farbe Blau: klassisches Spielzeug fĂŒr Jungen - oder? (Symbolbild) - Foto: Christoph Soeder/dpa

Die Weihnachtszeit ist in vollem Gange. Gerade fĂŒr Eltern heißt das: Geschenke kaufen. Doch mĂŒssen sich die EinkĂ€ufe fĂŒr die Kinder - so wie es durch Marketing hĂ€ufig nahegelegt wird - wirklich immer an den Geschlechterstereotypen orientieren? Oder sollte auch mal die Tochter einen Fußball oder der Sohn eine Puppe bekommen? Und was wollen die Kinder selbst?

Laut Doris Holzberger, Professorin fĂŒr Psychologie des Lehren und Lernens an der Technischen UniversitĂ€t MĂŒnchen, sind es weniger die Kinder, sondern besonders die Eltern, die das Spielzeug aussuchen. «Sie greifen dabei oft – bewusst oder unbewusst – auf die Geschlechterstereotype zurĂŒck, die sie selbst seit der Kindheit gelernt und verinnerlicht haben», erklĂ€rt Holzberger im GesprĂ€ch mit der Nachrichtenagentur dpa. 

So bildeten Kinder von klein auf bestimmte Interessen stÀrker aus und verinnerlichten Rollenklischees mit der Zeit selbst. Unternehmen sprÀngen dann aus ökonomischem Interesse immer wieder auf den Zug auf und gestalteten Kampagnen, die die Stereotype weiter befeuern. «So werden Rollenklischees immer weitergetragen und es ist gar nicht so einfach, sie aufzubrechen.»

Spielzeug stÀrkt die klassischen Rollenbilder

Die Bildungsforscherin erklĂ€rt zudem, wie das Spielzeug die klassischen Rollenbilder langfristig stĂ€rkt: Spielzeug wecke das Interesse fĂŒr bestimmte Themen. «Stehen Kindern also nur geschlechtertypische Spielzeuge zur VerfĂŒgung, lernen sie damit, althergebrachte Geschlechterrollen zu verinnerlichen und entwickeln auch entsprechende FĂ€higkeiten und Interessen.»

So sei es bei Jungen, die nur mit Technik- oder Konstruktionsspielzeug spielen, wahrscheinlicher, dass sie ein Interesse fĂŒr technische und naturwissenschaftliche FĂ€cher sowie mehr Vertrauen in ihre eigenen FĂ€higkeiten entwickeln. «Sie sind weniger Ă€ngstlich, haben eine höhere Selbstwirksamkeit und eine innere Motivation, erfolgreich in naturwissenschaftlichen FĂ€chern zu sein.»

MĂ€dchen dagegen, die nur mit geschlechtertypisch weiblichem Spielzeug spielen, fehle diese Erfahrung, sodass sie in diesen Bereichen dann womöglich weniger Interesse haben und sich selbst als weniger kompetent wahrnehmen. «Sie verbinden dann eher negative Emotionen wie Angst mit FĂ€chern wie Mathe oder Physik und schreiben diesen FĂ€chern außerdem einen niedrigeren Wert zu», sagt Holzberger.

Autorin Schnerring nimmt Unternehmen in die Pflicht

Autorin und Journalistin Almut Schnerring hat sich unter anderem fĂŒr ihr Buch «Die Rosa-Hellblau-Falle» mit dem Thema Rollenklischees in der Kindheit auseinandergesetzt - und deren Verbreitung nachgewiesen. Sie kritisiert, dass Unternehmen diese Geschlechterstereotype beim Kinderspielzeug bewusst bedienen. 

«Firmen setzen auf Gendermarketing, weil sie sich eine Umsatzsteigerung erhoffen, und aktuell klappt das auch noch: Trotz sinkender Geburtenraten nimmt der Umsatz in der Spielwarenbranche zu.» Haben Eltern beispielsweise einen Sohn und eine Tochter, wird Spielzeug hÀufig neu gekauft statt weitergegeben.

Schnerring warnt obendrein: «Gendermarketing zieht die Normen enger und vermittelt vielen Kindern, falsch zu sein. Es kommt jenen entgegen, die der Norm entsprechen, aber wer tut das schon in allen Bereichen?» Das Gendermarketing untergrabe daher die IndividualitÀt der Kinder sowie deren Chancen, sich frei zu entwickeln - und damit Kinderrechte.

Das genderstereotypische Marketing belege letztlich, dass die Geschlechterrollen eben nicht natĂŒrlich gegeben seien. «Denn wenn es in der Natur lĂ€ge, dass MĂ€dchen Puppen wollen und Jungen Bagger, dann muss die Frage erlaubt sein, wozu die Spielzeugindustrie so immense Summen investiert, um ihre Produkte nach Geschlecht zu labeln und mit Herzchen oder Blitzen zu markieren», merkt Schnerring an.

Kinder merken schnell, wenn sie nicht in die Norm passen

Die Kinder, die sich fĂŒr Spielzeug oder Kleidung entscheiden, das nicht ihrem biologischen Geschlecht entspricht, merken laut der Autorin schnell, dass diese Wahl nicht in die Normen der Erwachsenen passt. «Gendermarketing zieht einen Graben zwischen Kinder und produziert Unterschiede, wo Kinder keine machen wĂŒrden.»

Ein Beispiel dafĂŒr sei ein grundsĂ€tzlicher Gegenpol, den schon DreijĂ€hrige verinnerlicht hĂ€tten: Jungs mĂŒssten cool und MĂ€dchen schön sein. «WĂ€hrend Jungen hĂ€ufiger Komplimente bekommen fĂŒr ihr Handeln, erleben MĂ€dchen hĂ€ufiger, dass ihr Aussehen bewertet wird. Spielzeug spiegelt diesen unterschiedlichen Umgang mit Kindern wider», betont die Expertin.

Jungen bekĂ€men hĂ€ufiger Spielzeug, das sich fĂŒr draußen eignet und zur Bewegung einlĂ€dt, MĂ€dchen dagegen mehr Spielzeug, das mit Haushalt und Schönheit zu tun hat. «Und diese binĂ€re Trennung durch die Erwachsenen beginnt in einem Alter, in dem Kinder selbst noch gar keine WĂŒnsche Ă€ußern.»

Langfristige Folgen

Besonders fatal seien auch die langfristigen Folgen dieser Einteilung. «Es ist ja kein Zufall, dass der FachkrĂ€ftemangel in Deutschland in genau den Berufen am grĂ¶ĂŸten ist, in denen die Geschlechtertrennung am stĂ€rksten ist und Klischees am stĂ€rksten wirken: Handwerk, MINT und Pflege», sagt Schnerring. 

Auch Bildungsforscherin Holzberger weist darauf hin, dass naturwissenschaftliche StudiengĂ€nge und Jobs nach wie vor großteils mĂ€nnlich besetzt sind. Der soziale Bereich hingegen sei eher weiblich besetzt. Diese Aufteilung benachteilige Frauen stĂ€rker als MĂ€nner: Sogenannte Frauenberufe seien oftmals weniger angesehen und schlechter bezahlt.

Wie kann man mit den Stereotypen brechen?

Doch was könnte gegen diese limitierenden Rollenbilder getan werden? Schnerring zufolge sollten sich zum einen Eltern und pĂ€dagogische FachkrĂ€fte hĂ€ufiger mit Kommentaren oder Bewertungen zurĂŒckhalten, wenn etwas passiert, das nicht den eigenen Erwartungen entspricht - wenn beispielsweise der Junge gerne mit einer Puppe spielen möchte. 

Zum anderen brauche es Menschen, die widersprechen, wenn andere ĂŒber untypische Entscheidungen urteilen und Witze machen. «Vor allem dann, wenn ein Kind es hört».

Holzberger zufolge sollten Eltern, Erzieherinnen und Erzieher sowie LehrkrĂ€fte mit Spielzeugklischees aufrĂ€umen und dafĂŒr ausgebildet werden. Das könne dazu beitragen, dass mehr Frauen besser bezahlte Karrierewege einschlagen und sich insgesamt Berufe von Rollenklischees lösen.

Zwar sei geschlechterspezifisches Spielzeug nicht allein fĂŒr Rollenklischees im beruflichen Kontext verantwortlich, aber es verstĂ€rke diese Geschlechterstereotype, meint Holzberger. «Gleichzeitig steckt in Spielzeug somit auch das Potenzial, schon den Kleinsten in unserer Gesellschaft zu zeigen, dass ihnen viele Möglichkeiten und auch Karrierewege offenstehen.»

@ dpa.de