Raubbau, Natur

Raubbau an der Natur? Studie widerlegt These zur Osterinsel

22.06.2024 - 06:43:24 | dpa.de

Die Osterinsel gilt als Paradebeispiel fĂŒr einen Ökozid: Die polynesische Gesellschaft dort soll sich selbst zugrunde gerichtet haben. Doch neue Erkenntnisse ziehen das in Zweifel.

Heute gehört die Pazifikinsel zu Chile, auch wenn dessen KĂŒste etwa 3.500 Kilometer entfernt liegt. - Foto: Rafael Arancibia/dpa
Heute gehört die Pazifikinsel zu Chile, auch wenn dessen KĂŒste etwa 3.500 Kilometer entfernt liegt. - Foto: Rafael Arancibia/dpa

Um die meterhohen steinernen Statuen zu errichten, waren riesige Menschengruppen nötig: So lautet eine gĂ€ngige Theorie ĂŒber die Osterinsel. Die Moai genannten Monumente sprĂ€chen fĂŒr eine einst blĂŒhende Kultur, die aber irgendwann kollabierte, weil die Menschen sĂ€mtliche BĂ€ume auf der abgelegenen Pazifikinsel fĂ€llten und die Böden auslaugten. Die Gesellschaft habe sich durch Raubbau an der Natur selbst zugrunde gerichtet. Nur scheint diese Geschichte womöglich nicht zu stimmen.

Wahrscheinlich habe es nie eine derart große Bevölkerung auf der Insel gegeben wie gemeinhin angenommen, heißt es in einer Studie, die im Fachmagazin «Science Advances» vorgestellt wird. Den Berechnungen zufolge konnte die abgelegene Pazifikinsel gar nicht rund 16.000 Menschen ernĂ€hren, sondern nur etwa 3.000 Menschen, schreibt das Forschungsteam um Dylan Davis von der US-amerikanischen Columbia University.

Kein gesellschaftlicher Zusammenbruch

«Was wir gefunden haben, ist das Gegenteil der Kollaps-Theorie», erklÀrte Davis. Die Bevölkerung habe mit den wenig fruchtbaren Böden und dem wenigen Wasser auf der Insel vielmehr ein erstaunliches System entwickelt, um sich zu ernÀhren. Auch andere archÀologische Untersuchungen waren in den vergangenen Jahren bereits zu dem Schluss gekommen, dass es vor der Ankunft der EuropÀer im Jahr 1722 keinen gesellschaftlichen Zusammenbruch auf der Insel gab.

Die vulkanische Insel, auch Rapa Nui genannt, ist verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig trocken und die KĂŒsten fallen steil ab, was sowohl Landwirtschaft als auch Fischerei erheblich erschwert. Als zentral gilt vielen Forschenden die Nutzung ausgeklĂŒgelter SteingĂ€rten. Die Menschen verteilten zum einen faustgroße Steine direkt auf der Erde. Außerdem zerbrachen sie in einem aufwendigen Verfahren Steine und arbeiteten diese in den Boden ein. ZusĂ€tzlich wurden große Steine zum Schutz aufgestellt. In den ZwischenrĂ€umen pflanzten sie zahlreiche SĂŒĂŸkartoffel-Varianten, einst die Hauptnahrungsquelle auf der Insel.

Bei der Auswertung von Satellitenbildern unterstĂŒtzt die KI

Das Forschungsteam um Davis hatte eine KĂŒnstliche Intelligenz darauf trainiert, auf Satellitenbildern in einer speziellen Infrarotansicht solche von Menschen angelegten SteingĂ€rten zu erkennen. Denn nicht jeder Steinhaufen war zwangslĂ€ufig frĂŒher auch ein Garten. 

Im Ergebnis gehen die Forschenden davon aus, dass die SteingĂ€rten weniger als ein halbes Prozent der InselflĂ€che ausmachten. FrĂŒhere Forschungen nahmen viel grĂ¶ĂŸere FlĂ€chen an. Die nun identifizierten FlĂ€chen hĂ€tten ausgereicht, um etwa 2.000 Menschen mit SĂŒĂŸkartoffeln zu versorgen, heißt es in der Studie. Außerdem hĂ€tten die Menschen noch Fisch und andere Meerestiere sowie FrĂŒchte wie Bananen, Yamswurzel, Taro-Knollen und Zuckerrohr gegessen. In der Summe landet das Forschungsteam bei einer Bevölkerung von etwa 3.000 Menschen.

Leben trotz begrenzter Ressourcen

«Was wir hier wirklich sehen, ist, dass die Insel wegen der ökologischen EinschrĂ€nkungen nie viele Menschen ernĂ€hren konnte», erlĂ€uterte Davis. Die Menschen hĂ€tten es im Gegenteil geschafft, ihre LebensrĂ€ume anzupassen und so die FlĂ€che, die sie bewirtschaften konnten, zu vergrĂ¶ĂŸern. «Das ist kein Beispiel fĂŒr eine ökologische Katastrophe, sondern dafĂŒr, wie Menschen trotz wirklich begrenzter natĂŒrlicher Ressourcen auf recht nachhaltige Weise ĂŒber lange Zeit hinweg ĂŒberleben konnten.»

Die Osterinsel wurde, weil sie so abgelegen ist, erst sehr spĂ€t besiedelt. Wahrscheinlich kamen die aus Polynesien stammenden Menschen um das Jahr 1.200 auf die Insel. Heute gehört die Pazifikinsel zu Chile, auch wenn dessen KĂŒste etwa 3.500 Kilometer entfernt liegt. Die bekannten Felsskulpturen sind Teil des Unseco-Weltkulturerbes und ziehen jedes Jahr zehntausende Touristen an.

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