Digit, Agility-Roboter

Digit 5: Agility-Roboter arbeitet erstmals ohne Schutzgitter

Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 17:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Agility Robotics präsentiert Digit 5 mit höherer Traglast und KI-Schutzsystem. Der Europa-Start ist für 2027 vorgesehen.

Agility Robotics zeigt Digit 5 fĂĽr sichere Arbeit neben Menschen
Sauberes, geräumiges Industrielager mit poliertem Betonboden und organisierten Regalen. Illustration mit AI erstellt.

Der US-Hersteller Agility Robotics hat in Salem, Oregon, seinen neuen Humanoiden Digit 5 präsentiert. Der Roboter soll erstmals ohne trennende Schutzgitter direkt neben Menschen arbeiten – ein Schritt, der die Industrieautomation grundlegend verändern könnte.

Mit Digit 5 wagt Agility Robotics den Sprung in eine neue Ära: Der Humanoide ist gezielt für „kooperativ sichere" Arbeit konstruiert. Heißt konkret: Er kann ohne die klassischen physischen Barrieren oder Käfige in unmittelbarer Nähe menschlicher Kollegen agieren. Das dürfte die Art und Weise verändern, wie Fabriken und Lagerhallen künftig geplant werden.

Der Zeitpunkt der Enthüllung ist kein Zufall. Das Unternehmen bereitet sich auf den Gang an die Börse vor. Hintergrund ist eine geplante Fusion mit der Investmentgesellschaft Churchill Capital Corp XI, einer sogenannten SPAC, im Volumen von 2,5 Milliarden Euro. Sie wurde bereits im Sommer angekündigt.

Mehr Kraft, mehr Reichweite, menschlichere Beine

Technisch hat Agility Robotics kräftig nachgelegt. Digit 5 ist 1,80 Meter groß und bringt 129 Kilogramm auf die Waage. Die Nutzlast wurde um 40 Prozent gesteigert – der Roboter kann wiederholt Lasten von bis zu 22,7 Kilogramm heben. Damit deckt er das gesamte Spektrum ab, das eine einzelne Person in einer Halle typischerweise stemmen muss.

Ein zentrales Konstruktionsmerkmal sind die Beine. Statt des bisherigen, an Vögel erinnernden Designs setzt Digit 5 nun auf eine menschenähnliche Gelenkstruktur. Angetrieben von einer proprietären Zykloid-Aktuatorentechnik kann der Roboter vollständig in die Hocke gehen und schwere Gegenstände direkt vom Boden aufheben.

Auch die Reichweite wuchs deutlich: von 1,68 auf 2,19 Meter. Beim Energiemanagement gibt es ebenfalls Fortschritte. Ein neues Batteriesystem liefert 90 Minuten Laufzeit und lässt sich in nur neun Minuten wieder aufladen. Dieses Verhältnis von 10:1 erlaubt einen produktiven Einsatz von über 20 Stunden innerhalb eines 24-Stunden-Zyklus.

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Sicherheit ohne Zaun: KI ĂĽberwacht den Nahbereich

Das Herzstück von Digit 5 ist sein integriertes Sicherheitssystem. Es soll die Isolationszäune überflüssig machen, die in Lagerhallen und Fabriken bislang Standard sind. Agility Robotics ist erster Startpartner der Nvidia-Plattform „Halos for Robotics" und nutzt deren IGX-Thor- und Halos-Core-Infrastruktur.

Das System kombiniert eigene KI-Algorithmen mit einer Sensorflotte, die einen 360-Grad-Radius permanent überwacht. Nähert sich ein Mensch, reagiert der Roboter autonom: Er weicht aus, verlangsamt, stoppt vollständig oder nimmt sogar eine sitzende Position ein. Visuelle und akustische Signale telegrafieren seine geplanten Bewegungen an die Umgebung.

Als letzte Schutzschicht fungiert ein unabhängiger Sicherheitscontroller. Er überwacht sämtliche Reaktionen auf menschliche Annäherung und stellt die Einhaltung industrieller Sicherheitsnormen sicher.

Von Amazon bis Toyota: Erprobte Vorgänger

Die Markteinführung folgt auf umfangreiche Feldtests. Der Vorgänger Digit 4 sammelte über 65.000 Betriebsstunden bei Kunden wie Amazon, GXO Logistics, Schaeffler und Toyota Motor Manufacturing Canada. In einer GXO-Anlage in Georgia erreichte die alte Generation einen Meilenstein: 100.000 bewegte Behälter bei rund 98 Prozent Genauigkeit.

Das Vertrauen der Industrie schlägt sich in Aufträgen nieder. Bis Mai 2026 sicherte sich Agility Robotics Bestellungen im Wert von über 300 Millionen Euro – das entspricht rund 1.000 Robotern. Zum Vergleich: 2025 lag der Nettoumsatz bei etwa 1,8 Millionen Euro. Die Pipeline zeigt, wie stark die Nachfrage inzwischen ist.

Aktuell setzt das Unternehmen auf ein Mietmodell (Robots-as-a-Service). Investorenunterlagen zufolge kostet eine Einheit monatlich rund 8.500 Euro.

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Vom Behältertransport zur Allzweckmaschine

Digit 5 kann mehr als sein Vorgänger. Wechselbare Endeffektoren mit ISO-Standard-Flanschen erlauben den Umbau für verschiedene Aufgaben: Depalettieren, Maschinenbestückung, Kommissionierung und Qualitätsprüfungen. Aus dem spezialisierten Behälterbeweger wird so ein flexibler Allrounder.

Produziert wird im RoboFab-Werk in Salem, Oregon. Die Kapazität ist auf 10.000 Einheiten pro Jahr ausgelegt. Im Sommer erweiterte Agility seine Entwicklungspräsenz zudem um ein Zentrum für physische KI in Fremont, Kalifornien.

Europa-Premiere: Marktstart 2027 geplant

Erstmals will Agility Robotics den Schritt auf internationale Märkte wagen. Ziel sind kommerzielle Einsätze im Vereinigten Königreich und in der Europäischen Union. Digit 5 soll die CE-Kennzeichnung und weitere notwendige Zertifizierungen für diese Regionen erhalten.

Für deutsche Unternehmen besonders relevant: Der frühe Zugang für Kunden ist für die erste Hälfte 2027 vorgesehen. Die allgemeine Verfügbarkeit soll bis Ende desselben Jahres folgen. Ob der Humanoide den europäischen Markt ähnlich aufmischt wie einst Industrieroboter von Kuka – das dürfte spannend werden.

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