Digitaler Euro: Europaparlament beschließt Unabhängigkeit von Visa
24.06.2026 - 00:00:42 | boerse-global.de
Mit großer Mehrheit stimmten die Abgeordneten für den Rechtsrahmen der neuen Zentralbank-Digitalwährung (CBDC). Das Ziel: Europas Unabhängigkeit von US-Zahlungsriesen wie Visa und Mastercard.
Strategische Wende: Weniger Abhängigkeit von US-Konzernen
Die Entscheidung fiel am heutigen Dienstag mit 43 Ja-Stimmen, 14 Nein-Stimmen und einer Enthaltung. Für die Befürworter ist der digitale Euro eine geopolitische Notwendigkeit. Der Grund: Nicht-europäische Unternehmen wickeln fast zwei Drittel aller Kartenzahlungen im Euroraum ab. Branchenschätzungen zufolge kommen Visa und Mastercard sogar auf bis zu 70 Prozent des Marktes.
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Besonders brisant: 13 der 21 Euro-Länder haben kein eigenes nationales Kartensystem. Die Abhängigkeit von der US-Finanzinfrastruktur ist damit enorm. „Zahlungssysteme sind Machtinstrumente", betonten Abgeordnete im Ausschuss. Der digitale Euro soll eine souveräne Alternative zu privaten Stablecoins und den dominanten US-Anbietern bieten.
Interessant: Während die EU voranschreitet, geht der US-Senat einen völlig anderen Weg. Am selben Tag stimmte die Kammer für ein vierjähriges Verbot von Zentralbank-Digitalwährungen. Die transatlantischen Ansätze könnten kaum unterschiedlicher sein.
Technik und Datenschutz: Bargeld digital gedacht
Der digitale Euro soll Bargeld ergänzen, nicht ersetzen. Er funktioniert als separates virtuelles Portemonnaie – nutzbar per Karte, App oder Smartphone. Ein entscheidendes Feature: die Offline-Variante. Damit sind Überweisungen von Telefon zu Telefon ohne Internet möglich. Die Privatsphäre soll dank sogenannter Zero-Knowledge-Beweise mit Bargeld vergleichbar sein.
Um Banken und Finanzstabilität zu schützen, sieht der Rahmen klare Grenzen vor:
- Höchstgrenzen: Die EU-Kommission legt fest, wie viel digitale Euro Privatpersonen maximal halten dürfen
- Geschäftskunden: Unternehmen dürfen digitale Euro nur maximal 24 Stunden behalten
- Keine Zinsen: Die Digitalwährung bleibt reines Zahlungsmittel, kein Sparprodukt
- Kostenlos: Basis-Transaktionen für Privatpersonen sind gebührenfrei
Zeitplan und Kosten: Milliarden für die Zukunft
Die Europäische Zentralbank, die das Projekt Anfang des Jahrzehnts anstieß, peilt die Einführung für 2029 an. Zuvor startet in der zweiten Jahreshälfte 2027 eine zwölfmonatige Pilotphase mit ausgewählten Zahlungsdienstleistern und Händlern.
Die Kosten sorgen für Diskussionen. Die EZB rechnet mit vier bis sechs Milliarden Euro für den technischen Aufbau über vier Jahre. Die Bankenbranche sieht das anders: Ihre Schätzungen gehen von bis zu 18 Milliarden Euro aus.
Noch größere Sorgen bereitet den Geldhäusern das Risiko von Massengeldabflüssen. Eine EZB-Simulation zeigt: Bei einer Obergrenze von 3.000 Euro pro Person könnten bis zu 699 Milliarden Euro aus dem traditionellen Bankensystem abfließen.
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Wie es weitergeht
Das Gesetzesvorhaben kommt nun Anfang Juli 2026 zur Abstimmung ins Plenum des Europaparlaments. Danach beginnen am 13. Juli die Verhandlungen mit dem Rat der EU und den Mitgliedstaaten – unter irischer Ratspräsidentschaft. Ziel ist eine Einigung bis Ende 2026, damit der Zeitplan für die Pilotphase 2027 hält.
Ob die Bedenken der Banken noch zu Nachbesserungen führen? Das wird sich in den kommenden Wochen zeigen.
