Digitalisierung im Gesundheitswesen: 80 Milliarden Euro Potenzial bleiben offen
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 20:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deRund ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland hat bereits eine digitale Gesundheitsanwendung verordnet bekommen. Laut einer Erhebung des Digitalverbands Bitkom, die zwischen den Kalenderwochen 35 und 39 des Jahres 2026 unter 1.132 Personen ab 16 Jahren durchgeführt wurde, haben 20 Prozent der Menschen eine solche App auf Rezept verschrieben erhalten. 15 Prozent der Befragten lösten die entsprechende Verordnung tatsächlich ein, wie der Verband am 30. Oktober 2026 mitteilte.
Die Bekanntheit der digitalen Angebote fällt dabei deutlich höher aus als die bisherige Inanspruchnahme: 56 Prozent der Befragten gaben an, die App auf Rezept zu kennen. Weitere 36 Prozent haben zwar davon gehört, bislang jedoch keine entsprechende Verordnung erhalten.
Aufseiten der potenziellen Nutzer bestehen klare Erwartungen: 44 Prozent würden eine Anwendung nutzen, um lange Wartezeiten zu überbrücken, und 33 Prozent sehen darin eine Erleichterung der Behandlung.
Gleichzeitig wünschen sich 49 Prozent mehr Informationen durch behandelnde Ärzte und Therapeuten. Vorbehalte bleiben jedoch verbreitet: 41 Prozent der Befragten erkennen keinen Nutzen in den digitalen Angeboten, und 27 Prozent verstehen deren Mehrwert nicht.
Wachsender wirtschaftlicher Druck auf Entwickler
Während die Verbreitung in der Bevölkerung zunimmt, stehen die Hersteller vor erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Eine nicht repräsentative Bitkom-Anbieterbefragung unter 34 Unternehmen aus den Kalenderwochen 23 bis 27 des Jahres 2026 ergab, dass 85 Prozent der DiGA-Anbieter ihre Unternehmenslage im Vergleich zu den vergangenen zwei Jahren als schlechter einstufen. 76 Prozent bewerten die Investitionssicherheit als gering oder sehr gering. Dennoch planen 50 Prozent der befragten Anbieter die Einführung neuer Apps in den kommenden 24 Monaten.
Ergänzende Daten aus derselben Branchenerhebung verdeutlichen die strukturellen Hürden. Wie der Verband Pharma Deutschland mit Bezug auf die 34 befragten Unternehmen berichtete, sehen 85 Prozent hohe Entwicklungs- und Zulassungskosten als Nachteil für die wirtschaftliche Tragfähigkeit.
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Zudem halten 74 Prozent die aktuelle Vergütung im Verhältnis zum betriebenen Aufwand für nicht oder eher nicht angemessen. Zwar bewerten 86 Prozent der Unternehmen die Rahmenbedingungen für Zulassung und Erstattung in Deutschland im internationalen Vergleich als eher oder sehr gut.
Dennoch berichteten alle teilnehmenden Unternehmen von einer Verschlechterung der Gesamtsituation in den vergangenen zwei Jahren; 82 Prozent stuften diesen Rückgang als starke Verschlechterung ein.
Als methodische Herausforderung gaben 79 Prozent Unsicherheiten bezüglich akzeptierter Studiendesigns für den gesetzlich geforderten Nutzennachweis an. Sämtliche befragten Unternehmen stuften eine medienbruchfreie, volldigitale Verordnung als wichtig ein, 94 Prozent sogar als sehr wichtig. Pharma Deutschland forderte vor diesem Hintergrund verlässliche Vergütungsbedingungen und einen einfacheren Marktzugang.
Hohes Potenzial trifft auf bestehende Digitalisierungshürden
Die Probleme der Anwendungshersteller spiegeln breitere Herausforderungen im Gesundheitswesen wider. Laut einer Studie von McKinsey aus dem August 2026 liegt das offene Nutzenpotenzial von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz im deutschen Gesundheitswesen bei rund 80 Milliarden Euro, nach 42 Milliarden Euro im Jahr 2022. Rund 55 Milliarden Euro davon entfallen auf Leistungserbringer.
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Die Kostenbasis stieg parallel von 343 Milliarden Euro im Jahr 2022 auf 479 Milliarden Euro im Jahr 2026. Der tatsächlich realisierte Nutzen digitaler Technologien bezifferte sich 2026 auf rund 11,5 Milliarden Euro pro Jahr, verglichen mit 1,4 Milliarden Euro im Jahr 2022. Der gesamte Hebel durch künstliche Intelligenz beläuft sich der Untersuchung zufolge auf 23,9 Milliarden Euro, wovon 22,8 Milliarden Euro ein bislang unerschlossenes jährliches Potenzial darstellen.
In der Praxis bremsen operative Hemmnisse den Fortschritt. Laut McKinsey sehen 35 Prozent mangelnde Nutzerfreundlichkeit als Barriere bei der elektronischen Patientenakte (ePA). Beim E-Rezept beklagen 54 Prozent einen höheren Aufwand gegenüber dem herkömmlichen Papierrezept, und lediglich 7 Prozent der Praxen tauschen sich auf digitalem Weg mit Krankenhäusern aus.
Auch eine Befragung des Bundesbeauftragten für den Datenschutz identifizierte praktische Hürden bei der ePA-Nutzung: 11 Prozent nannten die Anwendung als zu kompliziert, nicht funktionierend oder gaben an, kein geeignetes Smartphone zu besitzen. 42 Prozent sahen wegen seltener Krankheitsfälle keinen Bedarf, 26 Prozent verwiesen auf Zeitmangel und 9 Prozent auf fehlende Informationen.
Eine weitere Weichenstellung steht bevor: Ab Januar 2027 sollen Daten aus der ePA aller gesetzlich Versicherten standardmäßig für Forschungszwecke freigegeben werden können, sofern kein Widerspruch vorliegt. Die Initiative Gesundheit besser digitalisieren verlangt hierfür eine vorherige öffentliche Überprüfung des Projekts.
