Massensterben von Seeigeln wird zur weltweiten Pandemie
24.05.2024 - 08:47:11Ein Massensterben von Seeigeln weitet sich immer mehr zur globalen Pandemie aus. Inzwischen sei die tödliche Erkrankung auch im Indischen Ozean nachzuweisen, berichtet ein Forschungsteam im Fachjournal «Current Biology». Aufnahmen zeigen unzÀhlige tote Seeigel an einem Strand der Insel La Réunion.
Der Ausbruch stelle eine unmittelbare Bedrohung fĂŒr Korallenriffe weltweit dar: Seeigel fressen Algen, die sonst Korallen ĂŒberwuchern und abtöten wĂŒrden.
Ein auf Wimperntierchen zurĂŒckgehendes Massensterben von Diadem-Seeigeln war im Januar 2022 zunĂ€chst auf den US-amerikanischen Virgin Islands aufgefallen. In den Monaten darauf wurden Ă€hnliche Beobachtungen in weiten Teilen der Karibik gemacht. Dann waren auch das Mittelmeer und rasch auch das Rote Meer betroffen.
Ganze Populationen verschwinden
Die Forschenden schĂ€tzen, dass seit Dezember 2022 der gröĂte Teil der Populationen betroffener Seeigel-Arten im Roten Meer sowie hunderttausende Seeigel weltweit vernichtet wurden. Im Riffsystem nahe der israelischen KĂŒstenstadt Eilat zum Beispiel seien die beiden Seeigel-Arten, die zuvor im Golf von Akaba am hĂ€ufigsten vorkamen, vollstĂ€ndig verschwunden. Das Team um Omri Bronstein von der UniversitĂ€t Tel Aviv identifizierte nun den Erreger, der fĂŒr das Massensterben von Gewöhnlichen Diadem-Seeigeln (Diadema setosum) - langstacheligen, schwarzen Seeigeln - im Roten Meer verantwortlich ist: ein der Art Philaster apodigitiformis Ă€hnliches Wimperntierchen. Der einzellige Parasit sei auch die Ursache fĂŒr das Massensterben des Atlantischen Diadem-Seeigels (Diadema antillarum) in der Karibik vor etwa zwei Jahren.
40 Jahre - und noch immer nicht vollstÀndig erholt
Bereits 1983 war ein verheerender Zusammenbruch der Population in dieser Region beobachtet worden. Sowohl die Korallen- als auch die Seeigel-Populationen der Karibik haben sich davon nie wieder vollstĂ€ndig erholt, wie es von den Forschenden heiĂt. Zu vermuten ist, dass auch damals schon der nun identifizierte Erreger die Ursache war. Dem Forschungsteam zufolge befĂ€llt das Wimperntierchen auch Echinothrix-Seeigel, eine eng mit Diadema verwandte Gruppe von Arten.
Der Parasit lĂ€sst die Tiere binnen zwei Tagen zur gewebslosen HĂŒlle werden - wenn nicht Fressfeinde die geschwĂ€chten Tiere schon vorher erbeuten. Der tödliche Erreger werde ĂŒber das Wasser ĂŒbertragen und könne in kĂŒrzester Zeit groĂe Gebiete befallen, hieĂ es. Die StabilitĂ€t der Korallenriffe sei in einem noch nie dagewesenen AusmaĂ bedroht, sagte Bronstein. Die Seuche breite sich entlang menschlicher Transportwege aus, wie Daten aus dem Roten Meer zeigten.
ZĂŒchten, um die Art zu erhalten
Es sei unheimlich, tausende Seeigel am Meeresboden binnen kĂŒrzester Zeit zum Skelett werden und verschwinden zu sehen, so Bronstein. Bisher gebe es keine Möglichkeit, infizierten Seeigeln zu helfen. Dringend notwendig seien Brutpopulationen gefĂ€hrdeter Arten in vom Meer abgetrennten Zuchtsystemen, um spĂ€ter wieder gesunde Tiere in die Natur entlassen zu können. Zudem mĂŒsse erforscht werden, welche Faktoren zu dem Ausbruch fĂŒhrten. Als ein möglicher Grund gelten verĂ€nderte Umweltbedingungen.
Wimpertierchen bestehen aus nur einer Zelle und haben HĂ€rchen auf ihrer OberflĂ€che, mit denen sie sich bewegen können. Sie kommen hĂ€ufig im Wasser vor und sind oft harmlos. Allerdings wurden Verwandte der nun gefundenen Wimpertierchen bereits fĂŒr Massensterben bei anderen Meerestieren wie Haien verantwortlich gemacht.


