Sepsis: Lebensbedrohlich und doch oft ĂŒbersehen
12.09.2024 - 07:00:36Eine Sepsis ist eine der hĂ€ufigsten Todesursachen in Deutschland. Jedes Jahr sind 230.000 Menschen von einer Sepsis betroffen, mindestens 85.000 sterben daran, wie das AktionsbĂŒndnis Patientensicherheit informiert. Sepsis wird auch oft Blutvergiftung genannt. Es wird davon ausgegangen, dass viele FĂ€lle nicht erfasst werden und die tatsĂ€chliche Zahl der Erkrankten deutlich höher liegt.
«Die Sepsis ist eine lebensbedrohliche Abwehrreaktion des Körpers auf eine Infektion, die sich ĂŒber den ganzen Körper ausbreitet», erklĂ€rt Wolfgang Bauer, Notfallmediziner am Campus Benjamin Franklin der Berliner CharitĂ©. Auslöser kann laut der Bundeszentrale fĂŒr gesundheitliche AufklĂ€rung (BZgA) grundsĂ€tzlich jede Infektion sein, zum Beispiel eine LungenentzĂŒndung, eine Harnwegsinfektion, eine EntzĂŒndung im Bauchraum oder eine entzĂŒndete Wunde. «Der Organismus ist nicht mehr in der Lage, die Infektion einzudĂ€mmen und es kommt zu einer ĂŒberschieĂenden Reaktion des Immunsystems», so der Arzt.
Immunsystem attackiert sich selbst
Die Folge: «Das Immunsystem reagiert ĂŒber und fĂ€ngt an, sich selbst zu attackieren», erklĂ€rt der Notfallmediziner. Dadurch wĂŒrde nicht nur die Infektion bekĂ€mpft, sondern der eigene Körper. «Dies kann ĂŒbergehen in einen septischen Schock mit Multiorganversagen und verlĂ€uft unerkannt oder unbehandelt hĂ€ufig tödlich», so Bauer. «Das ist eine sehr, sehr emotionale Situation, wenn man sieht, wie der Patient trotz maximaler Therapie nicht gerettet werden kann.»
Eine Sepsis sei daher wie ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt ein medizinischer Notfall, der so schnell wie möglich behandelt werden mĂŒsse. «Je frĂŒher sie erkannt wird, desto besser kann sie behandelt werden», sagt Bauer.Â
Sepsis-Verdacht laut Studie kaum erfasst
HĂ€ufig werden Sepsis-FĂ€lle vom Rettungsdienst allerdings nicht erkannt. Das haben Bauer und die Gesundheitswissenschaftlerin Silke Piedmont in einer gemeinsamen Studie herausgefunden, die im Februar veröffentlicht wurde. DafĂŒr haben sie rund 221.500 RettungsdiensteinsĂ€tze in Krankenkassendaten und rund 110.420 EinsĂ€tze in sogenannten Rettungsdienstprotokollen des Jahres 2016 in Deutschland analysiert. Ziel der Untersuchung war es herauszufinden, wie hĂ€ufig eine Sepsis im Rettungsdienst tatsĂ€chlich festgestellt wird und welche Methoden sich dafĂŒr besonders eignen.Â
Die Ergebnisse sind besorgniserregend. «Die Sepsis wurde viel zu selten und im Falle des nicht-Ă€rztlichen Rettungspersonals kein einziges Mal als Verdacht erfasst», sagt Bauer. NotĂ€rztinnen und NotĂ€rzte dokumentierten demnach nur in 0,1 Prozent der untersuchten FĂ€lle den Verdacht auf einen septischen Schock.Â
Hohe MortalitÀtsrate
Die Studie zeigt auĂerdem, dass der Anteil der Patienten im Rettungsdienst, bei denen im Krankenhaus eine Sepsis diagnostiziert wurde (1,6 Prozent), nur leicht unter dem von Herzinfarkten (2,6 Prozent) und SchlaganfĂ€llen (2,7 Prozent) lag, es bei der MortalitĂ€tsrate aber deutliche Unterschiede gab. Demnach starben fast 32 Prozent von allen Sepsis-Patienten innerhalb von 30 Tagen nach der Nutzung des Rettungsdienstes, beim Herzinfarkt waren es rund 13 Prozent, beim Schlaganfall rund 12 Prozent.
Rettungsdienstpersonal sollte deutschlandweit eigentlich eine standardmĂ€Ăige Anweisung haben, bestimmte Vitalparameter zu messen, erklĂ€rte Piedmont, Erstautorin der Publikation und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Zentralen Notaufnahme der CharitĂ© am Campus Benjamin Franklin. Dazu zĂ€hlten die Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffgehalt im Blut, Körpertemperatur, Atemfrequenz und eine mögliche VerĂ€nderung des Bewusstseins. «Diese Parameter können einen sehr guten Hinweis darauf geben, ob eine Sepsis vorliegt.» Oft werde aber noch nach BauchgefĂŒhl entschieden.Â
Syndrom nicht ausreichend bekannt
Um das zu Ă€ndern, sei zunĂ€chst einmal wichtig, dass ĂŒberhaupt an eine Sepsis als mögliche Diagnose gedacht werde, meint Bauer. Allgemein fehle es noch an Bewusstsein fĂŒr das Syndrom, auch in der Bevölkerung sei es nicht ausreichend bekannt. Zu den Symptomen zĂ€hlten vor allem eine plötzliche WesensverĂ€nderung oder eine VerĂ€nderung des Bewusstseins, zum Beispiel Verwirrtheit, ein niedriger Blutdruck und ein schneller oder erniedrigter Puls. Auch eine niedrige SauerstoffsĂ€ttigung, Kurzatmigkeit und eine niedrige oder erhöhte Körpertemperatur seien Merkmale.
Um eine Sepsis zu diagnostizieren, kann das Rettungsdienstpersonal zur UnterstĂŒtzung verschiedene Messinstrumente nutzen, die Vitalparameter abfragen und daraus MaĂnahmen ableiten. Ein Bewertungssystem aus verschiedenen Messungen, das sogenannte National Early Warning Score 2 (NEWS2), erkennt der Studie zufolge fast drei Viertel der Sepsis-FĂ€lle. In Deutschland werde diese Art der ĂberprĂŒfung in der Sepsis-Leitlinie aber nicht genannt und kaum eingesetzt.
Auch Menschen, fĂŒr die eine Sepsis nicht tödlich endet, leiden sehr hĂ€ufig an Lang- und SpĂ€tfolgen, wie Piedmont erklĂ€rt. Das können etwa Konzentrationsprobleme und Seh- oder Sprachstörungen, aber auch Depressionen sein. Bei einigen Menschen sind den Angaben zufolge Amputationen notwendig, weil Finger oder ganze GliedmaĂen absterben. «Sepsis kann jeden treffen», sagt die Gesundheitswissenschaftlerin. Umso wichtiger sei es, mehr Bewusstsein fĂŒr die Existenz und die Folgen des Syndroms zu schaffen.
Schutz bieten Hygiene und Impfungen
Am besten vor einer Sepsis schĂŒtzen können sich Menschen nach BZgA-Informationen, indem sie versuchen, Infektionen vorzubeugen. Wichtig seien etwa regelmĂ€Ăiges und grĂŒndliches HĂ€ndewaschen, eine gute Toilettenhygiene und ein sorgfĂ€ltiger Wundschutz. AuĂerdem gebe es gegen einige der hĂ€ufigsten Auslöser einer Sepsis Impfungen, zum Beispiel gegen Pneumokokken, Meningokokken oder die Grippe.





