Elektronische Patientenakte: 81,5 Prozent kennen sie, nur 23,5 nutzen sie
Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 14:24 Uhr | Redaktion boerse-global.deAnderthalb Jahre nach dem bundesweiten Start der elektronischen Patientenakte (ePA) am 29. April 2025 fĂ€llt die Bilanz in Medien und Fachkreisen ernĂŒchternd aus. Trotz breiter Bekanntheit greift bislang nur ein kleiner Teil der Versicherten aktiv auf die digitale Akte zu. Branchenvertreter und VerbĂ€nde kritisieren vor allem die komplizierte Handhabung sowie das Fehlen eines spĂŒrbaren praktischen Mehrwerts.
Geringe AktivitÀt trotz hoher Bekanntheit
Nach einer reprÀsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag von Pharma Deutschland kennen zwar 81,5 Prozent der Befragten die elektronische Patientenakte, doch lediglich 23,5 Prozent nutzen sie tatsÀchlich.
Dorothee Brakmann, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrerin von Pharma Deutschland, erklĂ€rte, die Nutzerzahl sei kaum gestiegen und die ePA bleibe hinter den Erwartungen zurĂŒck. Als grundlegende Konstruktionsfehler nannte sie fehlende Anreize fĂŒr Krankenkassen und Leistungserbringer.
Die offiziellen Zahlen bestÀtigen das verhaltene Interesse: Laut der Gematik nutzen rund 5,85 Millionen Versicherte die ePA aktiv. Dies entspricht einem Anteil von etwa 8 Prozent der rund 73 Millionen angelegten Akten.
Branchenvertreter machen dafĂŒr komplizierte Anmeldeprozesse, einen geringen praktischen Alltagsnutzen und das Fehlen finanzieller oder organisatorischer Anreize fĂŒr Krankenkassen, Arztpraxen und Apotheken verantwortlich.
Als Gegenbeispiel und Vorbild einer gelungenen Digitalisierung im Gesundheitswesen wird dagegen das E-Rezept herangezogen. VerbĂ€nde mahnen daher eine Neuausrichtung an: Die Akte mĂŒsse sich von einer rein technischen Sammelstelle zu einem anwenderfreundlichen Werkzeug wandeln.
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Scharfe Kritik und Forderung nach Neustart
Auf einer Pressekonferenz in Berlin forderte die Initiative Gesundheit besser digitalisieren (GeBeDi) eine grundlegende Kehrtwende und stellte 95 Thesen symbolisch an einer HolztĂŒr vor dem Bundesgesundheitsministerium vor.
Zu den Mitgliedern der Initiative gehören unter anderem der frĂŒhere Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber, der das Amt von 2019 bis 2024 innehatte, sowie Bianca Kastl, Dr. Andreas MeiĂner, Dr. Silke LĂŒder und Dr. Stefan Streit.
Die Initiative bemĂ€ngelt, die ePA sei weder arzt- noch patientengefĂŒhrt, sondern primĂ€r von Politik und Krankenkassen gesteuert. Technisch prangert das BĂŒndnis an, dass es keine integrierte Suchfunktion gebe und die Anwendung lediglich als Sammlung von PDF-Dokumenten fungiere. Gefordert wird stattdessen eine arztgefĂŒhrte, föderierte Akte mit granularer Freigabe.
Zu den Kernforderungen zĂ€hlen der Vorrang fĂŒr einen behandlungsrelevanten Informationsaustausch, die Wahrung der Selbstbestimmung der Patienten, eine dezentrale Datenhaltung direkt bei den Behandelnden mit Echtzeit-Zugriff sowie eine Notfall- und Kurzakte, die an eine vorherige Zustimmung gebunden ist. Zudem verlangt GeBeDi unabhĂ€ngige SicherheitsprĂŒfungen.
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Auch mehrere deutsche VerbĂ€nde drĂ€ngen auf einen kompletten Neustart der Digitalisierungsstrategie. Die ePA in ihrer gegenwĂ€rtigen Form liefere nicht den versprochenen Nutzen fĂŒr Patienten, Mediziner und Leistungserbringer und sei nutzlos. Statt punktueller Nachbesserungen fordern sie eine umfassende Kurskorrektur.
Aus der Ărzteschaft kommt ebenfalls deutlicher Widerspruch: Dr. Silke LĂŒder, stellvertretende Bundesvorsitzende der Freien Ărzteschaft, bezeichnete die Akte am 11. Oktober 2026 in Hamburg als milliardenschweren Fehlschlag â auch ein Vierteljahrhundert nach Beginn der ersten Planungen.
