Zweifel sĂ€en fĂŒr Klicks - Warum Influencer vor Rapsöl warnen
01.06.2026 - 04:00:23 | dpa.deExperten bewerten Rapsöl seit Jahren anhaltend positiv - manche Influencer warnen dennoch davor. Einer von ihnen verbreitete gerade erst: «Rapsöl vergiftet dich!». Andere warnen vor industrieller Verarbeitung oder gar Krebs. «Die wissenschaftlichen Empfehlungen fallen deutlich anders aus als viele Diskussionen in sozialen Netzwerken», sagt Matthias Riedl, ErnÀhrungsmediziner und Àrztlicher Leiter des Medicum Hamburg.
Panikmache in sozialen Medien dient vor allem dazu, mit fesselnden Schocknachrichten Reichweite zu generieren. Zuspitzung und Verunsicherung funktionierten in sozialen Medien oft besser als differenzierte Einordnung, erklĂ€rt Hans Hauner, Seniorprofessor fĂŒr ErnĂ€hrungsmedizin bei der Else Kröner-Fresenius-Stiftung an der TU MĂŒnchen. «In sozialen Medien geht es meist nicht um wissenschaftliche Fakten, sondern um Aufmerksamkeit und Klicks.»Â
Was im Netz behauptet wird â und was Fachleute dazu sagen
Beispiele zu kursierenden Behauptungen - und was Experten dazu sagen:
- Rapsöl verursacht EntzĂŒndungen: DafĂŒr gibt es laut Fachgesellschaften keine belastbaren wissenschaftlichen Belege. Im Gegenteil hat Rapsöl beim FettsĂ€ureprofil ein vergleichsweise gĂŒnstiges Omega-6 zu Omega-3-VerhĂ€ltnis.
- Raffiniertes Ăl ist grundsĂ€tzlich ungesund: ErnĂ€hrungsmediziner Riedl weist darauf hin, dass Raffination dazu dient, unerwĂŒnschte Stoffe zu entfernen und die HitzestabilitĂ€t zu verbessern. Bei nativen Ălen können bei höheren Temperaturen gesundheitsschĂ€dliche Zersetzungsprodukte entstehen.
- Rapsöl erhöht das Krebsrisiko: Systematische Ăbersichtsarbeiten konnten laut Deutscher Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung (DGE) kein erhöhtes Krebsrisiko bestĂ€tigen.
- Rapsöl enthĂ€lt schĂ€dliche ErucasĂ€ure: Moderne Rapssorten enthalten laut Bundesinstitut fĂŒr Risikobewertung (BfR) nur noch sehr geringe Mengen, bei denen kein erhöhtes Gesundheitsrisiko gesehen wird.
Fachleute bewerten Rapsöl eindeutig
«Rapsöl ist ein ausgezeichnetes Speiseöl», sagt ErnĂ€hrungsmediziner Hauner. Es enthalte viele einfach ungesĂ€ttigte FettsĂ€uren und Vitamin E. «Damit ist es im Prinzip sogar etwas besser als Olivenöl und dabei deutlich gĂŒnstiger», sagt Hauner.Â
«Bei der Debatte um Rapsöl sollte man auch fragen, was die Alternative zum Braten ist», ergĂ€nzt Riedl. HĂ€ufig seien das Butter oder Kokosfett â beide enthielten deutlich mehr gesĂ€ttigte FettsĂ€uren. Auch die DGE bewertet Kokosfett und tierische Schmalze wegen ihres hohen Anteils gesĂ€ttigter FettsĂ€uren eher ungĂŒnstig.Â
Margarine auf Basis pflanzlicher Ăle wird von der DGE dagegen eher empfohlen, zudem neben Rapsöl auch Oliven-, Walnuss-, Lein- und Sojaöl als pflanzliche Fettquellen. Wer generell weniger Fett verwenden möchte, kann Speisen in HeiĂluftfritteusen (Airfryer) zubereiten, bei denen oft nur wenig oder gar kein zusĂ€tzliches Ăl nötig ist.Â
GrundsĂ€tzlich gilt aus Sicht von Fachgesellschaften jedoch nicht der völlige Verzicht auf Fett als Ziel, sondern vor allem die Wahl gĂŒnstiger Quellen und eine maĂvolle Verwendung. Neben gesundheitlichen Aspekten spielt im Alltag zudem auch der praktische Nutzen eine Rolle: Raffiniertes Rapsöl ist hitzestabil und vielseitig einsetzbar. Nur starkes oder wiederholtes Erhitzen sei - wie bei vielen anderen Ălen und Fetten - nicht zu empfehlen, erklĂ€rt Riedl. Dabei könnten unerwĂŒnschte Stoffe wie sogenannte Aldehyde entstehen.Â
Die Suche nach der einfachen Antwort
Viele Menschen suchten nach einfachen Antworten auf komplexe Gesundheitsfragen, meint Riedl. Die sind - wenn auch oft falsch oder verkĂŒrzt prĂ€sentiert - vor allem in sozialen Medien zu finden. Zudem wachse das Misstrauen gegenĂŒber industrieller Lebensmittelproduktion und offiziellen Institutionen.
Studien deuten darauf hin, dass sich auf Plattformen Inhalte stÀrker verbreiten, die Emotionen oder klare Positionierungen auslösen und dadurch besonders viel Interaktion erzeugen. Damit prallen zwei unterschiedliche Logiken aufeinander: Wissenschaft arbeitet mit AbwÀgungen und Wahrscheinlichkeiten, soziale Netzwerke belohnen einfache Botschaften und GegensÀtze.
Typisch fĂŒr soziale Medien ist zudem, dass Lebensmittel und ErnĂ€hrungsweisen stĂ€ndig neu bewertet werden: Was heute angesagt ist, kann morgen schon als schĂ€dlich angeprangert werden. Aus wissenschaftlicher Sicht hingegen ist ErnĂ€hrung generell selten eindeutig gut oder schlecht. Fachgesellschaften betrachteten nicht einzelne Lebensmittel isoliert, sondern ErnĂ€hrungsmuster insgesamt. «Entscheidend ist nicht ein einzelnes Lebensmittel, sondern Menge und GesamternĂ€hrung», sagt Riedl. «Die Dosis macht das Gift.»
