Ernährungstherapie, Leitlinien

Ernährungstherapie: Neue Leitlinien für Protein und Ballaststoffe

Veröffentlicht am: 23.08.2026 um 05:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Fachgesellschaften definieren Ernährungsstandards für Inkretin-Therapien. Muskelabbau und Mangelernährung rücken als zentrale Risiken in den Vordergrund.

Ernährungstherapie bei Inkretin-Therapie: Neue Leitlinien und Risiken im Fokus
Ein Arzt führt ein beratendes Gespräch mit einem Patienten in einer modernen Praxis über Ernährung und Lebensstil. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

In der medizinischen Praxis stellt die langfristige Therapietreue von Patienten bei Lebensstiländerungen eine zentrale Herausforderung dar. Fachleute wie Yael Adler betonen in aktuellen Empfehlungen für die Ärzteschaft, dass gezielte Motivationsstrategien entscheidend sind, um Patienten dauerhaft für gesundheitsfördernde Maßnahmen zu gewinnen. Dabei könne insbesondere der Einsatz von Überraschungseffekten in der Kommunikation dazu beitragen, die Aufmerksamkeit und Eigenverantwortung der Betroffenen zu stärken.

Wissenschaftliche Leitplanken für die Ernährungstherapie

Ein im Sommer 2026 veröffentlichtes Konsensstatement der Fachgesellschaften EASO, EFAD und ECPO konkretisierte die Anforderungen an eine begleitende Ernährung bei modernen medikamentösen Ansätzen wie der Inkretin-Therapie. Die Experten empfehlen eine individualisierte Herangehensweise, die neben Bewegung auch eine strukturierte Verhaltensunterstützung umfasst.

Konkret wird eine Proteinzufuhr von 1,0 bis 1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht sowie eine tägliche Ballaststoffaufnahme von mindestens 25 Gramm nahegelegt. Die Flüssigkeitszufuhr sollte sich zwischen 2,0 und 2,5 Litern pro Tag bewegen. Bei einer Kalorienrestriktion auf unter 1200 Kilokalorien täglich wird zudem eine Multivitamin-Supplementierung angeraten.

Diese präzisen Vorgaben gewinnen vor dem Hintergrund an Bedeutung, dass laut Prof. Manfred Müller etwa 17 bis 25 Prozent der Patienten unter einer Therapie mit Inkretin-Rezeptor-Agonisten (IRA) innerhalb von zwölf Monaten Ernährungsdefizite entwickeln.

Risikomanagement bei Gewichtsverlust und Muskelmasse

Besondere Aufmerksamkeit widmen Mediziner dem Erhalt der Skelettmuskulatur, insbesondere bei älteren Patienten mit Adipositas. Prof. Kristina Norman vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) und der Charité wies darauf hin, dass Gewichtsverlust in dieser Altersgruppe fast immer mit einem Verlust an Muskelmasse einhergeht.

Der Einsatz von GLP1-Rezeptor-Agonisten (GLP1-RA) könne das Risiko für einen übermäßigen Abbau der Skelettmuskulatur weiter erhöhen. Als Goldstandard zur Gegensteuerung gelten progressives Krafttraining sowie eine adäquate Proteinzufuhr.

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Ergänzend hierzu berichtete Dr. Steven Heymsfield vom Pennington Biomedical Research Center über ein zweigeteiltes Bild bei GLP-1-Präparaten. Während unerwartete Vorteile wie ein verringertes Verlangen nach Alkohol, verbesserte Arthritis-Symptome und eine Reduktion kardiovaskulärer Risiken beobachtet wurden, stünden diesen Risiken wie Vitaminmangel – bis hin zu Skorbut – sowie der Verlust von Knochen- und Muskelmasse gegenüber.

In der klinischen Entwicklung befinden sich zudem neue Substanzen wie der Triple-Agonist Retatrutide, der in Phase-3-Studien einen Gewichtsverlust von 25 bis 30 Prozent ermöglichte.

Wahrnehmung und Kompetenz in der Bevölkerung

Die Umsetzung ernährungsmedizinischer Empfehlungen trifft auf eine ambivalente Haltung in der Bevölkerung. Daten von Petra Rust von der Universität Wien verdeutlichen, dass 52 Prozent der Menschen in Deutschland Ernährung als anstrengend empfinden, während 72 Prozent der Ansicht sind, sie sollten sich gesünder ernähren.

In Österreich liegt der Ernährungs-Kompetenz-Score aktuell bei 60 von 100 Punkten, wobei die Fähigkeit zur Beurteilung von Informationen lediglich mit 50 Punkten bewertet wird. Experten warnen in diesem Zusammenhang vor Extremen und kurzfristigen Trends. So sprach sich der Ernährungsmediziner Dr. Riedl kritisch gegen Proteinfasten mit speziellen Fertig-Shakes aus.

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Suchtmediziner wie Dr. Iris Zachenhofer bringen zudem Ansätze aus der Abhängigkeitstherapie in die Debatte um Gewichtsreduktion ein. Dies erscheint angesichts der Tatsache relevant, dass in Österreich mehr als ein Drittel der Erwachsenen als übergewichtig gilt und etwa 16 Prozent – was rund 1,5 Millionen Menschen entspricht – von Adipositas betroffen sind.

Klinische Defizite und kritische Entwicklungen

Trotz der medizinischen Fortschritte zeigen Langzeitbeobachtungen auch Risiken restriktiver Ernährungsformen auf. Eine schwedische Studie des Karolinska-Instituts, die 2981 Personen über einen Zeitraum von 15 Jahren begleitete, deutet darauf hin, dass längere Fastenphasen bei Menschen über 60 Jahren mit einer schnelleren Entwicklung chronischer Krankheiten korrelieren könnten. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt bei Personen ab 78 Jahren, die Fastenphasen von 14 bis 24 Stunden einhielten.

Zudem besteht in Kliniken eine erhebliche Lücke bei der Diagnose von Mangelernährung. Eine Auswertung von Krankenkassendaten aus den Jahren 2017 bis 2024 ergab, dass lediglich bei einem Prozent der Patienten eine Mangelernährung diagnostiziert wurde, obwohl Schätzungen von 20 bis 30 Prozent Betroffenen ausgehen. Dies hat nicht nur eine verdoppelte Sterblichkeit zur Folge, sondern erhöht auch die Behandlungskosten um durchschnittlich 4000 Euro pro Person. Eine entsprechende Richtlinie zur Verbesserung des Screenings ist bis Ende 2027 geplant.

Gleichzeitig verschärft sich die Situation bei extremem Untergewicht. Daten von Medscape belegen, dass sich die Krankenhausbehandlungen wegen Magersucht bei Mädchen im Alter von 10 bis 17 Jahren zwischen 2003 und 2023 von etwa 3.000 auf circa 6.000 Fälle verdoppelt haben. Als besonders kritisch gilt hierbei eine rasche Gewichtsabnahme von mehr als 20 Prozent innerhalb von sechs Monaten.

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