Fehlmedikation im Alter: Bei zehn Wirkstoffen steigt das Risiko auf über 80 Prozent
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 07:00 Uhr | Redaktion boerse-global.deInternationale Berichte und Fachanalysen weisen auf die erheblichen Gefahren durch Fehlmedikation bei älteren Menschen hin. Im Fokus der Betrachtungen stehen insbesondere zwei Treiber gesundheitlicher Risiken: die unkritische Fortführung über Jahre hinweg eingenommener Arzneimittel sowie eigenmächtige Dosierungen und Einnahmen ohne vorherige ärztliche Abstimmung.
Unkritische Weiterverordnung und Verschreibungskaskaden
Ein zentrales Problem in der Primärversorgung ist die sogenannte Legacy-Verordnung, vor der die spanische Gesellschaft für Primärversorgungs-Apotheker (SEFAP) warnt. Dabei werden Medikamente, die ursprünglich nur für einen begrenzten Zeitraum gedacht waren, ohne ausreichende Neubewertung über Jahre hinweg weitergeführt.
Eine kanadische Kohortenstudie mit mehr als 50.000 Erwachsenen in der Grundversorgung belegt dieses Phänomen: Eine solche unzureichend hinterfragte Fortführung trat bei 46 Prozent der Antidepressiva-Behandlungen, 45 Prozent der Verordnungen von Protonenpumpeninhibitoren und 14 Prozent der Bisphosphonat-Therapien auf.
SEFAP-Präsidentin Mercedes Pereira hielt fest, dass diese Zahlen zwar nicht eins zu eins auf Spanien übertragbar seien, jedoch verdeutlichten, wie die Behandlungsdauer selbst zur Quelle ungeeigneter Verordnungen werde.
Eng verknüpft damit sind Verschreibungskaskaden, vor denen kanadische Forscher und niederländische Fachleute warnen. Laut Fatma Karapinar, Professorin für Arzneimittelsicherheit am Maastricht UMC, stellt die Problematik eine wachsende Herausforderung dar, deren Gesamtumfang schwer exakt zu beziffern ist. Bei einer Kaskade werden die Nebenwirkungen eines Arzneimittels als neue Erkrankung fehlinterpretiert und mit weiteren Präparaten behandelt.
Ein dokumentiertes Beispiel betrifft Ödeme infolge von Blutdruckmedikamenten, die mit Diuretika therapiert wurden; dies führte zu vermehrtem Harndrang und band einen betroffenen Patienten zwei Jahre lang in diesen Zyklus ein. Zu den dokumentierten Folgen solcher Kaskaden zählen Stürze, Gedächtnisverlust und Krankenhauseinweisungen.
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Risiken der Polypharmazie und kritische Substanzen
Mit der Zahl der Präparate steigt das Gefahrenpotenzial drastisch an. Einem Bericht von Medscape zufolge erhalten in der brasilianischen Primärversorgung zwischen 22 und 54 Prozent der älteren Patienten mindestens ein potenziell ungeeignetes Arzneimittel.
Bei einer Hyperpolypharmazie von zehn oder mehr Wirkstoffen klettert dieser Anteil auf über 80 Prozent. Zu den besonders riskanten Gruppen zählen Benzodiazepine und Z-Substanzen wie Clonazepam, Alprazolam und Zolpidem, stark anticholinerge Mittel, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) sowie Thrombozytenaggregationshemmer.
Zur Bewertung existieren Kriterien und Werkzeuge wie CEASE, SHARE, STOPP/START sowie die Beers-Kriterien. Zudem stufte die US Preventive Services Task Force bereits im Jahr 2022 Acetylsalicylsäure (ASS) zur Primärprävention kardiovaskulärer Ereignisse bei Personen ab 60 Jahren als kontraindiziert ein.
In Südkorea nehmen laut Angaben von Krankenhausapothekern 64 bis 70 Prozent der über 75-Jährigen langfristig fünf oder mehr Arzneimittel ein – verglichen mit einem OECD-Schnitt von rund 50 Prozent.
Eine Auswertung von rund 6.000 Notaufnahmebesuchen an vier koreanischen Kliniken zeigte, dass etwa 14 Prozent auf Medikamentenwirkungen zurückgingen, wovon rund 75 Prozent als vermeidbar eingestuft wurden. In Pflegeheimen standen demnach rund 30 Prozent der Krankenhauseinweisungen mit Arzneimitteln in Verbindung.
Gefahren durch Selbstmedikation und Lösungsansätze
Zusätzliche Risiken entstehen durch unbegleitete Einnahmen. Perus Gesundheitsministerium Minsa und die Arzneimittelbehörde Digemid warnen nachdrücklich vor Selbstmedikation, speziell bei Demenzerkrankungen wie Alzheimer.
Digemid-Generaldirektorin Lida Hildebrandt unterstrich, dass kein Präparat eigenmächtig begonnen werden dürfe. Rezeptfreie Mittel gegen Schmerzen, Schlaflosigkeit oder Husten sowie Beruhigungsmittel können Verwirrung verstärken, Schläfrigkeit auslösen und das Risiko für Stürze und Brüche erhöhen.
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Auch Wechselwirkungen mit frei verkäuflichen Nahrungsergänzungsmitteln oder pflanzlichen Produkten bergen Gefahren; so können Substanzen wie Johanniskraut Leberenzyme beeinflussen, während Ginkgo, Knoblauch oder hochdosierte Tees mit gerinnungshemmenden Arzneien interagieren.
Als wirksame Gegenmaßnahme erweist sich das gezielte Absetzen und Anpassen – das sogenannte Deprescribing. Eine in der Fachzeitschrift JAMA Network Open veröffentlichte Untersuchung zeigte, dass behandelnde Ärzte über 70 Prozent der strukturierten Empfehlungen von Apothekern zur Reduktion von Opioiden und Benzodiazepinen umsetzten.
Fachleute empfehlen standardisierte Medikationsprüfungen besonders während Klinikaufenthalten sowie innerhalb der ersten 7 bis 14 Tage nach einer Entlassung.
