Psychologie, Großbritannien

Kindheit bis Alter – Gehirnstruktur durchlĂ€uft fĂŒnf Phasen

28.11.2025 - 03:00:10

Filmvorlieben, Belastbarkeit, Ideenreichtum - unsere Ansichten und unsere Leistung hÀngen auch vom Alter ab. Dabei lassen sich deutlich abgegrenzte Entwicklungsstadien der Hirnstruktur erkennen.

  • Das Leben hat verschiedene Phasen - das spiegelt sich auch im Gehirn wider. (Archivbild) - Foto: Jens BĂŒttner/dpa

    Jens BĂŒttner/dpa

  • Sogenannte MRT-Diffusionsscans lassen deutliche Unterschiede der Hirnstruktur abhĂ€ngig vom Alter erkennen. - Foto: Dr Alexa Mousley/University of Cambridge/dpa

    Dr Alexa Mousley/University of Cambridge/dpa

Das Leben hat verschiedene Phasen - das spiegelt sich auch im Gehirn wider. (Archivbild) - Foto: Jens BĂŒttner/dpaSogenannte MRT-Diffusionsscans lassen deutliche Unterschiede der Hirnstruktur abhĂ€ngig vom Alter erkennen. - Foto: Dr Alexa Mousley/University of Cambridge/dpa

Im Laufe eines Lebens verdrahtet sich das Gehirn einer Studie zufolge fĂŒnfmal umfassend neu. Im Alter von im Mittel etwa 9, 32, 66 und 83 Jahren gebe es Wendepunkte der neuronalen Vernetzung, berichtet ein Forschungsteam im Fachmagazin «Nature Communications». Die Neuverdrahtung gehe jeweils mit verschiedenen Denkweisen im Zuge von Wachstum, Reifung und Alterung einher. 

«Die Phasen liefern wichtige Hinweise, wozu unser Gehirn in verschiedenen Lebensabschnitten am besten geeignet oder wann es am anfÀlligsten ist», erklÀrte Alexa Mousley von der UniversitÀt Cambridge. «Sie helfen uns zu verstehen, warum sich manche Gehirne an wichtigen Punkten im Leben anders entwickeln, zum Beispiel in Form von Lernschwierigkeiten bei Kindern oder Demenz im Alter.»

FĂŒr die Studie wertete das Team rund 3.800 DatensĂ€tze von bis zu 90 Jahre alten Menschen ohne bekannte neurologische Erkrankungen aus. Genutzt wurden sogenannte MRT-Diffusionsscans, die neuronale Verbindungen abbilden, indem sie die Bewegung von WassermolekĂŒlen durch das Gehirngewebe verfolgen. 

«Daraus haben wir vier wichtige topologische Wendepunkte im Laufe des Lebens identifiziert – im Alter von etwa 9, 32, 66 und 83 Jahren», erklĂ€rt die Forschungsgruppe in der Studie. Mit jeder dieser Altersstufe beginnt eine neue Epoche in der Entwicklung, die mit charakteristischen altersbedingten VerĂ€nderungen im Aufbau des Gehirns einhergeht. LĂ€ngste Phase ist demnach der Erwachsenenmodus, der mehr als drei Jahrzehnte anhĂ€lt.

Vom SĂ€ugling zum Kind: Die Dauerbaustelle

In der ersten Phase von der Geburt bis etwa zum neunten Lebensjahr wird die Vielzahl im Gehirn eines Babys ĂŒbermĂ€ĂŸig produzierter Synapsen reduziert, wie die Forschenden erklĂ€ren. Erhalten bleiben die aktiver genutzten Verbindungen zwischen den Neuronen. Der erste Wendepunkt im Alter von rund neun Jahren geht der Studie zufolge mit einer sprunghaften VerĂ€nderung der kognitiven FĂ€higkeiten, aber auch einem erhöhten Risiko fĂŒr psychische Störungen einher.

Jugend und frĂŒhes Erwachsenenalter: Effizienz auf dem Höhepunkt

Zwischen etwa 9 und 32?Jahren befindet sich das Gehirn in seiner zweiten Phase – und auf einem echten Höhenflug. Die Organisation der Kommunikationsnetzwerke des Gehirns werde zunehmend verfeinert, erlĂ€utert das Team. Kennzeichnend sei eine schnelle Kommunikation im gesamten Gehirn, verbunden mit einer verbesserten kognitiven LeistungsfĂ€higkeit. Die Adoleszenz sei die einzige Phase im Leben, in der die neuronale Effizienz zunehme, sagte Mousley. 

 Das erwachsene Gehirn - drei Jahrzehnte StabilitÀt

Im Durchschnitt mit Anfang 30 sieht das Forschungsteam die maximale LeistungsfĂ€higkeit des Gehirns erreicht, der stĂ€rkste Wendepunkt der gesamten Lebensspanne stehe an. «Im Alter von etwa 32 Jahren beobachten wir im Vergleich zu allen anderen Wendepunkten die grĂ¶ĂŸten VerĂ€nderungen in der Verdrahtung und die grĂ¶ĂŸte Gesamtverschiebung in der Entwicklung», so Mousley.

Der genaue Zeitpunkt sei recht variabel und hĂ€nge unter anderem auch von kulturellen, historischen und sozialen Faktoren ab. Die Gehirnarchitektur stabilisiert sich verglichen mit frĂŒheren Phasen – und das gleich fĂŒr rund drei Jahrzehnte. Es gebe ein Plateau in Bezug auf Intelligenz und Persönlichkeit, erlĂ€utern die Forschenden. 

Mitte sechzig: Die frĂŒhe Phase des Alterns beginnt

Mit etwa 66 Jahren stehe dann der am wenigsten ausgeprĂ€gte Wendepunkt ohne grĂ¶ĂŸere strukturelle VerĂ€nderungen an: Mitte der Sechziger erreiche eine allmĂ€hliche Umstrukturierung der Hirnnetzwerke ihren Höhepunkt. «In diesem Alter sind Menschen einem erhöhten Risiko fĂŒr eine Vielzahl von Gesundheitsproblemen ausgesetzt, die das Gehirn beeintrĂ€chtigen können, wie beispielsweise Bluthochdruck», sagte Mousley.

SpÀtes Altern - die letzte Entwicklungsphase

Der letzte Wendepunkt erfolgt der Analyse zufolge im Alter von etwa 83 Jahren: Das menschliche Gehirn trete in die Phase des spĂ€ten Alterns ein. Die Vernetzung nehme weiter ab. Da es keine Studienteilnehmer ĂŒber 90 Jahren gab, ging der Untersuchungszeitraum nur bis zu diesem Lebensalter. KĂŒnftige Studien sollten grĂ¶ĂŸere Stichproben berĂŒcksichtigen und geschlechtsspezifische Unterschiede untersuchen, wĂŒnscht sich das Team. 

«Das VerstĂ€ndnis, dass die strukturelle Entwicklung des Gehirns keine Frage eines stetigen Fortschritts ist, sondern vielmehr eine Frage einiger weniger wichtiger Wendepunkte, wird uns helfen, zu erkennen, wann und wie seine Verdrahtung anfĂ€llig fĂŒr Störungen ist», ist Leitautor Duncan Astle von der UniversitĂ€t Cambridge ĂŒberzeugt.

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