Beuteltiere, Wingsuit

Beuteltiere im Wingsuit: Australiens «fliegende Koalas»

19.01.2024 - 04:11:36 | dpa.de

Fliegende Koalas? «Greater Gliders» Ă€hneln den niedlichen Eukalyptusfressern zwar, sind aber eine eigene Tiergruppe - mit einer Membran zum Gleiten. UmweltschĂŒtzer kĂ€mpfen um ihre letzten LebensrĂ€ume.

«Greater Gliders» gehören zu den am stÀrksten bedrohten SÀugetieren der Welt. - Foto: Ana Gracanin/dpa
«Greater Gliders» gehören zu den am stÀrksten bedrohten SÀugetieren der Welt. - Foto: Ana Gracanin/dpa

Der Anblick gehört zu den außergewöhnlichsten in der australischen Tierwelt: Wenn ein Riesengleitbeutler durch die Baumkronen segelt, dann hat das etwas von einer fliegenden Untertasse. Oder von einem Stachelrochen, der durch die Meere schwebt. Viele Aufnahmen solcher FlĂŒge gibt es allerdings nicht. «Greater Gliders», wie sie in ihrer Heimat genannt werden, gehören zu den am stĂ€rksten bedrohten SĂ€ugetieren der Welt - und gleichzeitig zu den am wenigsten bekannten.

Mit einem Durchschnittsgewicht von rund eineinhalb Kilogramm sind sie etwa so groß wie eine Hauskatze. «Sie sind die grĂ¶ĂŸten gleitenden Beuteltiere der Welt», schrieb die Zeitung «Sydney Morning Herald» unlĂ€ngst. «Fliegende Koalas, von denen die meisten Menschen noch nie gehört und die nur wenige je gesehen haben.» Mit wissenschaftlichem Namen heißen die BeutelsĂ€uger Petauroides. Einst waren sie in den EukalyptuswĂ€ldern an der OstkĂŒste gar nicht so selten. Heute gelten sie in manchen Gebieten bereits als ausgestorben.

«Es handelt sich um faszinierende Geschöpfe, die ein verborgenes Leben in den Baumkronen der WĂ€lder fĂŒhren», sagte Ana Gracanin, die die die Tiere an der Australian National University erforscht, der Deutschen Presse-Agentur. «Sie sind unglaublich flauschig, haben große runde Ohren und einen sehr langen Schwanz.»

Schon immer in Australien endemisch

Den Flausch und ihre Niedlichkeit hĂ€tten sie mit den Koalas gemein, ebenso ihre Vorliebe fĂŒr EukalyptusblĂ€tter. Ein Unterschied bestehe darin, dass Greater Gliders bis zu 100 Meter weit von Baum zu Baum gleiten können. Möglich macht das eine Membran, die vom Handgelenk bis zum Fußknöchel reicht - eine Art «pelziger Wingsuit», wie der «Sydney Morning Herald» es umschrieb. «Daher der Spitzname "fliegender Koala"», erlĂ€utert Gracanin.

Die Tiere, die schwarzes, graues oder weißes Fell haben, sind nachtaktiv und schlafen tagsĂŒber in Baumhöhlen. Nach Sonnenuntergang steigen sie ins BlĂ€tterdach. Dort ernĂ€hren sie sich die ganze Nacht ĂŒber von Eukalyptus, bevor sie wieder in ihrer Baumhöhle verschwinden. Die Weibchen bekommen im FrĂŒhling und Sommer Nachwuchs, den sie zunĂ€chst in ihrem Beutel tragen, bis die Babys zu groß geworden sind. Dann tragen sie die Kleinen noch einige Monate auf dem RĂŒcken durch das Laubwerk. Greater Gliders bevölkern schon seit Dutzenden Millionen Jahren die Erde, waren aber immer in Australien endemisch.

LebensrÀume werden abgeholzt

Langzeitstudien in den letzten 20 Jahren haben ergeben, dass die Populationen extrem rasch zurĂŒckgehen. Speziell im verheerenden «Schwarzen Sommer» 2019/2020 seien bis zu 85 Prozent aller Riesengleitbeutler ums Leben gekommen, schĂ€tzen Experten. Damals hatten wochenlange BuschbrĂ€nde mehr als zwölf Millionen Hektar Land verwĂŒstet, unzĂ€hlige Tiere verendeten oder wurden vertrieben.

Zu den grĂ¶ĂŸten Bedrohungen neben BuschbrĂ€nden gehören die Rodung von WĂ€ldern und die damit verbundene Fragmentierung der LebensrĂ€ume. UmweltschĂŒtzer versuchen schon seit einiger Zeit, weitere Abholzungen im Habitat der letzten Greater Gliders in den WĂ€ldern des Bundesstaates New South Wales zu verhindern - speziell im Tallaganda State Forest sĂŒdöstlich der Hauptstadt Canberra, ganz in der NĂ€he eines gleichnamigen Nationalparks.

Die Umweltschutzbehörde (Environment Protection Authority, EPA) hat bereits wiederholt Arbeitsstopps der staatlichen Forestry Corporation angeordnet. Sie argumentiert, das Unternehmen habe es versĂ€umt, vor Beginn der Rodungsarbeiten zu prĂŒfen, ob gefĂ€hrdete Arten die BĂ€ume als Lebensraum nutzen. Auch der WWF startete eine Petition zum Erhalt der BĂ€ume im Staatsforst und fordert, «eine der letzten Hochburgen fĂŒr die gefĂ€hrdeten Riesengleitbeutler zu retten».

Auch Touristen können auf die Suche gehen

Gracanin verbringt derweil weiter viele NĂ€chte damit, Feldforschung zu betreiben und Riesengleitbeutler in freier Wildbahn aufzuspĂŒren. Mit Taschenlampe und Fernglas geht es in die WĂ€lder - und dann heißt es warten und suchen, bis hoffentlich irgendwann die Augen eines der faszinierenden Tiere aufleuchten. «Ich klettere auch auf BĂ€ume, um Kameras mit Bewegungssensoren im BlĂ€tterdach und gegenĂŒber Baumhöhlen anzubringen, um das Verhalten der Riesengleitbeutler besser untersuchen zu können», sagt sie.

Touristen rĂ€t die Forscherin, im Tallaganda National Park an den WesthĂ€ngen der Great Dividing Range selbst einmal auf die Suche zu gehen. Hier leben die Tiere geschĂŒtzt, Rodungen sind verboten. «Wenn Sie ein Exemplar gefunden haben, dann neigt es dazu, sich hinzusetzen und einen anzustarren. Meist hat man genĂŒgend Zeit, es ausgiebig zu bewundern», schwĂ€rmt sie. Nur eines sei zu beachten: «Sie mĂŒssen einen Rotfilter an Ihrer Taschenlampe haben, wenn Sie Greater Gliders lĂ€ngere Zeit beobachten wollen, damit Sie die Augen der Tiere nicht verletzen.»

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