Alzheimer, Demenz

Wie sich das Alzheimer-Risiko beeinflussen lÀsst

20.09.2023 - 08:13:10

Forscher kennen rund ein Dutzend Faktoren, die Demenz begĂŒnstigen. Wer sie vermeidet, kann das Risiko etwa fĂŒr die Alzheimer-Krankheit senken. Vor allem ein Punkt rĂŒckt zunehmend ins Visier.

  • Was sich sicher positiv auswirke, sei kognitive Stimulierung, sagt PrĂ€ventionsforscher Jochen RenĂ© Thyrian vom Deutschen Zentrum fĂŒr Neurodegenerative Erkrankungen. - Foto: Sven Hoppe/dpa

    Sven Hoppe/dpa

  • Was sich sicher bezĂŒglich der Alzheimer-Vorbeugung positiv auswirke, sei kognitive Stimulierung, sagt PrĂ€ventionsforscher Jochen RenĂ© Thyrian vom Deutschen Zentrum fĂŒr Neurodegenerative Erkrankungen. - Foto: Sven Hoppe/dpa

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Was sich sicher positiv auswirke, sei kognitive Stimulierung, sagt PrĂ€ventionsforscher Jochen RenĂ© Thyrian vom Deutschen Zentrum fĂŒr Neurodegenerative Erkrankungen. - Foto: Sven Hoppe/dpaWas sich sicher bezĂŒglich der Alzheimer-Vorbeugung positiv auswirke, sei kognitive Stimulierung, sagt PrĂ€ventionsforscher Jochen RenĂ© Thyrian vom Deutschen Zentrum fĂŒr Neurodegenerative Erkrankungen. - Foto: Sven Hoppe/dpa

Mehr Fisch essen und KreuzwortrĂ€tsel lösen? So einfach ist es mit der Alzheimer-Vorbeugung leider nicht. Dennoch kann jeder Einzelne ein StĂŒck weit die Wahrscheinlichkeit beeinflussen, an einer Demenz zu erkranken oder zumindest deren Verlauf verlangsamen. Studien zeigen, dass PrĂ€vention möglich ist. Das ist vor allem deshalb eine gute Nachricht, weil eine Heilung nach wie vor nicht in Sicht ist.

«Wir wissen heute, dass PrĂ€ventionsmaßnahmen unter BerĂŒcksichtigung von Risikofaktoren das Fortschreiten der Krankheit positiv beeinflussen und das individuelle Demenz-Risiko senken können», sagt der Leiter des Kölner Alzheimer PrĂ€ventionszentrums, Frank Jessen. «Man geht davon aus, dass ein gesunder, aktiver Lebensstil bis zu 40 Prozent des Risikos ausmacht, ob man eine Demenz bekommt oder nicht.»

Die zwölf Risikofaktoren

Eine internationale Forschergruppe (The Lancet Commission on Dementia and Prevention) hat 2020 zwölf Risikofaktoren aufgelistet, die das Alzheimer-Risiko erhöhen. Im frĂŒhen Lebensalter zĂ€hlt dazu schlechte Bildung. Im mittleren Alter gehen Hörverlust, Bluthochdruck, SchĂ€del-Hirn-Verletzungen, schĂ€dlicher Alkoholkonsum und Übergewicht mit einer höheren GefĂ€hrdung einher. Im höheren Alter steigern demnach Rauchen, Depression, soziale Isolation, körperliche InaktivitĂ€t, Diabetes und Luftverschmutzung die Wahrscheinlichkeit.

Die Liste beruht auf epidemiologischen Daten. Als Gebrauchsanweisung fĂŒr den Einzelnen tauge sie nur bedingt, sagt PrĂ€ventionsforscher Jochen RenĂ© Thyrian vom Deutschen Zentrum fĂŒr Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Greifswald. Zum einen sind nicht alle Faktoren beeinflussbar - ein Unfall mit Kopfverletzung lĂ€sst sich nachtrĂ€glich nicht korrigieren. Zum anderen ist nicht immer klar, wie der Zusammenhang zustande kommt: Sozialer RĂŒckzug könne zum Beispiel ebenso eine Folge von Demenz sein wie zu ihrer Entstehung beitragen.

Gesunde ErnĂ€hrung, Bewegung, kein Übergewicht

«Es gibt aber auch Faktoren, die sind klar und eindeutig belegt - und sie sind beeinflussbar», sagt Thyrian. Dazu zĂ€hlen vor allem gesunde ErnĂ€hrung, Bewegung, kein Übergewicht und Nichtrauchen. Was sich sicher positiv auswirke, sei kognitive Stimulierung. Das könnten KreuzwortrĂ€tsel oder Sudokus sein, gemeint sei aber jede Form der «kulturellen Interaktion» von Lesen ĂŒber Fernsehen bis zu Unterhaltungen.

«Was bei der Alzheimer-Prophylaxe zunehmend in den Fokus rĂŒckt, ist das Thema soziale AktivitĂ€t», sagt Thyrian. Den Beleg dafĂŒr habe die Corona-Pandemie geliefert: Durch die strikten Corona-Regeln in Altenheimen habe sich die Demenz vieler Bewohner verschlechtert: «Das Fehlen sozialer AktivitĂ€ten und emotionaler Kontakte hat zu einer gravierenden Verschlechterung der kognitiven LeistungsfĂ€higkeit und des gesundheitlichen Zustands gefĂŒhrt.»

Experte: «Das Gehirn braucht Input»

Der Kölner Experte Jessen hebt drei Faktoren hervor, die besonders wichtig sind - und erklÀrt den Zusammenhang. Das eine ist gutes Hören. «Das Gehirn braucht Input», sagt der Psychiater. Wer schlecht hört, bekommt weniger Input und hat ein höheres Alzheimer-Risiko. Ebenso selbstverstÀndlich, wie ein Brille zu kaufen, wenn man schlecht sieht, sollte ein HörgerÀt sein.

Ein zweiter Punkt ist guter Schlaf. Eine chronische Schlafstörung erhöhe das Demenz-Risiko, so Jessen. Im Schlaf liefen im Gehirn Reinigungsprozesse ab. Dabei wĂŒrden auch Amyloid-Plaques abgebaut, die an der Entstehung der Alzheimer-Demenz beteiligt sind.

KopfbÀlle und Boxen

Zu Kopfverletzungen erklĂ€rt Jessen, dass es nicht nur um schwere Verletzungen wie bei einem Autounfall geht, sondern auch um hĂ€ufige und leichte Verletzungen, wie sie bei manchen Sportarten vorkommen. «Profi-Fußballer, die viel KopfbĂ€lle trainieren, aber auch Boxer haben ein erhöhtes Demenz-Risiko», sagt Jessen.

Risikofaktoren meiden kann zwar vor Demenz schĂŒtzen - dabei gehe es aber um statistische Wahrscheinlichkeiten, sagt Thyrian. Die konkreten Folgen fĂŒr eine Einzelperson stĂŒnden auf einem anderen Blatt, «dafĂŒr ist der Mensch zu komplex». «Es gibt kaum Studien, die dieses komplexe Geschehen so abbilden, dass man einen eindeutigen Nachweis bekommt.»

Genetik nur selten alleiniger Auslöser

Außerdem wird das individuelle Erkrankungsrisiko von vielen Faktoren beeinflusst. Genetisch vererbt werden nur seltene Formen von Demenz, etwa die familiĂ€re Alzheimer-Krankheit. «Bei anderen Demenzen ist die Genetik nur selten der alleinige Auslöser, obwohl es zu HĂ€ufungen in der engen Verwandtschaft kommen kann», erlĂ€utert Thyrian. Ursache dafĂŒr sei aber nicht, dass Familienmitglieder eine Ă€hnliche genetische Veranlagung haben. Sie teilten vielmehr eine soziale PrĂ€gung, etwa Ă€hnliche Lebensgewohnheiten.

Epidemiologisch betrachtet ließen sich durch das Vermeiden der Risikofaktoren wohl tatsĂ€chlich viele FĂ€lle von Alzheimer und anderen Demenzformen verhindern. Darauf deutet die sogenannte Finger-Studie aus Finnland hin, bei der eine Gruppe alter Menschen zwei Jahre lang ErnĂ€hrungs- und Gesundheitsberatung sowie körperliches und geistiges Training bekam. Im Gegensatz zur Kontrollgruppe sahen die Forscher «kleine, aber signifikante positive Effekte».

Ergebniss einer neuen Studie noch in diesem Jahr

Zehn Jahre nach der Finger-Studie will die Agewell-Studie die Ergebnisse in Deutschland prĂŒfen. «Die Studie ist explizit so konzipiert, dass im Erfolgsfall Empfehlungen zu einer Implementation in die regulĂ€re Versorgungslandschaft gegeben werden», schreiben die Initiatoren um Steffi Riedel-Heller von der UniversitĂ€t Leipzig. 1152 Ă€ltere Menschen mit erhöhtem Demenzrisiko wurden dafĂŒr in Leipzig, Greifswald, MĂŒnchen und Kiel rekrutiert. Ergebnisse werden noch in diesem Jahr erwartet.

Nach SchĂ€tzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren in Deutschland 2021 rund 1,8 Millionen Menschen ĂŒber 65 Jahren an Demenz erkrankt. Wie stark diese Zahl ansteigt, hĂ€ngt auch davon ab, wie sich die Risikofaktoren in der Bevölkerung entwickeln. DZNE-Forscherin Iris Blotenberg und Kollegen haben das berechnet. «Unsere Berechnungen ergeben ein PrĂ€ventionspotenzial von 38 Prozent», schrieben sie im «Deutschen Ärzteblatt International». «Das heißt unter Annahme eines kausalen Zusammenhangs kann mehr als jeder dritte Demenzfall auf die betrachteten Risikofaktoren zurĂŒckgefĂŒhrt werden.»

DemenzprÀvention kann sich lohnen

GelĂ€nge es, die beeinflussbaren Risikofaktoren um 15 Prozent zu reduzieren, so die Modellrechnung, könnten von den erwarteten zwei Millionen KrankheitsfĂ€llen im Jahr 2033 theoretisch etwa 138.000 verzögert oder vermieden werden. Bei 30 Prozent wĂ€ren es sogar 265.000 FĂ€lle. «Diese Zahlen machen deutlich, dass sich stĂ€rkere Anstrengungen zur DemenzprĂ€vention lohnen können», heißt es.

WĂ€hrend allgemeine Ratschlage wie «Lebe gesund!» in frĂŒheren Lebensphasen oft verpuffen, versucht manch einer bei den ersten Demenz-Symptomen mit «Gehirn-Jogging» und stundenlangem Sudoku-Lösen gegenzusteuern. Im Prinzip sei das richtig, findet Jessen.

Relevant werde Prophylaxe in der Phase, wenn erste Symptome auftrÀten: leichte GedÀchtnisstörungen, erste Unsicherheiten mit der Orientierung, Schwierigkeiten bei komplexen Aufgaben - wÀhrend die SelbststÀndigkeit noch nicht beeintrÀchtigt sei. «Wichtig ist kognitive Aktivierung insbesondere auch nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben», sagt der Prophylaxe-Experte.

@ dpa.de