USA, Deutschland

Patentkrimi ums Telefon: Bell setzt sich mit List durch

08.02.2026 - 06:00:23

Fragt man ChatGPT nach dem Erfinder des Telefons, so fÀllt die Antwort kurz und knapp aus: Abraham Graham Bell. Aber ganz so eindeutig ist die Technikgeschichte dann doch nicht.

  • Alexander Graham Bell setzte sich in einem Patentkrimi um die Erfindung des Telefons mit technischem Genie und juristischer Skrupellosigkeit durch. - Foto: picture alliance / dpa

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  • Alexander Graham Bell hat zwar das Patent, den ersten «Ferntonapparat» baute jedoch Johann Philipp Reis. - Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

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Alexander Graham Bell setzte sich in einem Patentkrimi um die Erfindung des Telefons mit technischem Genie und juristischer Skrupellosigkeit durch. - Foto: picture alliance / dpaAlexander Graham Bell hat zwar das Patent, den ersten «Ferntonapparat» baute jedoch Johann Philipp Reis. - Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Vor 150 Jahren erlebte das US-Patentamt in Washington D.C. dramatische Szenen, die die Technikgeschichte prĂ€gten. Am kalten Valentinstag, dem 14. Februar 1876, reichten Alexander Graham Bell und Elisha Gray fast zeitgleich Unterlagen ein, die das Ende der rĂ€umlichen Distanz durch das Telefon versprachen. In diesem beispiellosen Patentkrimi setzte sich der gebĂŒrtige Schotte Bell mit technischem Genie und juristischer Skrupellosigkeit durch. Im Wettstreit um den Titel «Vater des Telefons» blieb auch der deutsche Erfinder Johann Philipp Reis auf der Strecke, der vor allem in seiner hessischen Heimat als Telefonerfinder gilt.

Zwei Stunden entscheiden ĂŒber das wertvollste Patent aller Zeiten

Elisha Gray verlor, weil er seine Papiere nach Bell einreichte. Bells Anwalt ĂŒbergab den Antrag fĂŒr ein «Verfahren zur Übertragung von Sprache oder anderen Tönen durch telegrafische Wellen» am Vormittag. Zwei Stunden spĂ€ter klopfte Grays Vertreter an dieselbe TĂŒr, um ein Caveat (eine vorlĂ€ufige Patentanmeldung) einzureichen, um seine Idee fĂŒr ein Jahr zu schĂŒtzen. WĂ€re die Reihenfolge umgekehrt gewesen, hĂ€tte Gray vermutlich das wertvollste Patent aller Zeiten erhalten.

Manche Experten meinen, dass auch in dieser Reihenfolge Gray hĂ€tte gewinnen mĂŒssen. Historiker streiten bis heute ĂŒber die Rolle des Patentbeamten Zenas Fisk Wilber. Es steht der Vorwurf im Raum, Bell habe Wilber bestochen und Einblick in Grays geheime Voranmeldung erhalten. Am 7. MĂ€rz 1876 erhielt Bell das Patent Nr. 174 465 fĂŒr die «Methode und den Apparat zur telegrafischen Übermittlung von gesprochenen und anderen GerĂ€uschen durch elektronische Wellenbewegungen».

Vorwurf des Ideenklaus

Bell beschreibt darin, wie man Sprache ĂŒbertrĂ€gt. Bis dahin hatte er jedoch noch nie ein funktionierendes GesprĂ€ch gefĂŒhrt. Das gelang erst drei Tage nach der Patenterteilung am 10. MĂ€rz 1876. Es steht der Verdacht im Raum, dass Bell sich beim geistigen Eigentum seines Widersachers bediente, um sein Telefon endlich zum Laufen zu bringen. Bells erster erfolgreicher Satz – «Mr. Watson, come here, I want to see you!» – wurde nur ĂŒbertragen, weil er das FlĂŒssigkeitsmikrofon nutzte, das Gray beschrieben hatte.

Warum war Bells Ansatz dem von Philipp Reis ĂŒberlegen? Reis hatte 1861 der Physikalischen Gesellschaft in Frankfurt einen Fernsprecher prĂ€sentiert. Der Fantasie-Satz «Das Pferd frisst keinen Gurkensalat» soll bei einer der ersten Vorstellungen durch den Apparat geschickt worden sein. Aber das GerĂ€t funktionierte nur in eine Richtung – antworten ging nicht.

Bells Telefon funktionierte in beide Richtungen. Außerdem unterschieden sich die physikalischen Prinzipien der TonĂŒbertragung. Der hessische BĂ€ckersohn Reis nutzte das Unterbrecherprinzip, das den Strom ein- und ausschaltete, Ă€hnlich einem Morse-Alphabet. Das reichte fĂŒr Rhythmus und einfache Melodien, aber die feinen Oberschwingungen der menschlichen Sprache gingen im mechanischen Klackern verloren.

Konzept von Bell ĂŒberlegen

Bell verstand, dass Sprache als kontinuierliche Welle gesehen werden muss. Sein Apparat nutzte den wellenförmigen Strom und wandelte Schalldruck in analoge elektrische Spannungsschwankungen um. Dieser Wechsel von digitaler Logik (an/aus) zur analogen KontinuitĂ€t markierte die Geburtsstunde der modernen Telekommunikation. Bell ĂŒbertrug nicht nur Informationen, sondern die menschliche Stimme mit all ihrer Emotion und IndividualitĂ€t. Auch im VerhĂ€ltnis zu Reis steht der Vorwurf des Ideenklaus im Raum, da Bell die Konzepte des deutschen TĂŒftlers kannte.

Reis konnte sich im Wettstreit mit Bell nicht mehr juristisch wehren. Er starb 1874, zwei Jahre vor Bells Patentantrag, im Alter von 40 Jahren an Tuberkulose.

Gray verkaufte sein Know-how an die mĂ€chtige Western Union, die damals den Telegrafen-Markt dominierte. Western Union grĂŒndete eine eigene Telefongesellschaft und ignorierte Bells Patent. Bell klagte wegen Patentverletzung und setzte sich vor Gericht durch. Nach dem juristischen Erfolg folgte der wirtschaftliche Aufstieg. Aus dem kleinen Start-up Bell Telephone Company, das auf einem umstrittenen Patent basierte, entwickelte sich das mĂ€chtigste Kommunikationsmonopol der Welt: AT&T.

Riesige Gewinne ermöglichen Grundlagenforschung

Aus Bells Patent entstand ein Konzern, der die USA und die Welt technologisch dominierte. Ohne die Gewinne aus dem GeschĂ€ft mit Millionen von Kunden wĂ€ren Meilensteine wie der Computerchip oder das Mobiltelefon vielleicht erst Jahrzehnte spĂ€ter erfunden worden. AT&T betrieb ab 1925 in den Bell Telephone Laboratories eine Grundlagenforschung, die weit ĂŒber das Telefonieren hinausging. Hier entstanden Meilensteine der Technikgeschichte, darunter der Transistor (1947) und das Betriebssystem Unix, das heute in jedem Smartphone steckt.

Das Monopol wurde so mĂ€chtig, dass die US-Regierung wegen KartellrechtsverstĂ¶ĂŸen eingriff. 1984 wurde AT&T zerschlagen.

Alexander Graham Bell zog sich frĂŒh aus dem operativen GeschĂ€ft zurĂŒck. Er war am Ende eher genervt von seiner Erfindung – in seinem Arbeitszimmer ließ er angeblich kein Telefon zu, weil es ihn bei der Arbeit störte.

@ dpa.de

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