Frauen und RĂŒckenschmerzen: Studie mit 6.607 Betroffenen zeigt Diagnose-LĂŒcke
Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 03:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deFrauen sind ĂŒberdurchschnittlich hĂ€ufig von RĂŒckenschmerzen betroffen, wobei sich das Leiden nicht nur körperlich, sondern auch seelisch niederschlĂ€gt.
Wie medizinische Fachberichte zeigen, berichten in der Altersgruppe der 25- bis 30-JĂ€hrigen 63,5 Prozent der Frauen ĂŒber moderate bis extreme psychische Auswirkungen von RĂŒckenschmerzen, wĂ€hrend dieser Anteil bei den MĂ€nnern bei 44,7 Prozent liegt. Eine groĂangelegte Erhebung in 118 LĂ€ndern bestĂ€tigt ĂŒberdies, dass Frauen generell hĂ€ufiger unter Schmerzen leiden als MĂ€nner.
Die globale Krankheitslast unterstreicht diese Entwicklung. Laut der GBD-2021-Systemanalyse gingen bei den 15- bis 49-JĂ€hrigen weltweit die altersstandardisierten Raten von RĂŒckenschmerzen zwischen 1990 und 2021 zwar insgesamt zurĂŒck, doch die absoluten Fallzahlen sowie die behinderungsbereinigten Lebensjahre (DALYs) stiegen kontinuierlich an.
Frauen und Regionen mit einem hohen soziodemografischen Index weisen dabei eine stÀrkere Belastung auf. Zu den Hauptrisikofaktoren in dieser Altersgruppe zÀhlen berufliche Ergonomie, Rauchen und ein hoher Body-Mass-Index.
Belastungsfaktoren im Alltag und hormonelle EinflĂŒsse
Nach Angaben der Australian Chiropractors Association (ACA) erreichen Depressionen und Ăngste infolge von RĂŒckenschmerzen bei Frauen ihren Höhepunkt in der Altersgruppe von 51 bis 60 Jahren. Auch im Alltag zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede: Hausarbeit nennen 16,4 Prozent der Frauen als Schmerzauslöser, verglichen mit 9,5 Prozent der MĂ€nner.
Zudem gelten Schwangerschaft und die frĂŒhe Elternzeit als erhebliche Risikofaktoren fĂŒr WirbelsĂ€ulenerkrankungen, weshalb sich die ACA fĂŒr eine gezielte WirbelsĂ€ulengesundheit bei Frauen einsetzt.
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Einen wesentlichen Einfluss ĂŒbt der Hormonhaushalt aus. Nach SchĂ€tzungen der International Menopause Society (IMS) leiden rund 52 Prozent der Frauen in der Lebensmitte unter chronischen Schmerzen. Ăstrogen wirkt sich direkt auf EntzĂŒndungsprozesse, die Gelenkgesundheit und die Schmerzverarbeitung im Gehirn aus.
FĂŒr das Jahr 2026 vorgelegte Daten der IMS weisen darauf hin, dass perimenopausale Frauen ein um 15 Prozent und postmenopausale Frauen ein um 20 Prozent höheres Risiko fĂŒr RĂŒckenschmerzen tragen als prĂ€menopausale Frauen.
Ein Forschungsreview im Journal BMC Rheumatology belegt zudem, dass postmenopausale Frauen ein um 35 Prozent erhöhtes Risiko fĂŒr rheumatoide Arthritis haben; bei einer frĂŒhen Menopause fĂ€llt es fast dreimal so hoch aus.
Die Arthrose-Raten liegen bei postmenopausalen Frauen nahezu doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen MĂ€nnern. Bereits eine Analyse von 2013 verzeichnete eine bescheidene Verringerung von Gelenkschmerzen bei postmenopausalen Frauen unter Gabe von Ăstrogen im Vergleich zu Placebo.
Im Alter bleibt die Belastung hoch. Dem AOK-Gesundheitsatlas fĂŒr den Landkreis Kelheim zufolge leidet jede zweite Frau ab 65 Jahren an RĂŒckenschmerzen, neben verbreiteten Diagnosen wie Bluthochdruck und Diabetes.
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Medizinische Differenzierung und spÀte Diagnosen
Die Nationale Gesundheitskommission unterteilt RĂŒckenschmerzen bei Frauen in vier Ursachenkategorien: Muskelverspannungen, Knochen- und Gelenkprobleme, viszerale ĂŒbertragene Schmerzen sowie hormonelle Faktoren. Die Unterscheidung erfolgt anhand von Schmerzlokalisation, Zeitpunkt und Begleitsymptomen.
MuskulĂ€re Beschwerden, bedingt durch langes Sitzen oder das Tragen von Kindern, bessern sich hĂ€ufig binnen drei Tagen durch Ruhe und WĂ€rmeanwendung. Treten jedoch Symptome wie Brustenge, Sodbrennen oder Menstruationsschmerzen hinzu, mĂŒssen viszerale Ursachen abgeklĂ€rt werden.
Leitlinien der Kommission aus dem Jahr 2023 fordern ausdrĂŒcklich eine strikte Differenzierung zwischen mechanischen und viszeralen Schmerzen. Frauen ab 45 Jahren mit Brust- oder Gallenerkrankungen sollten vorrangig internistisch untersucht werden.
Zu den Warnzeichen fĂŒr eine sofortige Ă€rztliche AbklĂ€rung zĂ€hlen Schmerzen ĂŒber mehr als eine Woche ohne Besserung, nĂ€chtliche VerstĂ€rkung, Brustschmerz, Fieber, Gewichtsverlust und TaubheitsgefĂŒhle.
Trotz der HÀufigkeit verzögern sich adÀquate Therapien bei Frauen oft gravierend. Eine gemeinsam Studie der UniversitÀten Cambridge und East Anglia mit 6.607 Teilnehmenden ergab, dass 43 Prozent der Patientinnen angaben, ihre Beschwerden seien zunÀchst mit einer psychiatrischen Ursache erklÀrt worden; bei MÀnnern traf dies auf 33 Prozent zu.
Zudem berichteten 34 Prozent der Frauen von einer psychosomatischen Fehldiagnose, verglichen mit 22 Prozent der MĂ€nner. WĂ€hrend die finale Diagnose bei MĂ€nnern nach weniger als drei Monaten feststand, vergingen bei Frauen bis zu zwei Jahre.
Die Neurologin Marwa Al-Dubai vom UniversitĂ€tsklinikum Magdeburg betonte hierzu, dass medizinische Studien meist auf der MĂ€nnergesundheit basierten und unbehandelte EntzĂŒndungen dauerhafte NervenschĂ€den nach sich ziehen könnten.
