Frauenfußball: 46 Prozent nennen mentale Belastung als Karrieregrund
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 10:16 Uhr | Redaktion boerse-global.deIm modernen Leistungssport entscheiden längst nicht mehr allein Physis und Taktik über den Erfolg. Berichte und Erhebungen verdeutlichen zunehmend, welchen immensen Belastungen Athletinnen und Athleten durch mentalen Druck ausgesetzt sind und warum psychische Faktoren als integraler Bestandteil der Vorbereitung gesteuert werden müssen.
Persönliche Einblicke und sportpsychologische Betreuung
Wie tiefgreifend die Anforderungen sein können, schilderte Handball-Nationaltorwart David Späth von den Rhein-Neckar Löwen in einem Interview. Der 23-jährige Torhüter erklärte, dass ihn der Leistungsdruck mental mitgenommen habe und er kontinuierlich daran arbeite.
Leistungssport finde nicht ausschließlich im Kraftraum statt, sondern erfordere in hohem Maße Mentaltraining. Bei den Rhein-Neckar Löwen steht den Profis die Sportpsychologin Katharina Söhnlein einmal wöchentlich am Standort Kronau sowie ansonsten in Heidelberg zur Seite.
Späth, der 2018 in die Jugend der Löwen wechselte und mit 18 Jahren sein Bundesligadebüt feierte, blickt auf mehrere Erfolge zurück: Nach dem U19-Europameistertitel 2021 folgten 2023 der Pokalsieg sowie die U21-Weltmeisterschaft. Im Jahr 2025 verlängerte er seinen Vertrag bis 2029. Nach olympischem Silber im Vorjahr gewann er in diesem Jahr den Vize-Europameistertitel.
Auch im internationalen Fußball gewinnt das Thema an Sichtbarkeit. Der frühere Inter-Mailand-Verteidiger Andrea Ranocchia, der sich inzwischen bei der Plattform Athletics Mind engagiert, nahm psychologische Unterstützung erst im Alter von 29 oder 30 Jahren in Anspruch.
Während Inter einen Experten stellte, erlebte er seine spätere Zeit beim englischen Verein Hull City als befreiende Phase gegenüber dem Druck im italienischen Fußball. Ranocchia betonte zudem die Rolle des Trainerstabs, da der Trainer der erste Psychologe einer Mannschaft sei.
Verbandsrichtlinien und kognitive Forschung
Auf institutioneller Ebene reagierte das Internationale Olympische Komitee (IOC), indem es 2026 sein Konsenspapier zur psychischen Gesundheit im Spitzensport aktualisierte. Das IOC empfiehlt nationalen Sportorganisationen regelmäßige Screenings für Spitzenathleten.
Laut der beteiligten Wissenschaftlerin Rosemary Purcell von der Universität Melbourne sollen standardisierte Kurzfragebögen Anzeichen psychischer Probleme frühzeitig sichtbar machen.
Vorgesehen sind solche Überprüfungen zu Saisonbeginn, nach Großereignissen wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen, infolge schwerer Verletzungen wie Gehirnerschütterungen sowie bei einem drohenden Karriereende oder Teamausschluss.
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Neben Risiken wie Übertraining, Burnout, Erwartungshaltungen und Online-Mobbing warnte das IOC jedoch davor, dass derartige Screenings in problematischen Verbandsstrukturen zur Ausgrenzung von Athleten missbraucht werden könnten.
Ergänzende Befunde liefert die kognitive Forschung. Eine Untersuchung der Deutschen Sporthochschule Köln mit Forschenden aus Neuseeland im Fachmagazin Trends in Cognitive Sciences legte dar, dass Druck die Aufnahme und Integration von Informationen verändert.
Laut Hauptforscherin Dr. Laura Voigt verdeutlicht das Konzept der aufgabenangepassten Komplexität, dass weder pauschale Vereinfachung noch zusätzliche Komplexität per se zum Erfolg führen. Vielmehr müssten Trainingsmethoden gezielt auf die in spezifischen Wettkampfsituationen erforderliche Informationsverarbeitung ausgerichtet werden.
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Datenlage im Frauenfußball und internationale Initiativen
Die Relevanz präventiver Strukturen unterstreicht eine Erhebung der Spielergewerkschaft FIFPRO unter 791 Fußballerinnen aus 40 Ländern. Von den Spielerinnen, die über ein vorzeitiges Karriereende nachdenken, nannten 46 Prozent die mentale Belastung als Grund. 57 Prozent der befragten Athletinnen gaben an, bereits mentale Probleme durchlebt zu haben; jede zweite Betroffene erhielt dabei keine Unterstützung durch ihren Verein.
Um derartigen Entwicklungen zu begegnen, startete der schwedische Kanuverband Svenska Kanotförbundet das Vorhaben Nästa paddeltag im Rahmen des Projekts Från tystnad till trygghet. Die Initiative wird vom Riksidrottsförbundet gefördert, wofür die schwedische Regierung 10 Millionen Schwedische Kronen aus einem Dreijahrestopf von insgesamt 30 Millionen Schwedische Kronen bereitstellt.
Für die Jahre 2026 und 2027 planen die Projektleiter Åsa Eklund und Johan Ekengren eine Erhebung der Belastungen, erweiterte Beratungsangebote sowie Schulungen für Trainer und Aktive, da Leistungsangst in Evaluierungen als wiederkehrendes Hindernis identifiziert wurde.
