FĂŒhrung, Job

FĂŒhrung im Job: Warum Tomas Chamorro-Premuzic vor bedingungsloser AuthentizitĂ€t warnt

Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 20:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Chamorro-Premuzic plĂ€diert fĂŒr emotionale Selbststeuerung; klare GesprĂ€chsregeln und Konfliktkompetenz fördern Zusammenarbeit und psychologische Sicherheit.
Ein minimalistisch gestalteter, leerer Konferenzraum mit klaren architektonischen Linien und natĂŒrlichem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Das Versprechen vieler Arbeitgeber, am Arbeitsplatz ganz man selbst sein zu können, fĂŒhrt nach Ansicht von Arbeitspsychologen in eine gefĂ€hrliche Erwartungsfalle. In seinem Buch „Don't Be Yourself“ wendet sich der Wirtschaftspsychologe Tomas Chamorro-Premuzic vom University College London gegen den verbreiteten Trend zur bedingungslosen AuthentizitĂ€t im Berufsleben.

Wie das Handelsblatt in einem Bericht Ende Oktober darlegte, sieht Chamorro-Premuzic in der populĂ€ren Maxime, sich im BĂŒro ungefiltert zu zeigen, erhebliche Risiken fĂŒr die Zusammenarbeit und die Wirksamkeit von FĂŒhrungskrĂ€ften.

Professionelle Distanz statt emotionaler Offenbarung

Gute FĂŒhrung erfordere laut Chamorro-Premuzic ein gezieltes Einsetzen von Emotionen, das in weiten Teilen einem guten Schauspiel Ă€hnle. FĂŒhrungskrĂ€fte mĂŒssten ihre Reaktionen steuern und sich gewissermaßen editieren, anstatt persönliche Befindlichkeiten ungebremst in das Team zu tragen.

FĂŒr BeschĂ€ftigte sei es keineswegs erforderlich, das vollstĂ€ndige Innenleben ihrer Vorgesetzten zu kennen; emotionale Selbstkontrolle schaffe vielmehr VerlĂ€sslichkeit und Orientierung.

Das Ideal einer grenzenlosen Offenheit kollidiere zudem hĂ€ufig mit den realen Anforderungen in Organisationen. Wenn Unternehmen suggerieren, BeschĂ€ftigte könnten jederzeit ganz sie selbst sein, fĂŒhre dieses Versprechen unweigerlich in die EnttĂ€uschung.

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Bei organisatorischen Reibungen oder Transformationsprozessen greife der Verweis auf persönliche Defizite ohnehin zu kurz. So stellte die Organisationssoziologin Judith Muster fest, dass die Ursachen fĂŒr das Scheitern von Projekten selten bei den einzelnen Menschen liegen, sondern zumeist in den Strukturen begrĂŒndet sind, in denen gearbeitet wird.

Raum fĂŒr stille Talente und strukturierte Kommunikation

Die Kritik an der Überbetonung von Selbstdarstellung berĂŒhrt auch die Dynamik innerhalb von Teams. WĂ€hrend laute und extrovertierte BeschĂ€ftigte in vielen Betrieben vorschnell als erfolgreich wahrgenommen werden, halten oft die stillen Talente den Betrieb am Laufen.

Dominieren laute Akteure Besprechungen, drohen unvollstĂ€ndige Entscheidungen und ein falscher Konsens, da zurĂŒckhaltende BeschĂ€ftigte Risiken und Chancen oft frĂŒher erkennen, aber seltener zu Wort kommen.

Um dem entgegenzuwirken, empfehlen Fachberater klare Agenden, definierte Rederunden und gezielte Reflexionsphasen vor Sitzungen. Dies hebe die QualitÀt der Entscheidungen und stÀrke das Betriebsklima.

Auch introvertierten FĂŒhrungskrĂ€ften, die in großen Runden mitunter als weniger durchsetzungsstark wahrgenommen werden, wird geraten, ihren Kommunikationsstil anzupassen und verstĂ€rkt auf Vier-Augen-GesprĂ€che oder schriftliche Abstimmungen zu setzen.

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Psychologische Sicherheit und Konfliktkompetenz

Ein professioneller Umgang mit Emotionen bedeutet keineswegs den Verzicht auf NĂ€he oder Empathie. Aktuelle AnsĂ€tze zur psychologischen Sicherheit verdeutlichen, dass ein tragfĂ€higes Arbeitsklima auf mehreren Ebenen beruht: der Selbstwahrnehmung und Selbstregulation der FĂŒhrungskraft, einem Feedback ohne DemĂŒtigung sowie verlĂ€sslichen gemeinsamen Teamnormen.

Gleichzeitig erhöht wachsender Arbeits- und Ergebnisdruck die Notwendigkeit einer geschulten GesprĂ€chsfĂŒhrung. MissglĂŒckte Unterredungen können Mitarbeitende zu innerer KĂŒndigung oder LeistungszurĂŒckhaltung verleiten.

Immer mehr Unternehmen setzen daher auf methodische Weiterbildungen zur Konfliktlösung, um FĂŒhrungskrĂ€ften Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sich heikle Themen mit Klarheit und Besonnenheit ansprechen lassen, ohne in destruktive emotionale Konfrontationen abzugleiten.

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