Funktionelle Störungen: Nur 30 Prozent akzeptieren die neurologische Diagnose
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 23:00 Uhr | Redaktion boerse-global.deFachbeiträge thematisieren verstärkt die hohe Komplexität funktioneller somatischer Störungen und heben die Dringlichkeit gezielter Ansätze für eine verbesserte Versorgung hervor. Funktionelle somatische Störungen zeichnen sich durch anhaltende Symptome aus, für die sich keine organische Anomalie nachweisen lässt.
Häufig treten sie jedoch gleichzeitig neben einer bestehenden organischen Grunderkrankung auf, wie Brigitte Ranque vom Europäischen Krankenhaus Georges Pompidou in Paris darlegt. Zu den wiederkehrenden Merkmalen betroffener Personen gehören Perfektionismus, Ängste, Hyperaktivität sowie Alexithymie. Das bio-psycho-soziale Modell dient dabei als zentrales Erklärungsmodell.
Therapieansätze und Leitlinienempfehlungen
Auf einer Tagung der JNMG im CNIT Paris La Défense Ende September 2026 wurden wesentliche Bausteine der Behandlung erörtert. Im Mittelpunkt stehen eine verlässliche therapeutische Beziehung, fundierte wissenschaftliche Erklärungen sowie das Beenden wiederholter diagnostischer Untersuchungen.
Empfohlen werden zudem ein geregelter Schlafrhythmus, schrittweise gesteigerte körperliche Aktivität sowie Entspannungsverfahren und Meditation. Die kognitive Verhaltenstherapie weist bei funktionellen somatischen Störungen die beste Evidenzlage auf.
Medikamente sollten hingegen nicht systematisch eingesetzt werden, während psychiatrische Unterstützung vor allem in Zweifelsfällen und im Rahmen einer kontinuierlichen Nachsorge herangezogen wird.
Auch die deutsche Patientenleitlinie zu funktionellen Körperbeschwerden unterstreicht diesen Ansatz: Betroffene bilden sich die Beschwerden nicht ein und täuschen diese auch nicht vor. Die Versorgung sollte sich weniger auf eine endlose Ursachensuche konzentrieren, sondern Mechanismen verständlich machen.
Psychosomatik beschreibt das Zusammenspiel von Körper und Erleben; die Einordnung als rein psychisch entwerte das Leiden, während eine rein körperliche Sichtweise emotionale Faktoren vernachlässige. Vor diesem Hintergrund bleibt die primäre ärztliche Abklärung unverzichtbar.
Wer sich mit dem Zusammenspiel von körperlichen Signalen und emotionalem Wohlbefinden befasst, findet in diesem Ratgeber wertvolle Ansätze zur Aktivierung der körpereigenen Selbstheilungskräfte. Erfahren Sie, wie Sie Stress reduzieren und Ihr Nervensystem in wenigen Minuten täglich wieder ins Gleichgewicht bringen. Kostenlosen Vagus-Therapie Ratgeber hier anfordern
Wie eng Körper und Emotionen verknüpft sind, belegte zudem eine Untersuchung um Lauri Nummenmaa: Mehr als 700 Teilnehmende aus Finnland, Schweden und Taiwan zeichneten ihre wahrgenommene Körperaktivität bei bestimmten Emotionen auf, wobei sich kulturübergreifend übereinstimmende Muster zeigten.
Akzeptanzprobleme und Stigmatisierung
Eine Studie der Universität East Anglia und der Universität Cambridge, geleitet von Melanie Sloan, zeigt gravierende Versorgungsdefizite bei funktionellen neurologischen Störungen im Kontext von Autoimmunerkrankungen auf. Eine unzureichende Kommunikation führe bei Betroffenen teils zu starkem Leidensdruck bis hin zu Suizidgedanken.
In einer Erhebung unter 1.853 Patienten, 400 Ärzten und 463 Personen aus der Öffentlichkeit zeigten sich deutliche Unterschiede in der Diagnoseakzeptanz: Während eine Depression von 86 % und Fibromyalgie von 53 % akzeptiert wurden, lag die Akzeptanz bei funktionellen neurologischen Störungen bei 30 %. Lediglich 7 % akzeptierten den Begriff psychosomatisch.
Zugleich gaben 72 % der Ärzte an, psychische Symptome bei einer körperlichen Erkrankung seien weniger stigmatisiert, während dies nur 50 % der Patienten und 48 % der Öffentlichkeit so beurteilten. In einer Untersuchung aus dem Jahr 2024 wiesen 41,9 % von 643 Personen mit einer funktionellen neurologischen Diagnose zusätzlich eine Autoimmunerkrankung auf.
Da die Einordnung diffuser Beschwerden oft schwierig ist, hilft ein fundiertes Verständnis der eigenen Laborwerte dabei, gesundheitliche Zusammenhänge besser zu begreifen. Dieser kostenlose Report erklärt verständlich, was wichtige Blutwerte wirklich bedeuten und wie Sie aktiv für Ihre Gesundheit vorsorgen können. Zum kostenlosen Laborwerte-Selbstcheck
Bei einer Befragung von 208 Klinikern schätzten 30 % die Diagnose einer funktionellen neurologischen Störung in etwa der Hälfte der Fälle oder häufiger als fehlerhaft ein; bei Fibromyalgie lag dieser Anteil bei 41 %, beim chronischen Erschöpfungssyndrom bei 42 %.
Eine frühere englischsprachige Online-Erhebung aus dem Jahr 2022 mit 91 % weiblichen und 93 % weißen Teilnehmenden ergab, dass über 80 % der Patienten mit einer psychosomatischen oder psychiatrischen Fehldiagnose von einer dauerhaften Beschädigung ihres Selbstwerts berichteten.
Komplexe Schmerzbilder und organspezifische Mechanismen
Die klinische Praxis wird zudem durch überlappende Schmerzphänomene erschwert. Bei muskuloskelettalen Erkrankungen treten gemischte Schmerzphänotypen bei mehr als einem Drittel der Betroffenen auf. Dieser zusätzliche, meist nociplastische Schmerz verstärkt die Krankheitslast.
Da validierte Biomarker fehlen, erfolgt die Erfassung primär über die Anamnese und die körperliche Untersuchung. Behandelt wird ebenfalls nach dem biopsychosozialen Modell unter Berücksichtigung von Komorbiditäten, Lebensstil und Selbstwirksamkeit, begleitet von einer vorsichtigen Pharmakotherapie.
Auch im Magen-Darm-Bereich, etwa bei Gastroparese und funktioneller Dyspepsie, spielen neurobiologische Faktoren eine wesentliche Rolle. Rund 90 % des körpereigenen Serotonins entstehen im Darm und nur 5 % in Gehirnneuronen.
Zwar fehlen bislang große Wirksamkeitsstudien zu serotonergen Substanzen, doch zeigen Untersuchungen, dass 5-HT4-Agonisten die Magenentleerung meist beschleunigen und entsprechend empfohlen werden, während 5-HT1a-Agonisten wie Buspiron diese offenbar verzögern.
