GdB bei mehreren Erkrankungen: Gericht hebt Bewertung von 40 auf 50 an
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 18:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Wer an mehreren chronischen Erkrankungen gleichzeitig leidet, steht oft vor der Frage, wie sich diese Leiden auf den Grad der Behinderung (GdB) auswirken. Ein Urteil des Landessozialgerichts Baden-WĂŒrttemberg vom 17. Oktober 2025 zeigt beispielhaft, nach welchen GrundsĂ€tzen die Sozialgerichtsbarkeit bei der Gesamtbewertung mehrerer Gesundheitsstörungen vorgeht.
Der Fall: WirbelsÀulenleiden und psychische Erkrankung
Im entschiedenen Verfahren (Az. L 8 SB 1220/25) ging es um einen KlÀger, der sowohl unter einem WirbelsÀulenleiden als auch unter einer psychischen Erkrankung litt. Das zustÀndige Versorgungsamt hatte die WirbelsÀulenerkrankung zunÀchst mit einem Einzel-GdB von 30 und die psychische Erkrankung mit einem Einzel-GdB von 20 bewertet.
In der gerichtlichen Auseinandersetzung kamen eingeholte Gutachten jedoch zu einer abweichenden EinschĂ€tzung: Sie bewerteten beide Leiden jeweils mit einem Einzel-GdB von 30. Das Landessozialgericht Baden-WĂŒrttemberg stellte daraufhin mit seinem Urteil einen Gesamt-GdB von 50 fest â statt der vom Amt ursprĂŒnglich angenommenen 40.
Keine schematische Addition von Einzelwerten
Bemerkenswert an der Entscheidung ist weniger das konkrete Zahlenergebnis als die BegrĂŒndung, mit der das Gericht zu seiner Bewertung gelangte. GrundsĂ€tzlich gilt: Einzel-GdB-Werte werden bei der Bildung des Gesamt-GdB nicht schlicht addiert. Zwei Einzel-GdB von jeweils 30 fĂŒhren demnach nicht automatisch zu einem Gesamt-GdB von 50 oder gar 60 â eine Rechenlogik, die in der Praxis hĂ€ufig fĂ€lschlich angenommen wird.
MaĂgeblich ist stattdessen eine wertende Gesamtbetrachtung: Es kommt darauf an, ob und in welchem AusmaĂ weitere BeeintrĂ€chtigungen die Gesamtwirkung der Behinderung zusĂ€tzlich verschlechtern. Entscheidend ist also nicht die reine Addition der Zahlenwerte, sondern die tatsĂ€chliche funktionelle Wechselwirkung der verschiedenen Leiden im Alltag des Betroffenen.
Wer sich mit der rechtlichen Einordnung von chronischen Krankheiten befasst, sollte auch die korrekte Vorbereitung auf GesprÀche mit Arbeitgebern oder Behörden kennen. Dieser kostenlose Leitfaden zeigt, wie Sie sich im Rahmen eines Betrieblichen Eingliederungsmanagements rechtssicher verhalten. BEM-Leitfaden mit Muster-Betriebsvereinbarung kostenlos herunterladen
Unterschiedliche Funktionsbereiche als entscheidendes Kriterium
Im konkreten Fall stellte das Landessozialgericht Baden-WĂŒrttemberg fest, dass die WirbelsĂ€ulenerkrankung und die psychische Erkrankung des KlĂ€gers unterschiedliche Funktionsbereiche des Körpers beziehungsweise der Psyche beeintrĂ€chtigten und sich in ihrer Auswirkung nicht wesentlich ĂŒberschnitten.
Gerade weil die beiden mit jeweils 30 bewerteten Einzel-GdB voneinander unabhĂ€ngige Bereiche betrafen, erhöhte sich nach EinschĂ€tzung des Gerichts die Gesamtbelastung des KlĂ€gers in einem MaĂ, das eine Anhebung auf einen Gesamt-GdB von 50 rechtfertigte.
Diese Argumentation verdeutlicht das zentrale Prinzip der GdB-Bemessung bei mehreren Erkrankungen: Ăberschneiden sich Leiden in ihren Auswirkungen kaum, kann sich die GesamtbeeintrĂ€chtigung stĂ€rker summieren, als eine rein schematische Betrachtung vermuten lieĂe. Ăberlappen sich die BeeintrĂ€chtigungen hingegen in denselben Funktionsbereichen, fĂ€llt die Erhöhung des Gesamt-GdB gegenĂŒber dem höchsten Einzelwert entsprechend geringer aus.
Bedeutung fĂŒr Betroffene
FĂŒr Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen zeigt der Fall, dass die Feststellung des Gesamt-GdB stets eine individuelle, auf den Einzelfall bezogene PrĂŒfung erfordert.
Ein korrekt durchgefĂŒhrtes Betriebliches Eingliederungsmanagement ist bei chronischen Leiden oft entscheidend fĂŒr den Erhalt des Arbeitsplatzes. Ein Gratis-E-Book enthĂŒllt die hĂ€ufigsten Stolperfallen beim BEM und wie Sie diese vermeiden können. Kostenlose BEM-Anleitung inklusive GesprĂ€chsleitfaden sichern
Weder Betroffene noch Behörden können sich auf eine feste Rechenformel verlassen. Entscheidend bleibt, wie sich die einzelnen Leiden in ihrer Gesamtheit auf die Teilhabe am Leben auswirken â und ob sie sich gegenseitig verstĂ€rken oder in voneinander unabhĂ€ngigen Bereichen wirken.
Der genaue Wortlaut des Urteils vom 17. Oktober 2025 lieĂ sich in der offiziellen Rechtsprechungsdatenbank nicht unmittelbar verifizieren, die Kernaussagen zur Berechnungslogik decken sich jedoch mit der etablierten Praxis der Sozialgerichte bei vergleichbaren Mehrfacherkrankungen.
