Gehirnentwicklung: Zwei unabhÀngige Zelllinien bilden SÀugetiergehirn
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 15:25 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Lange Zeit ging die Entwicklungsbiologie davon aus, dass das menschliche Zentralnervensystem auf eine einzige gemeinsame Ursprungszelle zurĂŒckgeht. Eine im Fachjournal Nature Neuroscience (DOI 10.1038/s41593-026-02433-7) veröffentlichte Untersuchung eines Forschungsteams der Stanford University legt nun ein anderes Entwicklungsmodell dar: Das Gehirn von SĂ€ugetieren formiert sich demnach bereits im frĂŒhesten embryonalen Stadium aus zwei voneinander unabhĂ€ngigen Zelllinien.
FrĂŒhe Trennung wĂ€hrend der Gastrulation
Nach den Ergebnissen der Wissenschaftler Rayyan T. Jokhai, Carolyn E. Dundes und Kyle M. Loh entsteht das SÀugetiergehirn aus zwei parallel angelegten Abstammungslinien wÀhrend der sogenannten Gastrulation. Anstelle eines homogenen Ursprungsgewebes teilen sich die VorlÀufer von Beginn an in ein anteriores und ein posteriores Neuralektoderm auf.
Zellen, die das Otx2-Gen exprimieren, bringen das spÀtere Vorder- und Mittelhirn hervor. Das Hinterhirn geht hingegen aus Zellen hervor, die durch das Gbx2-Gen definiert sind.
Ăberschneidungen zwischen beiden Populationen konnten die Forscher nicht feststellen. Bei Zellverfolgungsversuchen an MĂ€usen mittels Gbx2-CreER fĂŒhrte eine Markierung am embryonalen Tag 7,0 ausschlieĂlich zur Bildung von Strukturen des Hinterhirns.
Eine anschlieĂende Analyse von 494 Zellclustern aus 16 Embryonen, deren Markierung an Tag 7,5 vorgenommen und bis Tag 9,5 weiterverfolgt wurde, belegte das vollstĂ€ndige Ausbleiben einer zellulĂ€ren Vermischung. ErgĂ€nzende OmniATAC-Sequenzierungen zeigten zudem, dass sich die Chromatinstrukturen beider Linien bereits an Tag 2 deutlich voneinander unterscheiden.
EvolutionÀre Wurzeln des Konstruktionsprinzips
Die Trennung der Nervenanlagen ist kein neues PhĂ€nomen moderner SĂ€ugetiere, sondern ein entwicklungsgeschichtlich tief verankertes Prinzip. Die biologische Bauweise reicht mindestens 550 Millionen Jahre zurĂŒck.
Die Vorstellung von einer einzigen Ursprungszelle des Zentralnervensystems ist ĂŒberholt: Eine Stanford-Untersuchung in Nature Neuroscience zeigt zwei parallel angelegte Zelllinien, die bereits wĂ€hrend der Gastrulation getrennt bleiben. Unser kostenloser Leitfaden fasst den Befund zusammen und zeigt, wie daraus ein humanes Protokoll fĂŒr funktionsfĂ€hige Hinterhirn-Motoneurone wurde. Kostenlosen Leitfaden jetzt anfordern
Vergleichbare vordere und hintere ektodermale DomÀnen lassen sich bereits bei Hemichordaten nachweisen, deren evolutionÀre Abspaltung vor etwa 550 Millionen Jahren stattfand. Dies deutet auf einen gemeinsamen Ursprung beim Urvorfahren der Deuterostomier hin. Bereits Quallen, deren Entwicklungslinie sich vor 600 bis 700 Millionen Jahren abtrennte, weisen zwei getrennte Nervensysteme auf.
Relevanz fĂŒr Stammzellmodelle und Krankheitsforschung
Neben dem theoretischen VerstĂ€ndnis der Hirnentwicklung liefert die Studie praktische AnsĂ€tze fĂŒr die Biomedizin. Auf Basis der Entdeckung gelang es den Forschenden erstmals, aus menschlichen pluripotenten Stammzellen funktionstĂŒchtige Motoneuronen des Hinterhirns gezielt heranzuzĂŒchten. Das entwickelte humane Protokoll erzeugt Motoneuronen der Rhombomere 5 und 6, die nachweisbare Natrium- und Kaliumströme sowie Aktionspotenziale aufweisen.
FĂŒr ALS- und SMA-Modelle fehlten bislang gezielt erzeugte Zelltypen des Hinterhirns. Aus menschlichen pluripotenten Stammzellen lassen sich nun Motoneurone der Rhombomere 5 und 6 heranziehen â mit messbaren Ionenströmen und Aktionspotenzialen. Der Leitfaden ordnet ein, was das fĂŒr die Modellierung neurodegenerativer Erkrankungen bedeutet. Leitfaden zur Zellherstellung sichern
Die gezielte Herstellung dieser Zelltypen eröffnet neue Optionen fĂŒr die Modellierung und Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen. Relevanz besitzt das Verfahren unter anderem fĂŒr die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und die spinale Muskelatrophie (SMA).
Zudem könnten die Erkenntnisse ĂŒber die spezifischen Hinterhirnstrukturen fĂŒr die Adipositasforschung von Bedeutung sein, insbesondere im Kontext von Wirkmechanismen rund um Substanzen wie Semaglutid.
