Genetische ADHS-Veranlagung: Risiko fĂŒr kognitive Defizite steigt um 35 Prozent
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 10:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In neurologischen Fachkreisen wird intensiv thematisiert, warum bislang lediglich ein geringer Anteil der Patientinnen und Patienten fĂŒr moderne Antikörper-Therapien gegen Alzheimer infrage kommt. WĂ€hrend die HĂŒrden fĂŒr den Einsatz zielgerichteter Immuntherapien hoch bleiben, rĂŒcken wissenschaftliche Untersuchungen vermehrt biologische Risikofaktoren und Begleiterkrankungen in den Fokus.
Neue Erhebungen weisen unter anderem auf ZusammenhĂ€nge zwischen Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperaktivitĂ€tsstörungen (ADHS) im mittleren Lebensalter und Biomarkern fĂŒr neurodegenerative Erkrankungen hin.
Kognitive Risiken bei ADHS im mittleren Alter
Einen statistischen Zusammenhang zwischen ADHS und spĂ€teren kognitiven EinschrĂ€nkungen beschreibt eine in der Fachzeitschrift JAMA Psychiatry veröffentlichte Untersuchung eines Forschungsteams um Bauer-Negrini. FĂŒr die Analyse wurden Daten von 187.341 Teilnehmenden des US-Forschungsprogramms âAll of Usâ ausgewertet, die mindestens 50 Jahre alt waren, bei einem Altersdurchschnitt von 56 Jahren.
Unter den 3.026 Personen mit einer ADHS-Diagnose entwickelten im Verlauf eines rund zehnjÀhrigen Beobachtungszeitraums 6,7 Prozent eine leichte kognitive BeeintrÀchtigung oder eine Demenz. In der Vergleichsgruppe ohne ADHS lag dieser Anteil bei 3,4 Prozent.
Zudem war eine hohe genetische ADHS-Veranlagung mit einem um 35 Prozent erhöhten Risiko fĂŒr spĂ€tere kognitive Defizite verbunden. Studienautor Tharick Pascoal wies allerdings darauf hin, dass diese Daten keinen kausalen Nachweis lieferten, dass ADHS Demenzerkrankungen direkt verursacht.
BezĂŒglich der medikamentösen Versorgung bei ADHS zeigte zudem eine 2026 von Nourredine und Kollegen in Lancet Psychiatry publizierte Metaanalyse, dass mehrere ADHS-PrĂ€parate ab einer bestimmten dosis keinen zusĂ€tzlichen Nutzen fĂŒr Kinder und Jugendliche bieten, wĂ€hrend bei Amfetaminen TherapieabbrĂŒche infolge von Nebenwirkungen bei höheren Dosierungen zunahmen.
Erweiterte Mechanismen und Netzwerkstörungen im Gehirn
Die Debatte um begrenzte therapeutische Optionen bei Alzheimer speist sich auch aus der Erkenntnis, dass neurodegenerative Prozesse multifaktoriell verlaufen. Ein Forschungsteam der Medizinischen FakultĂ€t am UniversitĂ€tsklinikum Magdeburg um Professor Dr. Emrah DĂŒzel veröffentlichte Erkenntnisse, wonach GedĂ€chtnisverluste bei der Alzheimer-Krankheit teilweise reversibel sein könnten.
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Als Ursache kommen nicht allein abgestorbene Nervenzellen infrage, sondern gestörte neuronale Netzwerke fĂŒr das episodische GedĂ€chtnis im Hippocampus sowie in den Vorder- und Temporallappen.
Solange diese Schaltkreise nicht vollstÀndig zerstört sind, könnten Interventionen wie gezieltes GedÀchtnistraining, Hirnstimulation oder aktivitÀtsregulierende Medikamente Funktionen stabilisieren, da der Verlust von Nervenzellen selbst bislang irreversibel ist.
Gleichzeitig untersuchen Wissenschaftler des University College London neue Drainagewege fĂŒr pathologische EiweiĂe. In einer Vorabpublikation auf dem Server bioRxiv identifizierten die Forscher ein Netzwerk mikroskopisch kleiner KanĂ€le mit einem Durchmesser von rund zwei Mikrometern, die potenziell am Abtransport von Amyloid-Beta und Tau beteiligt sind.
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Bei MĂ€usen transportierten diese KanĂ€le markierte Proteine binnen 7,5 Minuten an die HirnoberflĂ€che; Ă€hnliche Strukturen fanden sich im Tumorgewebe von fĂŒnf Patienten. Der Neurowissenschaftler David Attwell hob jedoch hervor, dass der genaue Antrieb dieses Transports und ein möglicher Beitrag zu neurodegenerativen Prozessen im Menschen noch ungeklĂ€rt sind.
Stoffwechselrisiken und therapeutische Rahmenbedingungen
Neben strukturellen Netzwerken geraten Stoffwechselparameter stĂ€rker ins Blickfeld. Eine unter Leitung des Kingâs College London in Alzheimer's & Dementia erschienene Analyse der Lipidprofile von 841 Personen zeigte, dass Frauen mit Alzheimer deutlich mehr gesĂ€ttigte und deutlich weniger ungesĂ€ttigte FettsĂ€uren wie Omega-3 aufwiesen als gesunde Frauen â ein Unterschied, der sich bei MĂ€nnern nicht fand.
Zudem verweist eine Demenz-Kommission der Fachzeitschrift The Lancet darauf, dass rund 7 Prozent des Alzheimer-Risikos auf hohe LDL-Werte im mittleren Alter zurĂŒckgehen könnten. In einer Registerstudie des UniversitĂ€tsklinikums Kopenhagen mit 132.585 Typ-2-Diabetes-Patienten war eine frĂŒhe Statinbehandlung ĂŒber zehn Jahre mit einem um 15 Prozent reduzierten Demenzrisiko verbunden.
Die Suche nach breiter anwendbaren TherapieansĂ€tzen erfordert somit ganzheitliche AnsĂ€tze, die ĂŒber die reine Plaque-Beseitigung hinausgehen und PrĂ€vention sowie frĂŒhe Stoffwechselinterventionen einbeziehen.
