Gesundheitsdigitalisierung, KBV

Gesundheitsdigitalisierung: KBV warnt vor Chaos durch 90 Krankenkassen-Apps

Veröffentlicht am: 25.07.2026 um 07:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Ärztevertreter kritisieren PlĂ€ne fĂŒr 90 verschiedene Apps zur Patientensteuerung und fordern eine zentrale Plattform.

KBV-Chef Gassen warnt vor Chaos durch Krankenkassen-Apps
Digitales Tablet mit Gesundheitsnetzwerkdaten in einem professionellen, modernen Arztpraxis-Umfeld. Illustration mit AI erstellt ĂŒbermittelt durch boerse-global.de

Zwischen ÄrzteverbĂ€nden und Gesundheitsministerium zeichnet sich ein harter Konflikt ab. Der Vorsitzende der KassenĂ€rztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, kritisierte die PlĂ€ne von Gesundheitsminister Warken scharf. Sein Vorwurf: Die aktuelle Strategie fĂŒhre geradewegs ins Chaos.

Streit um digitale Patientensteuerung

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die geplante EinfĂŒhrung von rund 90 verschiedenen Apps der Krankenkassen zur Steuerung von Patienten. Gassen warnte am 24. und 25. Juli 2026 vor einem Flickenteppich, der mehr Verwirrung stifte als Nutzen bringe. Die KBV fordert stattdessen eine einheitliche, zentrale Plattform, die fĂŒr alle Versicherten eine erste EinschĂ€tzung und Terminvergabe ermöglicht.

Der Ärztevertreter zeigte sich besorgt, dass die mangelnde Koordination die bestehenden Praxisstrukturen untergrabe. „Die aktuellen VorschlĂ€ge entbehren der nötigen Verbindlichkeit, um Patienten effektiv durch das Gesundheitssystem zu lotsen“, so Gassen.

Elektronische Patientenakte wird ausgebaut

Hintergrund der Betrachtung ist das GeDIG-Gesetz, das das Bundeskabinett am 23. Juli 2026 verabschiedete. Es soll die elektronische Patientenakte (ePA) zur zentralen Schaltstelle des Gesundheitswesens machen. Kernpunkte: eine Volltextsuche bis 2027 und ein digitales Impfzertifikat bis Mitte des Jahres.

Das Gesetz rĂ€umt den Krankenkassen erweiterte Befugnisse ein. Sie dĂŒrfen kĂŒnftig PrĂ€ventionshinweise und KI-gestĂŒtzte ErlĂ€uterungen in der ePA ergĂ€nzen. Die Bundesregierung erhofft sich dadurch jĂ€hrliche Einsparungen von rund 445 Millionen Euro. Die KBV und die BundesĂ€rztekammer (BÄK) kritisieren den erweiterten Datenzugriff der Versicherer hingegen als grundlegenden Paradigmenwechsel.

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Strengere Vorgaben fĂŒr Patienten geplant

Um Überlastung und Ineffizienz zu bekĂ€mpfen, schlug Gassen am 25. Juli 2026 hĂ€rtere Maßnahmen vor. Er plĂ€diert fĂŒr eine EinschrĂ€nkung der freien Arztwahl: Patienten sollen FachĂ€rzte kĂŒnftig nur noch mit Überweisung aufsuchen dĂŒrfen. Als Druckmittel schwebt ihm eine 20-prozentige Beitragserhöhung fĂŒr jene vor, die ohne Überweisung oder Termin einen Spezialisten aufsuchen.

Parallel dazu schreitet die Digitalisierung in anderen Bereichen voran. Seit dem 23. Juli 2026 wird das E-Rezept fĂŒr Hilfsmittel auf fast alle Kategorien ausgeweitet – mit Ausnahme von Seh- und Hörhilfen. Ab 2025 sollen davon rund 33 Millionen Verordnungen betroffen sein.

US-Versicherer setzen verstÀrkt auf KI

Der Trend zur digitalen Steuerung und automatisierten Überwachung zeigt sich auch in den USA. Cigna Healthcare kĂŒndigte am 23. und 24. Juli 2026 an, seine KI-gestĂŒtzten Versorgungsmanagement-Funktionen auszubauen. Ziel ist es, 20 Prozent mehr chronisch kranke Mitglieder zu erreichen – darunter Herz- und Nierenpatienten sowie Risikoschwangere.

Cigna erwartet durch die Vorhersage-Tools Einsparungen von 200 Millionen US-Dollar in den nĂ€chsten drei Jahren. Das entspricht umgerechnet rund 2.000 Dollar pro betreutem Mitglied jĂ€hrlich. Bereits bestehende KI-Programme hĂ€tten die Zahl vermeidbarer Krankenhausaufenthalte um 42 Prozent gesenkt und Krebserkrankungen 37 bis 55 Tage frĂŒher erkannt als herkömmliche Methoden.

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Kritik an automatisierten Entscheidungen wÀchst

WĂ€hrend Versicherer auf Effizienz und Kosteneinsparungen verweisen, geraten automatisierte Systeme zunehmend in die Kritik. Große Anbieter wie UnitedHealthcare und Humana stehen wegen des Einsatzes von Algorithmen zur Ablehnung von LeistungsantrĂ€gen in der Kritik.

Im FrĂŒhjahr 2026 wurden in mehreren US-Bundesstaaten Klagen eingereicht. Massachusetts verklagte UnitedHealthcare am 29. Mai auf 100 Millionen Dollar wegen Medicare-bezogener VerstĂ¶ĂŸe. Arizona reichte am 1. Juni Klage gegen acht Versicherer ein. Aus Pennsylvania wurde bekannt, dass dort 2024 fast drei Millionen AntrĂ€ge abgelehnt wurden. Parallel dazu trat in Illinois am 1. Januar 2026 das Gesetz HB 1697 in Kraft, das mehr Transparenz im Apothekenmanagement fordert und bestimmte Preisgestaltungen verbietet, die die Gesundheitskosten in die Höhe treiben.

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