GLP-1-Medikamente: LJI-Forscher untersuchen ihre Wirkung auf das Immunsystem
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 23:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Erforschung der Stoffwechselmedikamente aus der Klasse der GLP-1-Rezeptoragonisten erreicht die Immunologie. Am La Jolla Institute for Immunology (LJI) leitet Alessandro Sette eine wissenschaftliche Untersuchung, die die Auswirkungen dieser Wirkstoffe auf die adaptive Immunität analysiert.
Das Projekt nutzt Blutproben von Patientinnen und Patienten vor dem Start einer GLP-1-Therapie sowie über mehrere Monate im Behandlungsverlauf. Im Fokus stehen Immunreaktionen auf Antigene aus Infektionen, Impfstoffen sowie Proteine, die mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson assoziiert sind, darunter Alpha-Synuclein.
Ziel der Untersuchung ist die Etablierung einer immunologischen Referenzbasis und ausdrücklich nicht die Erprobung eines neuen Therapieansatzes. Sette selbst hält minimale Anteile an den Herstellern Eli Lilly und Novo Nordisk.
Die wissenschaftliche Einordnung gewinnt angesichts der enormen Verbreitung an Relevanz: Seit der ersten Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA für Typ-2-Diabetes im Jahr 2005 und nachfolgenden Studiendaten aus dem Jahr 2016 zu kardiovaskulären Vorteilen nahm Ende 2025 etwa ein Achtel der erwachsenen US-Bevölkerung GLP-1-Präparate ein.
Zelluläre Verschiebungen und Knochenmarksprozesse
Bisherige Daten anderer Institutionen verdeutlichen bereits komplexe Effekte auf myeloische Zellen. Forschende der Universität Amsterdam wiesen nach, dass Semaglutid bei Personen mit Typ-2-Diabetes den Anteil nicht-klassischer Monozyten im Blut um fast 20 Prozent senkt, während die Gesamtzahl der Monozyten stabil bleibt. Zudem sei ein inflammatorischer Marker der Myeloid-Aktivierung in Knochenmark-Monozyten reduziert.
Wie die Amsterdamer Co-Studienleiterin Nordin Hanssen darlegte, beruht dieser Mechanismus vermutlich darauf, dass GLP-1-Rezeptoragonisten die Retention im Knochenmark erhöhen und die Mobilisierung aktivierter Immunzellen verringern. Dies könnte Wechselwirkungen zwischen Leukozyten und Endothel dämpfen und atherothrombotische Ereignisse verringern, bewirke jedoch keine kurzfristige Plaque-Regression.
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Ergänzende Übersichtsarbeiten beschreiben, dass GLP-1-Rezeptoragonisten zelluläre Reaktionen in Chondrozyten sowie Makrophagen beeinflussen, pro-inflammatorische Zytokine sowie Enzyme senken und Makrophagen in Richtung eines entzündungshemmenden Phänotyps lenken. Diskutiert wird dies unter anderem für Krankheitsbilder wie Arthrose, rheumatoide Arthritis und nichtalkoholische Fettlebererkrankungen.
Signale bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen
Medizinische Fachleute betonen, dass GLP-1-Therapien zwar Entzündungsmarker wie hsCRP oder Interleukin-6 reduzieren können, aber etablierte Autoimmuntherapien nicht ersetzen. Beobachtungsdaten bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zeigen keine erhöhten Exazerbationsraten.
Gleichzeitig liefern Registerdaten differenzierte Sicherheitssignale. Eine in Nature Scientific Reports publizierte Target-Trial-Emulation auf Basis von 208.970 US-Patientendaten aus den Jahren 2018 bis 2022 ergab unter GLP-1-Rezeptoragonisten im Vergleich zu DPP-4-Hemmern ein rechnerisch höheres Auftreten neu erfasster Diagnosen einer Spondylitis ankylosans (0,15 Prozent gegenüber 0,10 Prozent; Hazard Ratio 1,49). Für rheumatoide Arthritis, Gicht oder das Sjögren-Syndrom zeigten sich keine signifikanten Unterschiede.
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In der Dermatologie und Rheumatologie deuteten Post-hoc-Daten der ICONIC-Phase-3-Studie darauf hin, dass eine GLP-1-Begleitmedikation die Pharmakokinetik und Wirksamkeit des oralen IL-23-Rezeptorantagonisten Icotrokinra bei Plaque-Psoriasis nicht beeinträchtigt.
Eine Untersuchung im Rahmen des Symposiums Rheuma Top 2026 verwies darauf, dass eine Kombinationstherapie aus Ixekizumab und Tirzepatid bei Psoriasis-Arthritis zu höheren Ansprechraten bei Gelenkentzündung und Gewichtsreduktion führte als der IL-17-Hemmer allein.
Systemische Effekte und biologische Marker
Die immunologischen Fragestellungen knüpfen an breitere Beobachtungen zur Systembiologie an. Novo Nordisk legte Auswertungen proteomischer Messungen vor, wonach Semaglutid organspezifische Proteinmuster beeinflusst. Eli Lilly berichtete anhand kleinerer Kohorten aus der SURMOUNT-5-Substudie über Veränderungen epigenetischer Alterungsmarker unter Tirzepatid.
Experten wie James Kirkland und Matt Kaeberlein mahnen jedoch vor einer Überinterpretation dieser Biomarker-Daten, da kontrollierte Studien an gesunden Populationen fehlen. Die LJI-Studie soll nun klären, wie das adaptive Immunsystem im Detail auf die metabolischen Regulatoren reagiert.
