GLP-1-Muskelverlust, Antikörper

GLP-1-Muskelverlust: Neuer Antikörper reduziert Abbau um 55%

12.06.2026 - 20:55:21 | boerse-global.de

Studie zeigt: Antikörper Apitegromab reduziert Muskelverlust bei GLP-1-Therapie um 55 Prozent. Experten fordern weitere Forschung.

GLP-1-Abnehmspritzen: Neuer Antikörper schützt vor Muskelschwund
GLP-1-Muskelverlust - Nahaufnahme einer menschlichen Muskelfaser unter dem Mikroskop, mit leuchtend blauen Antikörpern, die mit der Faser interagieren. 12.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Ein neuer Antikörper könnte das ändern.

Die beliebten Abnehmspritzen mit Wirkstoffen wie Semaglutid oder Tirzepatid haben einen unerwünschten Nebeneffekt: Sie bauen nicht nur Fett ab, sondern auch Muskeln. Schätzungen zufolge entfallen bis zu 40 Prozent des verlorenen Gewichts auf fettfreie Masse. Mediziner sehen das kritisch – denn weniger Muskeln bedeuten weniger Leistungsfähigkeit und einen niedrigeren Grundumsatz.

Unter Realbedingungen fällt der Effekt oft noch drastischer aus als in den Zulassungsstudien. Eine Analyse der NYU Langone Health mit über 38.000 Patienten zeigte einen durchschnittlichen Gewichtsverlust von 5,7 Prozent. Gleichzeitig liegt die Abbruchrate innerhalb von fünf Jahren bei rund 17 Prozent – häufig wegen Nebenwirkungen.

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Antikörper bremst den Muskelschwund

Ein neuer Ansatz kombiniert die Abnehmspritze mit dem Antikörper Apitegromab. Der Wirkstoff des Unternehmens Scholar Rock blockiert das Protein Myostatin, das normalerweise das Muskelwachstum hemmt.

Die EMBRAZE-Studie, veröffentlicht im Juni 2026 im Fachjournal Nature Medicine, untersuchte 102 übergewichtige Personen über 24 Wochen. Eine Gruppe erhielt Tirzepatid plus Apitegromab, die andere Tirzepatid plus Placebo.

Der Gesamtgewichtsverlust war mit 11,2 Kilogramm beziehungsweise 12,5 Kilogramm ähnlich. Doch die Zusammensetzung unterschied sich massiv:

  • Die Apitegromab-Gruppe verlor nur 1,6 Kilogramm Magermasse
  • Die Placebo-Gruppe verlor 3,5 Kilogramm Magermasse
  • Der Anteil fettfreier Masse am Gewichtsverlust: 14,6 Prozent versus 30,2 Prozent

Der Antikörper reduzierte den Muskelverlust also um etwa 55 Prozent. Die Nebenwirkungen waren mit 76 zu 71 Prozent vergleichbar.

Experten warnen vor voreiligen Schlüssen

Trotz der beeindruckenden Zahlen bleibt eine entscheidende Frage offen: Ist die erhaltene Masse auch funktional? Henning Tim Langer von der Charité weist darauf hin, dass die Studie keine signifikanten Vorteile bei der Muskelfunktion oder Leistungsfähigkeit nachweisen konnte.

Haiko Schlögl vom Uniklinikum Leipzig warnt vor den Risiken des Eingriffs in körpereigene Kontrollmechanismen. „Muskelabbau lässt sich in vielen Fällen auch durch gezielte Proteinzufuhr und Sport vermeiden", betont der Endokrinologe. Der medikamentöse Schutz sei vor allem für Patienten sinnvoll, die aus gesundheitlichen Gründen keinen Sport treiben können.

Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg vom Uniklinikum Tübingen bezeichnet die Ergebnisse als wichtigen Schritt – verweist aber auf fehlende Langzeitdaten.

Proteinpulver-Boom als Nebeneffekt

Die Sorge vor Muskelschwund treibt bereits den Konsumgütermarkt an. Seit Jahresbeginn 2026 sind die Preise für Proteinpulver in Deutschland um 40 bis 60 Prozent gestiegen. Rund 4,6 Millionen Haushalte kaufen entsprechende Produkte – ein Plus von 66 Prozent innerhalb eines Jahres. Der Europäische Milchindustrieverband führt dies auf eine steigende Nachfrage nach Molkenpulver seit Mitte 2023 zurück.

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GLP-1-Präparate zeigen weitere Potenziale

Parallel zur Muskelforschung untersuchen Wissenschaftler die Abnehmspritzen in anderen Bereichen. Auf dem ASCO-Kongress im Juni 2026 präsentierte Daten der Cleveland Clinic mit rund 12.000 Krebspatienten deuten darauf hin, dass GLP-1-Therapien das Risiko für Metastasen bei Brust-, Lungen- und Darmkrebs um 38 bis 50 Prozent senken könnten.

Forscher der University of Pennsylvania veröffentlichten zudem eine Studie, wonach das Brustkrebsrisiko bei Frauen mit hohem BMI unter GLP-1-Anwendung um bis zu 35 Prozent niedriger ausfiel. Andreas Wicki vom Universitätsspital Zürich betont jedoch: „Es handelt sich um Beobachtungsstudien, die keine direkte Kausalität belegen." Weitere klinische Prüfungen seien nötig.

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