Hautkrebs-Check: 92 Kameras erstellen in Sekunden einen digitalen Körper-Avatar
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 13:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Früherkennung des malignen Melanoms steht vor einem technologischen Wandel. Auf dem 32. Kongress des Intergruppo Melanoma Italiano (Imi) in Bologna diskutierten Fachleute darüber, wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) diagnostische Abläufe präzisieren können.
Nach Einschätzung von Imi-Präsidentin Daniela Massi stellt die Digitalisierung von Gewebepräparaten den ersten notwendigen Schritt dar, um KI-Algorithmen künftig verlässlich anzuwenden. Die damit verbundene Aufgabe beschränke sich jedoch nicht allein auf die Technologie, sondern betreffe ebenso die klinische Organisation, Nachhaltigkeit und die allgemeine Gesundheitskultur.
Steigende Fallzahlen und gezielte Diagnostik
Die Notwendigkeit verbesserter Früherkennungsstrukturen wird durch aktuelle epidemiologische Daten unterstrichen, die auf dem Imi-Kongress thematisiert wurden. Allein in Italien treten jährlich über 12.900 Neuerkrankungen auf, während mehr als 221.000 Patientinnen und Patienten mit der Diagnose leben.
Bei rund 2.500 Todesfällen pro Jahr liegt das Fünf-Jahres-Überleben bei über 90 Prozent. Weltweit werden rund 100.000 neue Fälle pro Jahr registriert; die Inzidenz hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt.
Vor diesem Hintergrund forderten die Fachleute in Bologna eine risikobasierte Prävention mit gezielten Kontrollen. Die Technologie solle medizinisches Fachpersonal dabei unterstützen, nicht jedoch ersetzen.
Ergänzend forderte die Fachgesellschaft beim italienischen Gesundheitsministerium die Aufnahme von Tests mittels Next Generation Sequencing (NGS) in den Nomenklator-Tarif für atypische melanozytäre Tumoren. Diese molekulargenetischen Untersuchungen identifizieren therapierelevante Veränderungen und können komplexe diagnostische Zweifelsfälle klären. Gleichzeitig verzeichnete Italien einen Rückgang nicht-industrieller Studien um 57 Prozent innerhalb von 15 Jahren.
Klinische Bildgebung und Grenzen automatisierter Systeme
In der dermatologischen Praxis kommen vermehrt digitale Bildgebungssysteme zum Einsatz. Fachärzte weisen darauf hin, dass Systeme wie automatisierte Ganzkörperfotografien wertvolle entscheidungsunterstützende Daten liefern, eine vollständige fachärztliche Untersuchung jedoch nicht erübrigen.
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Läsionen können sich auch an schwer einsehbaren Körperstellen wie Fußsohlen, Handflächen oder unter den Nägeln verbergen. Zudem zeigen sich Melanome keineswegs immer dunkel pigmentiert, sondern bisweilen auch rosa, rot oder weiß.
Auch auf dem Jahreskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (SGDV) erörterte Prof. Lara Valeska Maul-Duwendag vom Universitätsspital Zürich den aktuellen Stand der Technik. Mittels 3D-Ganzkörper-Imaging über 92 Kameras lässt sich innerhalb von Sekunden ein digitaler Avatar erstellen, der die Verlaufskontrolle über lange Zeiträume erleichtert.
Während prospektive Studien zeigen, dass KI-Modelle bei der Klassifikation pigmentierter Läsionen vergleichbare Resultate wie Dermatologen erzielen können, sei die wissenschaftliche Evidenz für eine echte erweiterte Intelligenz im klinischen Alltag noch begrenzt.
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Zugleich warnte die Expertin vor Überdiagnostik durch unregulierte Anwendungen: Spanische Daten zeigten, dass eine CE-zertifizierte Smartphone-App 27-mal häufiger einen Melanomverdacht auslöste als Fachärzte, wodurch die Zahl der notwendigen Exzisionen zur Entdeckung eines Melanoms von 9,6 auf fast 260 anstieg.
Klinisch etabliert bleiben daher die Dermatoskopie, standardisierte Ganzkörperfotografien für Hochrisikopatienten sowie die feingewebliche Untersuchung verdächtiger Befunde.
Entlastungspotenziale in Gesundheitssystemen
Dass validierte Systeme gleichwohl Arbeitsabläufe entlasten können, belegen Untersuchungen aus Großbritannien. Am Chelsea and Westminster Hospital NHS Foundation Trust sank die Biopsierate unter einem strukturierten KI-Pfad auf 27 Prozent im Vergleich zu 43 Prozent bei konventioneller Versorgung vor Ort.
Eine von Lucy Thomas am Imperial College London vorgestellte Untersuchung an zwei Standorten ergab eine autonome Entlassungsrate von 31 beziehungsweise 25 Prozent nach Ausschluss ungeeigneter Fälle.
Bei einer Monitoring-Genauigkeit von 98 Prozent bei Hautkrebsfällen ließen sich so erhebliche personelle Kapazitäten freisetzen – ein relevanter Faktor in Systemen mit wachsenden Überweisungszahlen und Fachkräftemangel.
