KĂĽnstliche Intelligenz, KI

Künstliche Intelligenz verändert Deutschland – aber nicht alle auf dieselbe Weise

Veröffentlicht am: 28.07.2026 um 06:14 Uhr | pressetext.de

Heidelberg / Berlin - Künstliche Intelligenz wird von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung als Schlüsseltechnologie der kommenden Jahre wahrgenommen. Studien des SINUS-Instituts zeigen: KI ist bereits Teil des Alltags, 83% der Bevölkerung nutzen entsprechende Anwendungen. Trotz dieser Verbreitung bleibt das Vertrauen in KI aber (noch) gering, so erkennen drei Viertel der Deutschen (74%) erhebliche Datenschutz- und Sicherheitsrisiken.

Was macht KI mit der Gesellschaft?

Die SINUS-Forschung zeigt, die KI-Dynamik trifft nicht alle Menschen gleichermaßen. Unterschiedliche Lebens- und Wertewelten nehmen KI verschieden wahr, interpretieren ihre Potentiale unterschiedlich und bringen teils kontrastierende Erwartungen und Befürchtungen zum Ausdruck. Es ist deshalb unumgänglich, nicht allein die Technologie zu betrachten, sondern auch die sozialen Voraussetzungen, Resonanzräume und Spannungsfelder – also wie verschiedene Milieus in der Gesellschaft auf KI reagieren, welche Chancen sie erkennen und welche Sorgen sie haben.

KĂĽnstliche Intelligenz trifft auf Alltagswelten

Was KI mit den Menschen und der Gesellschaft macht, lässt sich nicht abstrakt-technologisch beantworten, sondern nur mit Blick auf die sozialen Kontexte, in denen Menschen leben, denken und handeln. "Denn die Bedeutung von KI entsteht nicht im Rechenzentrum – sondern im Alltag, in den Einstellungen und Erfahrungen der Menschen", sagt Tim Gensheimer , Senior Research & Consulting am SINUS-Institut und Leiter der SINUS-Akademie.

Wie tiefgreifend Künstliche Intelligenz die Gesellschaft verändern wird, wird sich in den kommenden Jahren entscheiden. Bereits heute zeigt die Milieuforschung des SINUS-Instituts deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung, Akzeptanz und Nutzung von KI – ein Hinweis darauf, dass auch diese Transformation gesellschaftlich höchst unterschiedlich verarbeitet werden wird.

Alter erklärt den Einstieg zu KI – Milieus erklären Zugang und Umgang damit

Auf den ersten Blick scheint die Entwicklung eindeutig zu sein: Junge Menschen verfügen über deutlich mehr KI-Kenntnisse als ältere Generationen. 79% der 18- bis 29-Jährigen geben aktuell an, sich gut mit KI auszukennen, bei den 60- bis 74-Jährigen sind es 50%. Auch die KI-Nutzung folgt zunächst diesem Muster.

Doch diese Unterschiede erklären nur einen Teil der Realität. Innerhalb der gleichen Altersgruppen zeigen sich erhebliche Unterschiede, die sich weder durch Bildung noch durch Geschlecht erklären lassen. Entscheidend ist vielmehr die soziokulturelle Wertorientierung der Menschen – ihre Werte, Lebensziele und ihre Haltung gegenüber Neuentwicklungen und Veränderung.

Das heißt konkret: Menschen nutzen KI nicht allein deshalb unterschiedlich, weil sie jung oder alt sind. Sie nutzen sie unterschiedlich, weil sie unterschiedliche Vorstellungen von Fortschritt, Sicherheit, Verantwortung, Leistung oder Selbstverwirklichung haben. Genau diese Wertemuster entscheiden darüber, ob KI als Chance, als Werkzeug, als Risiko oder als Bedrohung erlebt wird. Das Gesellschaftsmodell der Sinus-Milieus ( https://www.sinus-institut.de/sinus-milieus ) ist Ergebnis der langjährigen Wertewandelforschung des SINUS-Instituts. Wie auf einer "Landkarte der Gesellschaft" fassen die Sinus-Milieus Menschen mit ähnlichen Werten und einer vergleichbaren sozialen Lage zu zehn "Gruppen Gleichgesinnter" zusammen.

Die Sinus-Milieus erklären nicht nur, "wer" KI nutzt, sondern "warum" Menschen KI begrüßen, skeptisch betrachten oder bewusst meiden. Während das Alter vor allem die Wahrscheinlichkeit des Erstkontakts beschreibt, erklärt die Milieuzugehörigkeit die Wahrnehmung und den Umgang mit KI.

KI-Kultur in Deutschland: FĂĽnf unterschiedliche Reaktionen auf dieselbe Technologie

Die SINUS-Forschung zu KI zeigt, dass sich fĂĽnf grundlegende Muster in Deutschland herausbilden.

1. Die InnovationsfĂĽhrer

Die soziokulturell modernen Milieus der Expeditiven, Performer und Neo-Ökologischen betrachten KI vor allem als Werkzeug zur Erweiterung der eigenen Möglichkeiten. Sie verfügen über die höchsten Wissensstände und nutzen KI selbstverständlich im Alltag.

Für diese Milieus steht weniger die Frage im Vordergrund, "ob" KI eingesetzt werden sollte, sondern "wie" sie sinnvoll eingesetzt werden kann. Die Technologie wird vor allem als Chance verstanden, die Produktivität, Kreativität und persönliche Autonomie zu erhöhen.

Diese Gruppen ĂĽbernehmen damit dieselbe Rolle, die sie bereits bei Internet, Smartphones oder digitalen Plattformen innehatten: Sie sind gesellschaftliche "Early Adopters".

2. Die reflektierten WissensfĂĽhrer

Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung im Postmateriellen Milieu. Bisher gehörte dieses ökologisch und sozial orientierte Milieu nie zu den Vorreitern technischer Innovationen. Bei der Nutzung von Smartphones oder sozialen Netzwerken war es deutlich zurückhaltender als andere. Bei KI zeigt sich jedoch ein völlig anderes Bild. Innerhalb von einem Jahr – so das Ergebnis unserer Befragungsreihe - verzeichnet das Postmaterielle Milieu den stärksten Nutzungszuwachs und erreicht gemeinsam mit den Expeditiven den höchsten Kenntnisstand. Gleichzeitig weist kein anderes Milieu eine vergleichbar große Sorge vor Desinformation sowie einen ähnlich ausgeprägten Wunsch nach staatlicher Regulierung auf. Bei den Postmateriellen zeigt sich deutlich, dass Kenntnis und Wissen keineswegs automatisch zu Technikoptimismus führt. Im Gegenteil – und typisch für dieses Milieu: Gerade wer sich intensiv mit KI beschäftigt, erkennt ihre gesellschaftlichen Chancen ebenso wie ihre Risiken.

Das Postmaterielle Milieu steht damit exemplarisch fĂĽr einen neuen Typs des kritischen KI-Nutzers.

3. Die verantwortungsorientierten Skeptiker

Während die Skepsis der Postmateriellen aus einer kritischen Reflexion gesellschaftlicher Veränderungen und Risiken entsteht, speist sich die skeptische Zurückhaltung des Konservativ-Gehobenen Milieus in seiner Rolle als das klassische Establishment vor allem aus dem Wunsch nach Stabilität, Sicherheit und verantwortungsvoller Steuerung. Beide Milieus fordern Regulierung – jedoch aus unterschiedlichen Motiven. Die Postmateriellen wollen gesellschaftliche Risiken begrenzen und demokratische Werte schützen. Das Konservativ-Gehobene Milieu möchte technischen Fortschritt mit Verantwortung flankieren – also Vertrauen schaffen, Kontrollverlust vermeiden und klare Regeln für einen verantwortbaren Einsatz von KI etablieren.

4. Die pragmatische gesellschaftliche Mitte

Die moderne Mitte der Adaptiv-Pragmatischen zeigt vermutlich am besten, wie sich KI langfristig in Deutschland etablieren wird. Die Angehörigen dieses Milieus gehören weder zu den Technikenthusiasten noch zu den grundsätzlichen Skeptikern. KI wird genutzt, wenn sie einen konkreten praktischen Nutzen im Alltag bietet – Googeln ist anstrengender als ChatGPT, Gemini & Co zu befragen. Diese Haltung dürfte für die weitere gesellschaftliche Diffusion entscheidend sein.

Technologien werden erst dann zum gesellschaftlichen Standard, wenn sie nicht mehr nur faszinieren, sondern schlicht nĂĽtzlich sind. Die Adaptiv-Pragmatischen markieren genau diesen Ăśbergang.

5. Die strukturell Benachteiligten

Ganz anders stellt sich die Situation im Prekären sowie teilweise im Traditionellen und Nostalgisch-Bürgerlichen Milieu dar. Wissen und Nutzung von KI steigt zwar allmählich an, der Abstand zu den innovationsorientierten Milieus bleibt jedoch groß. Für die Gruppe der modernisierungsskeptischen Milieus steht weniger die technologische Faszination als – neben einer grundsätzlichen digitalen Distanz - vielmehr die Sorge vor Kontrollverlust, Arbeitsplatzverlust oder gesellschaftlicher Benachteiligung im Vordergrund.

KI erscheint hier weniger als Chance denn als weiterer Beschleuniger gesellschaftlicher Ungleichheit mit der Folge noch weiter abgehängt zu werden.

Was bringt die Zukunft? Die Sinus-Milieus® geben erste Hinweise

Klassische demografische Merkmale beschreiben zwar Unterschiede im Umgang mit KI-Tools, deren Ursachen erklären sie jedoch bedingt. Das Alter beeinflusst vor allem den Erstkontakt, die Geschwindigkeit und die Intensität der Aneignung. Bildung erklärt teilweise den Wissensstand, verliert jedoch erheblich an Erklärungskraft, sobald es um Einstellungen, Sorgen oder Optimismus geht.

Besonders deutlich wird dies bei der Angst vor Arbeitsplatzverlust, die sich nahezu unabhängig vom Bildungsniveau zeigt; ein Novum, da bisher Bildung ein Garant für Arbeitsplatzsicherheit war. Die Sorge um den Arbeitsplatz ist erstmals ein Phänomen auch für die Jungen (Gen-Z): Überdurchschnittliche 27% der berufstätigen 18- bis 29-Jährigen sind besorgt, dass ihr Job in den nächsten Jahren durch KI ersetzt wird. Die junge Generation wird sich immer mehr bewusst, wie sehr KI ihre Beschäftigungschancen und damit ihre Zukunftssicherheit trotz guter Bildung gefährdet.

"Gute Bildung war bisher der sicherste Schutz vor Arbeitsplatzverlust. Bei KI gilt das nicht mehr", sagt Manfred Tautscher , Geschäftsführer des SINUS-Instituts. "Diese Sorge betrifft längst nicht mehr nur einfache Tätigkeiten - sie erreicht die Mitte der Gesellschaft, bis hinein in die gut ausgebildete junge Generation."

Die geringsten Sorgen um KI-verursachten Arbeitsplatzverlust macht man sich in den sozial privilegierten Milieus der Postmateriellen und Expeditiven. Am größten sind diese Sorgen bei den strukturell benachteiligten Milieus der Prekären und Nostalgisch-Bürgerlichen.

"Die Milieudifferenzen legen es deshalb nahe, dass es nicht genügt, allein den Zugang zur KI zu verbessern. Ebenso wichtig sind grundlegende Kompetenzvermittlung, niedrigschwellige Bildungsangebote und konkrete Alltagserfahrungen, die Selbstwirksamkeit fördern", ergänzt Tim Gensheimer .

Methodischer Hinweis

Die verwendeten Daten beruhen auf einer repräsentativen Online-Umfrage des SINUS-Instituts im Online-Access-Panel der horizoom AG. Für diese Befragung wurden im Zeitraum 20. bis 26.05.2026 insgesamt 1.047 Personen in einer repräsentativen Stichprobe befragt, quotiert nach Geschlecht, Alter und Bildungsabschluss. Die Stichprobe bildet die deutschsprachige Bevölkerung ab 18 bis 74 Jahren hinsichtlich der Quotenmerkmale ab.

Ăśber das SINUS-Institut

Die SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH mit Standorten in Heidelberg und Berlin ist seit fast 50 Jahren Spezialist für psychologische und sozialwissenschaftliche Forschung und Beratung. Das Institut entwickelt Strategien für private Unternehmen als auch öffentliche Institutionen, die den soziokulturellen Wandel als Erfolgsfaktor nutzen.

Ein zentrales Tool dafür sind die Sinus-Milieus ( https://www.sinus-institut.de/sinus-milieus ) - ein Gesellschafts- und Zielgruppenmodell, das Menschen nach ihren Lebenswelten in "Gruppen Gleichgesinnter" zusammenfasst. Die Sinus-Milieus zählen seit vielen Jahren zu den bekanntesten und einflussreichsten Segmentationsansätzen und sind mittlerweile für über 50 Länder verfügbar.

Künstliche Intelligenz beschäftigt das SINUS-Institut nicht nur als Forschungsthema. Vor kurzem präsentierte SINUS neue Angebote für KI-gestützte Zielgruppenanalysen ( https://www.sinus-institut.de/ki-loesungen ):

* Mit dem "SINUS Milieu-Navigator ( https://www.sinus-institut.de/ki-loesungen/milieu-navigator )" ist Zielgruppenwissen dialogbasiert auf Basis von gesicherter SINUS-Forschung erfahrbar. * Mit den "SINUS Milieu-Minds ( https://www.sinus-institut.de/ki-loesungen/milieu-minds )" sind Gespräche mit typischen Milieu-Personas möglich. In einem kostenlosen Web-Seminar wird das Tool am 29. Juli 2026, 11:00 – 12:00 Uhr ( https://events.teams.microsoft.com/event/7eb1dc46-9f07-4625-9b3d-e08005810ab0@df0ccd2f-3263-412c-a717-d61edd1bd6fc ) vorgestellt.

SINUS kooperiert eng mit den Schwesterunternehmen INTEGRAL Markt- und Meinungsforschung in Wien und OPINION Market Research & Consulting, NĂĽrnberg (INTEGRAL-SINUS-OPINION Gruppe).

Hintergrund: 50 Jahre Milieu-Forschung

Seit fast 50 Jahren begleitet das SINUS-Institut den gesellschaftlichen Wandel empirisch. Das im Rahmen dieser Forschung entwickelte Gesellschaftsmodell der Sinus-Milieus ( https://www.sinus-institut.de/sinus-milieus )zeigt, wie unterschiedlich soziale Gruppen auf wirtschaftliche, technologische und kulturelle Veränderungen reagieren. Um die möglichen Auswirkungen der sogenannten "KI-Revolution" besser einordnen zu können, lohnt ein Blick auf die wichtigsten Entwicklungslinien der vergangenen fünf Jahrzehnte.

1960er/1970er: Modernisierung und Pluralisierung

Die zunehmende Individualisierung löste die enge Verbindung zwischen sozialer Lage und Lebensstil auf. Neue Milieus wie das Alternative Milieu oder die hedonistische Jugendkultur standen für neue Wertkonflikte zwischen Haben, Sein und Genießen.

1980er/frĂĽhe 1990er: Zwei deutsche Gesellschaften

Selbstbestimmung und Wahlfreiheit wurden in Westdeutschland zum Mainstream, während ökologische und postmaterialistische Werte in der gesellschaftlichen Mitte ankamen. Da die DDR-Bürger in einem System mit anderen gesellschaftlichen Normen gelebt haben, war für Ost-Deutschland zunächst ein eigenes Milieumodell erforderlich. Nach der Wiedervereinigung führte der tiefgreifende Transformationsprozess in den Neuen Bundesländern zu einer allmählichen Angleichung der Milieus in Ost und West.

2000–2010: Pragmatismus und neue Wertesynthesen

Mit dem ersten gesamtdeutschen Milieumodell (2001) rückten soziale Ungleichheit, Globalisierung und Digitalisierung in den Mittelpunkt. Ideologien verloren an Bedeutung, Pragmatismus gewann an Gewicht. Traditionelle Werte wie Sicherheit, Leistung und Familie wurden mit Selbstverwirklichung und Flexibilität neu kombiniert.

2010–2020: Beschleunigter Wertewandel

Demografischer Wandel, soziale Polarisierung und Digitalisierung verstärkten gesellschaftliche Spannungen. Gleichzeitig wuchs das Bedürfnis nach Sicherheit, Nachhaltigkeit und Orientierung. Die gesellschaftliche Mitte differenzierte sich zunehmend in einen nostalgisch-harmonieorientierten und einen adaptiv-pragmatischen Teil.

Seit den 2020er-Jahren: Resilienz versus Backlash

Klimawandel, Pandemie, Populismus, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern die Gesellschaft gleichzeitig. Die Konfliktlinie verläuft zunehmend zwischen modernisierungsoffenen und modernisierungsskeptischen Milieus – quer durch die gesellschaftliche Mitte. Besonders sichtbar wird dies bei Themen wie Nachhaltigkeit, Demokratie und technologischer Transformation.

Ausblick – KI prägt die gesellschaftliche Zukunft

Wie tiefgreifend Künstliche Intelligenz die Gesellschaft verändern wird, wird sich in den kommenden Jahren entscheiden. Bereits heute zeigen die Sinus-Milieus deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung, Akzeptanz und Nutzung von KI – ein Hinweis darauf, dass auch diese Transformation gesellschaftlich höchst unterschiedlich verarbeitet werden wird.

Kontakt fĂĽr RĂĽckfragen

SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH Tim Gensheimer Telefon: +49 (0)6221 – 80 89 – 60 Mail: presse@sinus-institut.de

(Ende)

Aussender: SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH Ansprechpartner: Tim Gensheimer Tel.: +49 6221 8089-60 E-Mail: presse@sinus-institut.de Website: www.sinus-institut.de

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