Herz, Stress

Herz und Stress: Entzündungsmarker GlycA erhöht das Ereignisrisiko um 43 Prozent

Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 11:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Studien verknüpfen psychische Belastung und Entzündungswerte mit Herzrisiken; Fachleute empfehlen psychologische Screenings in der Kardiologie.

Weltherztag: Wie Stress und Entzündungen das Herz-Kreislauf-Risiko prägen
Ein abstraktes, künstlerisches Modell eines menschlichen Herzens in weichem, schattigem Licht vor dunklem Hintergrund. Illustration mit AI erstellt.

Anlässlich des Weltherztags rücken weltweite Beiträge die enge Verbindung zwischen psychischem Stress, entzündlichen Prozessen und der langfristigen Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems in den Fokus.

Die World Heart Federation (WHF) begleitet den Aktionstag mit ihrer Kampagne „No pierdas ni un latido" – zu Deutsch etwa „Verpasse keinen Herzschlag". Der Anlass verdeutlicht, wie stark psychische Belastung mittlerweile als eigenständiger kardiovaskulärer Risikofaktor gilt.

Globale Dimension der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit

Laut Weltgesundheitsorganisation starben 2022 weltweit 19,8 Millionen Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, das entspricht rund 32 Prozent aller Todesfälle. Etwa 85 Prozent davon gehen auf Herzinfarkt und Schlaganfall zurück. Diese Größenordnung bildet den Hintergrund, vor dem Fachgesellschaften zunehmend die psychische Komponente kardiovaskulärer Erkrankungen betonen.

ESC-Konsensdokument: Angst und Stress als messbare Risikofaktoren

Die European Society of Cardiology (ESC) veröffentlichte 2025 ein Konsensdokument im European Heart Journal, das die Prävalenz von Angststörungen bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen laut ESC-Metaanalysen mit 28,9 bis 32,9 Prozent angibt. Chronischer Stress trat in einer systematischen Review mit fünf Studien und 533 Teilnehmern bei 58 Prozent der Betroffenen auf.

Das Dokument empfiehlt ein systematisches Screening auf Depression, Angst, posttraumatische Belastungsstörung, chronischen Stress und Einsamkeit sowie den Einsatz multidisziplinärer Teams mit Psychologen, Psychoedukation, Psychotherapie und kardiale Rehabilitation.

Das PCIN-Modell: Sechs biologische Pfade zwischen Gehirn und Herz

Forschende des West China Hospital und des West China Second University Hospital der Sichuan-Universität Chengdu entwickelten das Modell „Psycho-Cardiovascular Interaction Network" (PCIN), veröffentlicht in Precision Clinical Medicine. Es beschreibt die wechselseitige Kommunikation zwischen Gehirn und Herz über sechs Mechanismen: ein Ungleichgewicht der HPA-Achse, Störungen des autonomen Nervensystems, chronische Entzündungen, Blutplättchenaktivierung, ungesundes Verhalten sowie Schlaf- und Rhythmusstörungen.

Auf molekularer Ebene identifizieren die Forschenden fünf Signalwege: BDNF/TrkB und p75NTR, PROK/PKR1 sowie PKR2, die MAPK-Kaskade (ERK, JNK, p38), das Serotonin-System über den 5-HT2A-Rezeptor und das NLRP3-Inflammasom.

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Dem Modell zufolge gehen erhöhte Cortisol-, IL-6- und TNF-?-Werte mit einem gesteigerten Risiko für Myokardinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz und kardiovaskuläre Mortalität einher.

Als therapeutische Ansätze nennen die Autoren kognitive Verhaltenstherapie, achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, SSRI, 5-HT2A-Antagonisten, NLRP3-Inhibitoren, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden, sowie TrkB-Agonisten wie 7,8-Dihydroxyflavon.

AAV-vermittelte BDNF-Gentherapie und Exosomen-Ansätze gelten weiterhin als experimentell. Die Forschenden fordern, psychologische Screenings fest in die kardiologische Versorgung zu integrieren.

UK-Biobank-Studie: Entzündungswerte als Frühwarnsignal

Eine der größten Studien ihrer Art, durchgeführt vom MRC Laboratory of Medical Sciences und Imperial College London unter Leitung von Prof. Declan O'Regan, wertete Daten von rund 480.000 Erwachsenen aus der UK Biobank aus.

Teilnehmer in den oberen 20 Prozent des Entzündungsmarkers GlycA hatten ein um 43 Prozent höheres Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall gegenüber den unteren 20 Prozent – auch ohne vorbestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung.

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Bildgebende Verfahren zeigten bei erhöhten Entzündungswerten verdickte Herzwände, verkleinerte Herzkammern und eine beeinträchtigte diastolische Füllung, Vorboten einer Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion.

Die Studie verweist darauf, dass chronischer Stress, Armut und psychische Belastung Entzündungsprozesse über die HPA-Achse und die Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin antreiben. Finanziert wurde die Arbeit vom Medical Research Council, der British Heart Foundation und dem NIHR Imperial Biomedical Research Centre.

Erholung nach akutem Stress als Risikoindikator

Eine NIH-finanzierte Studie aus dem Jahr 2025 fand, dass Menschen mit schlechter Erholung nach akutem mentalem Stress über einen Zeitraum von sechs Jahren ein bis zu doppeltes Risiko für Herzinfarkt, schwere Herzinsuffizienz oder Tod aufwiesen.

Eine Studie des NHLBI aus dem Jahr 2024 verweist als möglichen Mechanismus auf eine niedrige Herzratenvariabilität infolge eines Ungleichgewichts zwischen Sympathikus und Parasympathikus; auch das sogenannte Broken-Heart-Syndrom durch einen akuten Stresshormon-Anstieg ist dokumentiert.

Der Harvard-Kardiologe Dr. Deepak Bhatt bezeichnete die Datenlage zu Alltagsstress und langfristiger Herzerkrankung dagegen als unklar. Seiner Einschätzung nach wirkt Stress vor allem indirekt über Gewohnheiten wie Schlaf, Ernährung, Rauchen und Bewegung.

Die WHO klassifiziert Burnout als Syndrom, das durch chronischen Arbeitsstress entsteht. Untersuchungen der University of Michigan, veröffentlicht in Frontiers in Psychology, zeigten, dass ein Aufenthalt von 20 bis 30 Minuten in natürlicher Umgebung den Cortisolspiegel am stärksten senkt.

Stressbelastung in Deutschland

Nach einer aktuellen repräsentativen Studie des Robert Koch-Instituts weist fast ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland eine erhöhte Stressbelastung auf, besonders betroffen sind Frauen und junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren. Als Re

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