Herzdiagnose, Patienten

Herzdiagnose: 70% der Patienten haben offene Arterien trotz Schmerzen

27.05.2026 - 06:12:17 | boerse-global.de

Die ESC-Leitlinien 2024 fokussieren auf Funktionsstörungen kleiner GefĂ€ĂŸe. Die WARRIOR-Studie zeigt Grenzen intensiver Medikation auf.

Herzdiagnose: 70% der Patienten haben offene Arterien trotz Schmerzen - Bild: ĂŒber boerse-global.de
Herzdiagnose: 70% der Patienten haben offene Arterien trotz Schmerzen - Bild: ĂŒber boerse-global.de

Lange Zeit galt der verengte HerzkranzgefĂ€ĂŸ als HauptverdĂ€chtiger bei Brustschmerz. Doch die RealitĂ€t sieht anders aus: Bei bis zu 70 Prozent der Patienten, die sich einer Herzkatheteruntersuchung unterziehen, finden die Ärzte keine relevanten Verengungen. Besonders betroffen sind Frauen – rund 50 bis 70 Prozent von ihnen haben trotz Beschwerden offene Arterien.

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Die EuropĂ€ische Gesellschaft fĂŒr Kardiologie (ESC) hat deshalb 2024 neue Leitlinien veröffentlicht, die einen Paradigmenwechsel einleiten. Statt nur auf verstopfte GefĂ€ĂŸe zu schauen, rĂŒcken nun die Funktionsstörungen der kleinen HerzkranzgefĂ€ĂŸe und GefĂ€ĂŸkrĂ€mpfe in den Fokus. Eine Entwicklung, die Millionen Patienten weltweit betrifft – SchĂ€tzungen zufolge rund 112 Millionen Menschen.

Funktionstests werden Standard

Die ESC-Leitlinien von 2024 empfehlen erstmals mit der höchsten Evidenzklasse (I), wĂ€hrend der initialen Herzkatheteruntersuchung auch invasive Funktionstests durchzufĂŒhren – immer dann, wenn die Ursache der Brustschmerzen nach nicht-invasiven Tests unklar bleibt.

Der neue diagnostische Prozess folgt einem klaren Vier-Stufen-Plan: Nach der allgemeinen klinischen Bewertung und einer Ruhe-Echokardiographie schĂ€tzen Ärzte die Wahrscheinlichkeit einer obstruktiven Erkrankung ein. Bleiben die Beschwerden bestehen, ohne dass sich Verengungen finden, geht es um die Identifizierung des spezifischen Endotyps – entweder eine koronare mikrovaskulĂ€re Dysfunktion (CMD) oder ein epikardialer Koronarspasmus.

WARRIOR-Studie: EnttÀuschende Ergebnisse mit wichtigen Lehren

Im FrĂŒhjahr 2025 sorgte die WARRIOR-Studie fĂŒr Aufsehen. Die Untersuchung an 2.476 Frauen mit nicht-obstruktiver koronarer Herzkrankheit verglich eine intensive medikamentöse Therapie – bestehend aus hochdosierten Statinen, ACE-Hemmern oder ARBs sowie niedrig dosiertem Aspirin – mit der ĂŒblichen Behandlung.

Das Ergebnis war ernĂŒchternd: Nach fĂŒnf Jahren lag die Rate schwerwiegender kardiovaskulĂ€rer Ereignisse in beiden Gruppen bei etwa 16 Prozent. In der intensiv behandelten Gruppe waren es 17,84 Prozent, in der Kontrollgruppe 16,17 Prozent – kein statistisch signifikanter Unterschied.

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Doch die Forscher warnen vor voreiligen SchlĂŒssen. Die Studie war aufgrund von Rekrutierungsschwierigkeiten wĂ€hrend der Pandemie unterdimensioniert – ursprĂŒnglich waren mehr als 4.400 Teilnehmerinnen geplant. Zudem erhielten viele Patientinnen in der Kontrollgruppe Ă€hnliche Medikamente wie die intensiv behandelte Gruppe. Die Studienleiter betonen: Die Ergebnisse sind kein Grund, Statine oder ACE-Hemmer bei Risikopatienten abzusetzen.

Neue Konsenspapiere: Klare Diagnosekriterien

Anfang 2026 legte die EuropĂ€ische Vereinigung fĂŒr perkutane kardiovaskulĂ€re Interventionen (EAPCI) nach. Ihr Expertenkonsens definiert erstmals standardisierte Messkriterien fĂŒr die Diagnose der mikrovaskulĂ€ren Dysfunktion:

  • Koronare Flussreserve (CFR) unter 2,0
  • Index des mikrovaskulĂ€ren Widerstands (IMR) von 25 oder höher

Diese mechanismusbasierte Klassifikation ist entscheidend fĂŒr die richtige Behandlung. WĂ€hrend Kalziumkanalblocker die erste Wahl bei vasospastischer Angina sind, können lang wirkende Nitrate bei mikrovaskulĂ€rer Angina wirkungslos oder sogar kontraproduktiv sein. Zunehmend empfohlen wird Nicorandil, ein Kaliumkanalaktivator, der sowohl bei CMD als auch bei Koronarspasmen wirkt.

Wirtschaftliche Dimension und Ausblick

Der Wandel hin zur aktiven INOCA-Diagnostik hat auch wirtschaftliche GrĂŒnde. Patienten mit nicht-obstruktiven Erkrankungen erlebten bisher eine regelrechte „Diagnose-Odyssee" mit wiederholten Krankenhausaufenthalten, unnötigen erneuten Herzkatheteruntersuchungen und stark eingeschrĂ€nkter LebensqualitĂ€t.

FĂŒr die Industrie eröffnet sich ein wachsender Markt fĂŒr physiologische Messinstrumente und spezielle FĂŒhrungsdrĂ€hte. Hersteller arbeiten daran, die Messverfahren zu beschleunigen und in den Routinebetrieb zu integrieren. Auch bildgebende Verfahren wie Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und Herz-MRT gewinnen fĂŒr die nicht-invasive Funktionsdiagnostik an Bedeutung.

Die Kardiologie steht vor der Herausforderung, diese Leitlinien in die Praxis umzusetzen. Die neutralen Ergebnisse der WARRIOR-Studie haben den Forschungsfokus auf prĂ€zise antianginöse Therapien gelenkt, die ĂŒber das reine Risikofaktor-Management hinausgehen. KĂŒnftige Studien werden sich auf Therapien konzentrieren, die gezielt das Endothel und den mikrovaskulĂ€ren Tonus beeinflussen. Mit den nun klaren diagnostischen Schwellenwerten des EAPCI-Konsenses ist der weg fĂŒr standardisierte Behandlungsprotokolle geebnet – ein entscheidender Schritt, um die globale Belastung durch diese lange unterschĂ€tzte Erkrankung zu reduzieren.

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