HörgerÀte, Kognition

HörgerÀte und Kognition: 15,34 Prozent erreichten normale Werte

Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 05:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Forschung beschreibt einen IGF-1-Mechanismus im Innenohr; klinische Daten und neue Implantate ergĂ€nzen den Überblick zur Hörversorgung.

Altersschwerhörigkeit: Studie erklÀrt Ursachen und neue Implantatfortschritte
Mikroskopische Aufnahme der feinen Strukturen und BlutgefĂ€ĂŸe im Innenohr bei natĂŒrlichem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben einen bislang unbekannten Mechanismus entschlĂŒsselt, der fĂŒr den degenerativen Hörverlust im Alter verantwortlich ist.

Eine im Jahr 2026 in der Fachzeitschrift Aging Cell veröffentlichte Studie von Xu, R., Tang, J., Lin, H. und Kollegen identifizierte das Hormonsignal IGF-1/SLC25A33 als entscheidenden Faktor fĂŒr die IntegritĂ€t der sogenannten Blut-Labyrinth-Barriere. Diese Barriere schĂŒtzt das Innenohr vor schĂ€dlichen EinflĂŒssen und sichert die NĂ€hrstoffversorgung der Hörzellen.

Molekulare Ursachen der Altersschwerhörigkeit

Den Forschungsergebnissen zufolge fĂŒhrt ein Mangel an dem Hormon IGF-1 zu einer UnterdrĂŒckung des Proteins SLC25A33. Dieser Prozess löst eine Kette biologischer Reaktionen aus: Die mitochondriale Belastung durch reaktive Sauerstoffspezies (ROS) steigt an, was wiederum den TGF-?/Smad2-Signalweg aktiviert.

In der Folge kommt es zu einer Transformation von Perizyten – spezialisierten Zellen der GefĂ€ĂŸwĂ€nde –, die schließlich zum Zerfall der Blut-Labyrinth-Barriere fĂŒhrt.

In Versuchsreihen mit jungen und gealterten C57BL/6J-MÀusen zeigte sich die Tragweite dieses Mechanismus. WÀhrend junge Tiere uneingeschrÀnkt hörten, reagierten 85 Prozent der gealterten Tiere nicht auf Töne unterhalb von 70 Dezibel. Insbesondere in den Frequenzbereichen zwischen 4 und 32 Kilohertz waren die Schwellenwerte deutlich erhöht.

Die Forscher stellten fest, dass in der Stria vascularis der gealterten Tiere sowohl Igf1 als auch Slc25a33 herunterreguliert waren, wÀhrend der entsprechende Rezeptor unverÀndert blieb. Eine Supplementierung mit IGF-1 konnte die Hörschwellen bei den Tieren senken, wobei insbesondere bei 12 Kilohertz Verbesserungen erzielt wurden.

Zusammenhang zwischen Gehör und kognitiver Gesundheit

Parallel zur Grundlagenforschung untersuchen klinische Studien die Auswirkungen von Hörverlust auf die kognitive LeistungsfÀhigkeit. Die CHOICE-Studie der Shanghai Jiao Tong University School of Medicine unter der Leitung von Hao Wu begleitete zwischen 2021 und 2026 insgesamt 703 Teilnehmer mit einem mittleren Alter von 74,5 Jahren.

Innerhalb von 24 Monaten entwickelten 3,09 Prozent der mit HörgerÀten versorgten Gruppe eine Demenz, verglichen mit 4,74 Prozent in der Kontrollgruppe. Obwohl dieser Unterschied statistisch nicht signifikant war, erreichten 15,34 Prozent der HörgerÀtetrÀger normale kognitive Werte, wÀhrend dies in der Kontrollgruppe nur bei 2,36 Prozent der Fall war.

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Die Bedeutung prĂ€ventiver Maßnahmen wird durch Prognosen untermauert, wonach die Zahl der DemenzfĂ€lle bis zum Jahr 2046 auf ĂŒber 124 Millionen weltweit ansteigen könnte – ein Zuwachs von fast 120 Prozent gegenĂŒber 2021. SchĂ€tzungen zufolge macht unversorgter Hörverlust in HocheinkommenslĂ€ndern rund 5,1 Prozent und in LĂ€ndern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen etwa 7,4 Prozent des gesamten Demenzrisikos aus.

Technologische Innovationen bei Implantaten

Im Bereich der operativen Versorgung wurden im Herbst 2026 bedeutende Fortschritte erzielt. Ende September wurde an der HNO-Klinik des UniversitĂ€tsklinikums WĂŒrzburg (UKW) erstmals eine Patientin beidseitig mit einem vollstĂ€ndig implantierbaren Cochlea-Implantat versorgt.

Bei diesem System, das nun ĂŒber eine CE-Zulassung verfĂŒgt, liegen alle Komponenten einschließlich des Mikrofons unter der Haut. Prof. Dr. Kristen Rak und PD Dr. Anja Kurz betonten, dass die Technologie nun ĂŒber klinische Studien hinaus allen geeigneten Patienten zur VerfĂŒgung stehe.

Zeitgleich meldete der Hersteller MED-EL erste erfolgreiche Implantationen des Systems „TICI UNICO“ außerhalb von Studien in Wien und St. Pölten. Diese Technologie ermöglicht es Betroffenen mit schwerer Innenohrschwerhörigkeit, das System ohne externe Komponenten auch beim Sport oder Schlafen zu nutzen.

ErgĂ€nzend dazu treibt das Institut fĂŒr Auditorische Neurowissenschaften in Göttingen unter Prof. Tobias Moser die Entwicklung optogenetischer Cochlea-Implantate voran, die das Hören mittels Lichtreizen ermöglichen sollen.

Das Projekt wird mit Bundesmitteln in Höhe von 38,3 Millionen Euro unterstĂŒtzt, wie Bundesfinanzminister Lars Klingbeil bei einem Besuch der Einrichtung im Oktober 2026 erlĂ€uterte.

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Ökonomische Folgen und ungenutzte Potenziale

Trotz des medizinischen Fortschritts bleibt die VersorgungslĂŒcke in Deutschland groß. Laut der EuroTrak-Studie 2025 nehmen etwa 9,11 Millionen Menschen eine HöreinschrĂ€nkung wahr, doch weniger als die HĂ€lfte nutzt ein HörgerĂ€t. Ein wesentliches Hemmnis stellt laut Branchenbeobachtern die Unkenntnis ĂŒber die KostenĂŒbernahme durch gesetzliche Krankenkassen dar.

Die Bundesinnung der Hörakustiker (biha) weist zudem auf die Sicherheitsrisiken am Arbeitsplatz hin. Laut Eberhard Schmidt, PrĂ€sident der biha, können ĂŒberhörte Warnsignale oder missverstandene Kommunikation in Branchen wie der Pflege, dem Bauwesen oder dem Rettungsdienst lebensgefĂ€hrliche Folgen haben.

Statistiken der DGUV bestÀtigen die Relevanz: LÀrmbedingte Schwerhörigkeit war im Jahr 2025 mit 9.819 anerkannten FÀllen die hÀufigste Berufskrankheit in Deutschland.

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