Hörtest per App: hearWHO erreicht bei 29 Patienten nur 34,5 Prozent Genauigkeit
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 15:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deMedizinische Fachleute und Technologieanbieter informieren verstĂ€rkt ĂŒber das Potenzial von Wearables zur ĂberprĂŒfung des Gehörs, weisen jedoch zeitgleich auf erhebliche Gesundheitsrisiken durch einen unsachgemĂ€Ăen Gebrauch von Kopfhörern hin. Moderne Verbraucher-Ohrhörer integrieren zunehmend audiologische Funktionen, ersetzen nach Ansicht von Experten jedoch keine vollstĂ€ndige klinische AbklĂ€rung.
Neue Funktionen fĂŒr Gehörtests und GehörunterstĂŒtzung
Hersteller erweitern mobile EndgerÀte kontinuierlich um gesundheitsbezogene Features. So berichtete das kasachische Gesundheitsministerium nach einer Einigung mit Apple und Samsung, dass die Apple Watch und die Samsung Galaxy Watch EKGs aufzeichnen sowie auf Herzrhythmusstörungen und Schlafapnoe hinweisen können.
Samsung-Uhren ermöglichen zudem eine Blutdruckmessung, die alle 28 Tage per Manschetten-Tonometer kalibriert werden muss. Im Bereich der Audiologie bieten AirPods Pro ĂŒber die App âGesundheitâ einen Hörtest sowie eine persönliche HörgerĂ€tefunktion fĂŒr Erwachsene mit einer leichten bis mittleren Hörminderung. Das Ministerium betonte, dass entsprechende Gadget-Werte eine fachĂ€rztliche Untersuchung nicht ersetzen.
Dr. Rachel Artsma von Hear.com erklĂ€rte in einem FachgesprĂ€ch, dass integrierte Hörtests in Modellen wie den Apple AirPods Pro 2 und 3, den Samsung Galaxy Buds3 und 4 Pro, den Nothing Ear (3) oder den CMF Buds 2 Plus zwar die Aufmerksamkeit fĂŒr Hörprobleme steigern können.
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Eine vollwertige Diagnostik stellen sie jedoch nicht dar. Zudem wird medizinisch empfohlen, HörgerÀte wÀhrend aller Wachstunden zu tragen, wÀhrend nur wenige Consumer-Earbuds eine Laufzeit von 12 Stunden ohne Nachladen bewÀltigen.
Grenzen digitaler Anwendungen und klinische Validierung
Die Ăbertragbarkeit digitaler Screening-Werkzeuge auf verschiedene Bevölkerungsgruppen bleibt eine Herausforderung. Eine in der Fachzeitschrift Frontiers in Audiology and Otology veröffentlichte Untersuchung am Huruma Hospital im tansanischen Distrikt Rombo (DOI 10.3389/fauot.2026.1896918) verglich die WHO-App hearWHO mit der Reintonaudiometrie bei 29 Patienten ab zwölf Jahren mit Swahili-Muttersprache, wobei der Test in sĂŒdafrikanischem Englisch durchgefĂŒhrt wurde.
Die Gesamtgenauigkeit lag bei lediglich 34,5 %, bei einer SensitivitÀt von 0,45, einer SpezifitÀt von 0,11, einem positiven Vorhersagewert von 0,53 und einem negativen Vorhersagewert von 0,08.
Ohrbezogen lag die SensitivitÀt der Untersuchung zufolge bei 1,00 je Ohr, wÀhrend die SpezifitÀt links 0,08 und rechts 0,05 erreichte; das Maà Cohen's kappa lag bei 0,08 links und 0,04 rechts.
Die SensitivitĂ€t betrug bei Probanden unter 40 Jahren 0,67, fiel bei Personen ab 60 Jahren jedoch auf 0,29. FrĂŒhere Validierungen in HocheinkommenslĂ€ndern hatten dagegen SensitivitĂ€tswerte zwischen 0,982 und 1,00 bei Erwachsenen ergeben.
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Weltweit sind ĂŒber 5 % der Bevölkerung von Hörverlust betroffen, wobei rund 80 % der Menschen mit schwerwiegendem Hörverlust in LĂ€ndern mit niedrigem und mittlerem Einkommen leben.
PrĂ€vention und Risiken durch unsachgemĂ€Ăen Kopfhörereinsatz
Neben Screening-Möglichkeiten stehen die Gefahren dauerhafter Beschallung im Fokus. Dr. Rachel Artsma wies darauf hin, dass sich geschĂ€digte Haarzellen im Innenohr nicht wieder erholen. Warnsignale fĂŒr eine ĂŒberlastung sind Tinnitus, gedĂ€mpftes Hören, Schwindel sowie ein Brummen.
Eine aktive GerĂ€uschunterdrĂŒckung (ANC) dĂ€mpfe UmgebungslĂ€rm nur um etwa 20 dB und erfasse vor allem tiefe Frequenzen im Flugzeug oder Zug; bei starkem LĂ€rm dringe der Schall dennoch durch. Schutz entstehe erst durch die Kombination aus GerĂ€uschunterdrĂŒckung, verringerter LautstĂ€rke und reduzierter Nutzungsdauer.
Artsma empfiehlt die 60/60-Regel mit maximal 60 % LautstĂ€rke fĂŒr höchstens 60 Minuten, gefolgt von einer Pause von nahezu einer Stunde. Das gelegentlich wahrgenommene DruckgefĂŒhl bei ANC sei meist nur ein subjektiver Eindruck ohne echten Druck.
Auch die Audiologin Valerie Pavlovich Ruff von der Cleveland Clinic verweist auf die 60-60-Regel mit einer Beschallung bei 60 % LautstĂ€rke fĂŒr rund eine Stunde, rĂ€t jedoch zu anschlieĂenden Pausen von 10 bis 15 Minuten. Sie hebt hervor, dass Unterbrechungen selbst bei geringer LautstĂ€rke erforderlich seien, da dauerhaft blockierte GehörgĂ€nge Feuchtigkeit stauen und Bakterien begĂŒnstigen, was das Infektionsrisiko erhöht. Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC kann Schall ab 85 dB â wie etwa Kopfhörer bei voller LautstĂ€rke â irreversiblen Hörverlust herbeifĂŒhren.
Richtwerte der Weltgesundheitsorganisation WHO definieren sicheres Hören bei einem Durchschnitt von 80 dB ĂŒber 40 Stunden pro Woche; bei 90 dB sinkt die unbedenkliche Zeit auf lediglich 4 Stunden wöchentlich.
Das NIDCD weist darauf hin, dass wiederholte oder lange Einwirkung empfindliche Strukturen im Innenohr schÀdigt, wobei ein Regler bei 50 % kein verlÀsslicher Indikator ist, da die Ausgangsleistung je nach GerÀt stark variiert. Bei anhaltendem Tinnitus, akuter Hörverschlechterung oder plötzlichem einseitigem Hörverlust wird zu einer raschen Àrztlichen Untersuchung geraten.
