MigrÀne, Wechseljahre

MigrÀne und Wechseljahre - das kann eine ungute Kombi sein

04.09.2025 - 04:00:39

Hormonschwankungen können Kopfschmerz-Attacken auslösen. Der Beginn der Wechseljahre kann daher fĂŒr MigrĂ€ne-Patientinnen besonders schwierig sein. Doch es gibt Hoffnung.

Starke Kopfschmerzen, Orientierungsverlust, Übelkeit und Erbrechen - Kristina F. wird seit 30 Jahren immer wieder von MigrĂ€neattacken geplagt. Vor zwei Jahren kamen die AnfĂ€lle plötzlich sehr viel hĂ€ufiger. «An mehreren Tagen im Monat war es so schlimm, dass eigentlich gar nichts mehr ging», sagt die 51-JĂ€hrige. Dass dies mit den Wechseljahren zusammenhing, darauf habe sie mit viel Recherche selbst kommen mĂŒssen. «Das hat mir kein Arzt erklĂ€rt», sagt sie.

MigrĂ€ne ist eine der hĂ€ufigsten neurologischen Erkrankungen. Etwa 20 Prozent der Frauen seien betroffen, erklĂ€rt Christian Maihöfner, Chefarzt der Neurologischen Klinik am Klinikum FĂŒrth und Experte der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Neurologie, zum Deutschen Kopfschmerztag am 5. September. 

FĂŒr etwa jede Zweite von ihnen bedeute die Zeit vor der letzten Regelblutung, die sogenannte Perimenopause, dass ihre Krankheit schlimmer wird. Bei rund 40 Prozent bessere sich die MigrĂ€ne wĂ€hrend der Wechseljahre, bei rund 10 Prozent gebe es keine Änderungen. 

Wenn der Östrogen-Spiegel sinkt

Die Ursachen seien noch nicht abschließend erforscht. Als gesichert gilt, dass hormonelle Faktoren bei MigrĂ€ne eine Rolle spielen. Frauen sind etwa doppelt so hĂ€ufig betroffen wie MĂ€nner. Besonders die Östrogene sind von Bedeutung – und ihr Spiegel sinkt in der Perimenopause. 

Eine verbreitete ErklĂ€rung lautet dem Professor zufolge, dass dies einen verminderten Serotoninspiegel nach sich zieht und damit eines zentralen Neurotransmitters in der körpereigenen Schmerzhemmung. Auch die Bildung des Botenstoffs Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), der bei MigrĂ€ne eine SchlĂŒsselrolle spielt, scheine durch hormonelle EinflĂŒsse gesteuert zu werden.

Was kann man Betroffenen raten? «Eine Hormonersatztherapie zur Anhebung des Östrogenspiegels kann die MigrĂ€ne zwar lindern, muss jedoch sorgfĂ€ltig abgewogen werden, da sie auch Risiken birgt, etwa ein erhöhtes Brustkrebsrisiko», sagt Maihöfner. Er verweist auf zahlreiche andere BehandlungsansĂ€tze. 

Entspannungsverfahren und Ausdauersport

Dazu zĂ€hlen Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Autogenes Training oder achtsamkeitsbasierte Programme wie MBSR. «Auch regelmĂ€ĂŸiger Ausdauersport – beispielsweise dreimal wöchentlich Joggen – wirkt nachweislich gĂŒnstig», sagt der Experte.

Da sich in dem Alter bei Frauen oft Belastungen hÀuften, sei Stressmanagement wichtig. «Viele meiner Patientinnen sind erfolgreiche und sehr belastbare Frauen. Aber jeder Mensch hat nur begrenzte Ressourcen», sagt Maihöfner. 

HĂ€ufige MigrĂ€neanfĂ€lle wirkten sich auf das soziale Leben und den Arbeitsplatz aus. Nur Schmerztabletten zu nutzen, reiche nicht aus. «Das autonome Nervensystem ist aus dem Gleichgewicht geraten – durch Methoden wie Meditation oder gezielte Entspannungsverfahren lĂ€sst es sich wieder beruhigen und stabilisieren.» MigrĂ€ne sei nicht vollstĂ€ndig heilbar, doch in den meisten FĂ€llen könne sie mit der richtigen Behandlung spĂŒrbar gebessert werden. 

Körper passt sich an HormonÀnderung an

Es muss auch nicht bei der Verschlimmerung der SchmerzanfĂ€lle bleiben: «Der Körper passt sich mit der Zeit an niedrigere Östrogenspiegel an – nicht selten bessern sich die MigrĂ€neattacken dadurch wieder, auch wenn hierzu bislang keine belastbaren Zahlen vorliegen.»

Gudrun Goßrau, Leiterin der Kopfschmerzambulanz am UniversitĂ€tsklinikum Dresden, bestĂ€tigt das. Bei etwa 20 bis 30 Prozent der Patientinnen bleibe die MigrĂ€ne jedoch bis ins hohe Alter erhalten, sagt die GeneralsekretĂ€rin der Deutschen MigrĂ€ne- und Kopfschmerzgesellschaft. 

Bei der Therapie mĂŒsse die Situation jeder Patientin betrachtet werden, auch etwaige Begleiterkrankungen. «Man muss fragen, ob regelmĂ€ĂŸig Pausen eingebaut werden, eine Entspannungstechnik helfen könnte und ausreichend Sport gemacht wird.» MigrĂ€ne-Patientinnen brauchten StabilitĂ€t, auch in ihrem Alltagsablauf, sagt die Professorin. 

Erster Anlaufpunkt Hausarzt

MigrĂ€ne sei auch mit Medikamenten behandelbar, so Goßrau. «Es gibt neue und spezifische Therapien, die sehr gut helfen. Sowohl bei der Prophylaxe als auch im akuten Fall. Hier kann und sollte man sich Hilfe holen, erster Anlaufpunkt ist dabei der Hausarzt.» 

MigrĂ€ne-Patientin Kristina F. aus Frankfurt am Main probiert gerade Magnesium als Prophylaxe aus und testet, ob die Vermeidung einzelner Nahrungsmittel hilft. Viel Wasser trinken, Bewegung, regelmĂ€ĂŸiger Schlaf seien wichtig, ist ihre Erfahrung. «Auch wenn das im Alltag nicht immer alles funktioniert.»

«MigrĂ€ne und Wechseljahre, da hatte ich das GefĂŒhl, bei diesen Themen stehe ich alleine da», sagt sie. «Es braucht einfach mehr Ă€rztliche Fachkenntnis, besonders beim Thema Wechseljahre.»

@ dpa.de