Jungen sind erst nach Schulstart besser in Mathe als MĂ€dchen
12.06.2025 - 04:00:59Jungen und MĂ€dchen sind zum Schulstart in Mathe einer Studie zufolge Ă€hnlich gut - doch schon bald danach unterscheiden sich ihre Leistungen. Bereits nach vier Monaten schneiden Jungen demnach in Mathe deutlich besser ab als MĂ€dchen. Ein Jahr nach dem Schulstart hat sich dieser Unterschied sogar vervierfacht, wie ein Team um Pauline Martinot von der UniversitĂ© Paris CitĂ© ermittelt hat. Bereits frĂŒhere Studien hĂ€tten ergeben, dass SĂ€uglinge keine und Kleinkinder nahezu keine geschlechterspezifischen Unterschiede im Zahlensinn und bei mathematischen Aufgaben haben, berichtet es im Journal «Nature».Â
Im Gegensatz dazu waren bei der Sprachentwicklung von Schulbeginn an die MĂ€dchen besser - und blieben es auch. Der geschlechtsspezifische Unterschied schrumpfte nach vier Monaten zwar etwas, stieg dann aber wieder an. Insgesamt war nach dem ersten Schuljahr der Leistungsunterschied zwischen Jungen und MĂ€dchen in der Sprachentwicklung jedoch kleiner als der in Mathe.
Das Team analysierte Daten von rund 2,7 Millionen Kindern in Frankreich, die von 2018 bis 2021 mit der Schule starteten. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Matheleistung waren tendenziell in Schulen und Familien mit höherem sozioökonomischen Status besonders groĂ. Sie nahmen eher mit der LĂ€nge der Schulbildung zu als mit dem Alter.Â
Bedeutende und neue Erkenntnisse
Die Ergebnisse seien «sehr interessant und wichtig», darunter besonders das Aufzeigen eines Zeitpunkts, an dem Geschlechtsunterschiede entstehen, sagte Lena Keller vom Institut fĂŒr PĂ€dagogisch-Psychologische Lehr- und Lernforschung der UniversitĂ€t Kiel. Dies sei neu und «stellt einen wichtigen Beitrag zur Forschung zur Entwicklung von Geschlechtsunterschieden dar».Â
«Ein möglicher ErklĂ€rungsansatz ist, dass MĂ€dchen und Jungen in der Schule nicht nur Mathematik lernen, sondern auch mit gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern konfrontiert werden», sagte Keller. «Mathematik wird nach wie vor eher mit Jungen assoziiert.»Â
LehrkrĂ€fte könnten Keller zufolge zur Verfestigung solcher geschlechtsspezifischen Muster beitragen. Eine aktuelle Studie aus Deutschland zeige, dass LehrkrĂ€fte in der 1. und 2. Klasse höhere Erwartungen an Jungen als an MĂ€dchen in Mathematik stellten. Zudem zeigte sich: «Je stĂ€rker LehrkrĂ€fte traditionelle Geschlechterstereotype vertraten, desto stĂ€rker unterschĂ€tzen sie die Mathematikleistungen von MĂ€dchen.»Â
Es ist laut Keller plausibel, dass es eine Ă€hnliche Entwicklung der Geschlechterunterschiede in der Mathematikleistung wie in Frankreich auch in Deutschland gibt. Die internationale Schulleistungsstudie TIMSS 2023 zeige in der vierten Klasse in Deutschland einen kleinen Mathe-Leistungsvorsprung der Jungen. Ăhnliches habe auch die Pisa-Studie 2022 fĂŒr 15-JĂ€hrige in Deutschland ergeben.
«Ob sich die konkreten Ergebnisse ĂŒbertragen lassen, muss allerdings mit wissenschaftlichen Studien empirisch geprĂŒft werden», sagte Keller. In der TIMSS-Studie sei der Leistungsunterschied zwischen MĂ€dchen und Jungen in Frankreich wesentlich gröĂer gewesen als in Deutschland, in der Pisa-Studie Ă€hnlich klein.
Nach Annahmen des Studienteams könnten Grundschul-LehrkrĂ€fte zu den Unterschieden in der Matheleistung fĂŒhren, etwa, wenn sie mit Jungen und MĂ€dchen unterschiedlich interagieren oder den mathematischen Erfolg von Jungen eher ihrer höheren Intelligenz und jenen von MĂ€dchen eher ihrem gröĂeren FleiĂ zuschreiben.
FrĂŒhes Eingreifen nötig - bevor MĂ€dchen Vertrauen verlieren
Nach Ergebnissen frĂŒherer Studien unterschĂ€tzen LehrkrĂ€fte dem Team zufolge hĂ€ufig die mathematischen FĂ€higkeiten von MĂ€dchen und gehen davon aus, dass Jungen ĂŒber angeborene Talente verfĂŒgen, wĂ€hrend MĂ€dchen nur durch FleiĂ und Anstrengung Fortschritte machen. «Diese Annahmen können das Vertrauen der MĂ€dchen in ihre FĂ€higkeit, Mathematik zu lernen, untergraben.»
Interventionen sollten den Forschenden zufolge frĂŒh im Lehrplan ansetzen. Damit könnten MĂ€dchen möglicherweise erreicht werden, bevor sie das Vertrauen in ihre mathematischen FĂ€higkeiten verlieren.Â
Eltern beginnen nach Annahmen des Forschungsteams mit dem Schuleintritt möglicherweise, mehr Zeit in die formale Bildung ihrer Kinder zu investieren und ĂŒbertragen dabei auch Geschlechternormen.Â
«Die vorliegenden Ergebnisse sollten das gesellschaftliche Bewusstsein dafĂŒr schĂ€rfen, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in den mathematischen FĂ€higkeiten vor der Einschulung fehlen und ihr schnelles Auftreten mit dem Start des formalen Mathematikunterrichts beginnt», schreibt das Team. Dies sei Voraussetzung fĂŒr die BemĂŒhungen von Eltern und Lehrern, alle Kinder gleichermaĂen zu ermutigen, ihre FĂ€higkeiten in der Schulmathematik auszubauen.













