Rauchen, Zigaretten

WHO: Deutschland bei Tabakkontrolle unter Schlusslichtern

31.07.2023 - 12:52:01 | dpa.de

Immer mehr LÀnder gehen gegen den Tabakkonsum vor, stellt die Weltgesundheitsorganisation fest. Deutschland sieht sie aber als Sorgenkind. Was fehlt, erlÀutert ein WHO-Spezialist.

Zigarettenkippen in einem Aschenbecher: Es gibt Fortschritte im Kampf gegen Tabakkonsum. - Foto: Sven Hoppe/dpa

Deutschland ist im Kampf gegen den Tabakkonsum eines der Sorgenkinder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und eines der Schlusslichter in Europa. «Wir können nicht wirklich nachvollziehen, warum die Politik in Deutschland so lax in der Umsetzung von Maßnahmen in der Tabakkontrolle ist», sagte RĂŒdiger Krech, WHO-Direktor fĂŒr Gesundheitsförderung, der Deutschen Presse-Agentur.

Weltweit berichtet die WHO am Montag dagegen von Fortschritten. Immer mehr LĂ€nder gingen gegen das Rauchen vor. Inzwischen lebten 5,6 Milliarden Menschen in LĂ€ndern, die wenigstens eine der von der WHO empfohlenen Maßnahmen zum Schutz von Nichtrauchern umgesetzt hĂ€tten, heißt es im neuen Bericht ĂŒber die Tabak-Epidemie. Dazu gehören: drastische Warnungen vor dem Rauchen auf Zigarettenpackungen, Werbeverbote, Rauchverbote in öffentlichen RĂ€umen und eine hohe Besteuerung von Tabakprodukten. Die weltweit verbreitetste Antitabakmaßnahme seien Ekelbilder auf Packungen: dafĂŒr gebe es Vorschriften in inzwischen 103 LĂ€ndern mit 4,5 Milliarden Einwohnern.

In Deutschland fehlen nach Meinung der WHO mehrere Elemente: «Die letzten Preiserhöhungen fĂŒr Zigaretten liegen unterhalb der Inflationsrate und machen Rauchen im Endeffekt billiger, nicht teurer», betonte Krech, der aus Hamm in Nordrhein-Westfalen stammt. Das Rauchverbot in GaststĂ€tten sei ein Flickenteppich, das Werbeverbot werde nur mangelhaft umgesetzt.

Es gibt weiterhin Raucherzimmer

«Weder bundesweit noch in einem der 16 BundeslÀnder ist das Rauchen in allen acht Einrichtungen, die wir betrachten, gesetzlich vollstÀndig verboten», sagte Krech. Das sind: Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, UniversitÀten, öffentliche GebÀude, ArbeitsplÀtze, Restaurants, Kneipen und der öffentliche Verkehr.

Leider erlaubten die Verordnung ĂŒber ArbeitsstĂ€tten von 2004 und das Gesetz zum Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens von 2007 weiterhin Raucherzimmer in einigen Einrichtungen. Nur 4 der 16 BundeslĂ€nder hĂ€tten das Rauchen in Gesundheitseinrichtungen gesetzlich vollstĂ€ndig verboten. Auch im öffentlichen Verkehr sei kein komplettes Rauchverbot gesetzlich erlassen worden.

Drogenbeauftragter: GrĂ¶ĂŸtes vermeidbares Gesundheitsrisiko

Der Bundesdrogenbeauftragte Burkhard Blienert kĂŒndigte ein verstĂ€rktes Eintreten gegen den Tabakkonsum an. «Wir mĂŒssen mehr machen, um Menschen davon abzuhalten, mit dem Rauchen ĂŒberhaupt zu beginnen», sagte Blienert laut einer Mitteilung seines Hauses. Mit mehr als 127.000 tabakbedingten TodesfĂ€llen pro Jahr allein in Deutschland ist der Tabakkonsum demnach nach wie vor das grĂ¶ĂŸte vermeidbare Gesundheitsrisiko ĂŒberhaupt. Etwa 90 Prozent aller LungenkrebsfĂ€lle gingen auf das Rauchen zurĂŒck. Seit der Corona-Pandemie wĂŒrden wieder mehr Leute zu Zigaretten und zu E-Zigaretten greifen. Blienert sprach sich fĂŒr bestimmte Verbote unter anderem bei der Werbung direkt am Verkaufsort und beim Sponsoring von Festivals durch die Nikotinwirtschaft aus.

Weltweit geht der Anteil der Raucher nach WHO-Angaben zurĂŒck. Ohne Schutzmaßnahmen gĂ€be es nach ihrer SchĂ€tzung 300 Millionen Raucher mehr. 1,3 Milliarden Menschen nutzen laut WHO Tabak (zum Rauchen, Kauen oder Schnupfen), und an dem Konsum sterben weltweit jedes Jahr mehr als acht Millionen. Darunter seien 1,2 Millionen Nichtraucher, die durch Passivrauchen umkommen, einschließlich 65.000 Kinder.

Höchste Standards in Brasilien und der TĂŒrkei

Auch E-Zigaretten steht die WHO skeptisch gegenĂŒber: «E-Zigaretten enthalten keinen Tabak, sind aber gesundheitsschĂ€dlich und nicht sicher», schreibt sie auf ihrer Webseite. Es sei jedoch noch zu frĂŒh, um eine eindeutige Antwort zu geben, was die langfristigen Auswirkungen des Konsums angehe.

Die höchsten Standards fĂŒr eine tabakfreie Welt haben lange nur zwei LĂ€nder gehabt: Brasilien und die TĂŒrkei. Seit dem letzten Bericht 2021 sind zwei weitere dazugekommen, berichtete die WHO: Mauritius und die Niederlande. Allerdings verweist die WHO darauf, dass sie fĂŒr diese Erhebung nur die Gesetzeslage prĂŒft, nicht aber die Umsetzung im Land. So hĂ€tten zwar 87 Prozent der LĂ€nder Bußgelder im Gesetz vorgesehen, wenn gegen Rauchverbote verstoßen werde. Aber weniger als ein Drittel finanziere die Überwachung des Verbots.

In Deutschland gebe es unnötig viele Tote durch das Rauchen, sagte Krech. Das sei eine Hauptursache fĂŒr MissstĂ€nde im Gesundheitssystem. Effektive PrĂ€vention wĂŒrde dafĂŒr sorgen, dass weniger Menschen durch Rauchen Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen oder Atemwegsprobleme bekĂ€men und ins Krankenhaus mĂŒssten.

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